Barfuß durch Sparta mit Saties Gymnopedie No 1
Die Hintergründe
Trois Gymnopédies, No. 1 (1888)

Ich bin Erik Satie, und hier erzähle ich dir die Vorgeschichte meiner Gymnopedie No 1. Du erfährst, wie dieses leise Klavierstück über zwanzig Jahre auf seinen Ruhm warten musste, bis der Pianist Maurice Ravel es um 1911 berühmt machte, und das ist eine schöne Geschichte über Geduld. Hier lehren dich meine Komponistenkollegen und ich auch, unsere Stücke beim Erklingen zu erkennen, und du kannst es gleich im Trainer ausprobieren .
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Ein Pianist zwischen Cabaret-Tischen
Ich wurde 1866 in Honfleur geboren und verdiente mein Geld später in Paris am Klavier. Ich spielte in den Cabarets auf dem Montmartre, im Le Chat Noir und im Le Lapin Agile. Wer dort spielt, lernt schnell, dass Musik auch dann bestehen muss, wenn nicht jeder im Raum zuhört. Vielleicht habe ich deshalb später lieber leise Stücke geschrieben, die nicht um Applaus betteln.Drei kleine Stücke und ein junger Mann
Im Frühjahr 1888 hatte ich drei Stücke für Klavier fertig, die Trois Gymnopédies. Ob ich dabei 21 oder 22 Jahre alt war, darüber streiten sich die Quellen, und ich lasse sie ruhig streiten. Die Gymnopedie No 1 ist die erste dieser Reihe und für ein einziges Instrument geschrieben, nämlich das Klavier. Mehr brauchte ich nicht, denn ein Klavier und zwei Hände genügen, wenn man niemandem etwas beweisen muss.Nackte Spartaner und ein sehr ruhiges Klavier
Der Titel geht auf die Gymnopaedia zurück, ein Fest im alten Sparta, bei dem Männer nackt tanzten und im Chor sangen. Ob sie wirklich nackt waren oder nur unbewaffnet, darüber sind sich die Gelehrten bis heute nicht einig. Man könnte nun einen wilden Kriegstanz erwarten, aber meine Musik schreitet eher gemächlich im Kreis. Wer bei diesem Titel Krieger erwartet, wird von mir freundlich enttäuscht.Wer hat mir den Titel eingeflüstert?
Ich habe gern behauptet, Flauberts Salammbô habe mich auf den Namen gebracht. Allerdings erschien 1888 neben meiner Musik ein Gedicht von Contamine de Latour mit dem Titel „Les Antiques“. Was mich nun wirklich auf die Idee brachte, weiß niemand sicher, und ich werde es bestimmt nicht verraten. Ein Komponist muss schließlich nicht alles erklären, sonst hätten die anderen ja nichts mehr zu rätseln.Widmungen auf der Titelseite
Die Nummer 1 habe ich Mademoiselle Jeanne de Bret gewidmet. Die zweite Gymnopédie ging an meinen Bruder Conrad, die dritte an Charles Levadé. So bekam jeder seinen eigenen Namen über die Noten gesetzt, und es gab keinen Streit darüber, wer zuerst dran war. Auch bei den Tempoangaben bin ich mir treu geblieben, denn die zweite heißt „Lent et triste“ und die dritte „Lent et grave“, es ist also immer langsam.Mein Auftritt im Familienblatt
Gedruckt wurden die Stücke 1888 in der Zeitschrift La Musique des familles, so wird es meistens erzählt. Ganz sicher ist das nicht, denn manche Quellen sagen, die Nummer 1 sei erst 1895 auf eigene Kosten erschienen. Für die zweite Gymnopédie steht jedenfalls das Jahr 1895 fest. Schon der Name der Zeitschrift verrät, dass solche Noten fürs Klavier im Wohnzimmer gedacht waren und nicht für die große Konzertbühne.Zwei Akkorde, die sich nicht entscheiden können
Das Stück steht in D-Dur im Dreivierteltakt, und trotzdem ist es kein Walzer. Die Harmonie wechselt immer wieder zwischen einem G-Dur-Septakkord und einem D-Dur-Septakkord. Diese Klänge sind weich und schweben ein wenig, als wüssten sie selbst nicht genau, wohin sie gehören. Gerade dieses Schweben sorgt dafür, dass man lange zuhören kann, ohne müde zu werden.Über zwanzig Jahre Wartezeit
Nach der Entstehung vergingen mehr als zwanzig Jahre, bis die Gymnopedie No 1 wirklich bekannt wurde. Berühmt wurde sie um 1911, und zwar durch den Pianisten Maurice Ravel. Ich hatte in der Zwischenzeit gelernt, geduldig zu sein, oder zumindest so zu tun. Es ist ein tröstlicher Gedanke, dass ein leises Stück auch nach Jahrzehnten noch gehört werden kann.Debussy leiht dem Stück ein Orchester
Auf meine Bitte hin hat Claude Debussy die Nummern 1 und 3 für Orchester bearbeitet. Dabei drehte er die Reihenfolge um, und so wurde meine erste Gymnopédie in seiner Fassung zur dritten. Die erste Aufführung mit Orchester fand 1896 statt, auch wenn manche Quellen für die Bearbeitung eher den Februar 1897 nennen. In seiner Version spielen unter anderem Flöte, Oboe, Harfe und Streicher, und durch ihn wurde das Stück noch mehr Menschen bekannt.Was Ravel über mich sagte
Ravel meinte einmal, ich hätte mehrere Generationen französischer Komponisten beeinflusst, nämlich Debussy, ihn selbst und die Gruppe Les Six. Später habe ich mit Picasso, Diaghilev und Cocteau am Ballett Parade gearbeitet. Das klingt nach einem ganz anderen Ton als meine Gymnopedie, aber es kam alles aus demselben Kopf. Wenn du nach dem letzten Ton ein wenig stiller geworden bist als vorher, dann habe ich mein Ziel erreicht.---
Nun sitze ich am Ende dieser kleinen Geschichte und frage mich, ob sie dir gefallen hat. Hat es dir Freude gemacht, etwas über die Entstehung meiner Gymnopedie No 1 zu erfahren? Mich selbst wundert es immer noch ein wenig, dass ein so stilles Stück, das nur gut drei Minuten dauert, so viele Jahre später so weit getragen wurde. Vielleicht liegt es daran, dass es nichts beweisen will und dir einfach Raum zum Zuhören lässt. Und wenn du magst, lass es beim nächsten Mal ganz in Ruhe auf dich wirken, ohne nebenbei etwas anderes zu tun. Du wirst merken, dass in dieser Musik noch viel mehr steckt, als eine einzige Geschichte erzählen kann. Es gibt noch einige Seiten dieser Gymnopedie No 1, die du entdecken kannst, zum Beispiel wie sie klingt, wenn ein ganzes Orchester sie spielt. Über die Links hier unten kommst du direkt weiter, also klick dich ruhig hindurch und lass dich überraschen. Ich freue mich, wenn du dabei noch ein bisschen bei mir bleibst.
