Auf dünnem Eis bei Vivaldis Violin Concerto No. 4 in F minor, RV 297, "Winter" (The Four Seasons)
Die Hintergründe

Violin Concerto No. 4 in F minor, RV 297

Vivaldi erzählt die Hintergründe zu Violin Concerto No. 4 in F minor, RV 297, "Winter" (The Four Seasons)
Ich bin Antonio Vivaldi, und hier erzähle ich Ihnen die Vorgeschichte meines Violinkonzerts Nr. 4 in f-Moll, RV 297, "Winter" (Die vier Jahreszeiten). Sie erfahren, wie "Winter" 1725 in Amsterdam gedruckt wurde und welchem Grafen Morzin ich die ganze Sammlung widmete, und damit wissen Sie, wie dieses Konzert in die Welt hinauskam. Dass Sie unsere Stücke schon nach wenigen Takten erkennen, bringen meine Kollegen und ich Ihnen hier bei, und  im Trainer  können Sie sich gleich daran versuchen.
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Der Letzte macht die Tür zu

Ich habe "Winter" als viertes und letztes Konzert der Vier Jahreszeiten geschrieben, und es steht in f-Moll. Die Vier Jahreszeiten sind allerdings kein Werk für sich, sondern die ersten vier Konzerte einer Sammlung von zwölf, die als Opus 8 erschien. "Winter" ist also Opus 8 Nr. 4, und im Verzeichnis meiner Werke trägt es die Nummer RV 297. Den Namen hat es ganz einfach davon, dass Sonett und Musik diese Jahreszeit schildern.

Ein Titel mit doppeltem Boden

Die ganze Sammlung nenne ich "Il cimento dell'armonia e dell'inventione". Ich stelle darin die Harmonie, also das handwerkliche Können beim Komponieren, der Erfindung gegenüber, also der Fantasie. Man kann "cimento" aber auch als Prüfung verstehen, als Probe, ob beides zusammenpasst. Ob ich bestanden habe, überlasse ich Ihrem Urteil, aber ich bin da ganz zuversichtlich.

Wann genau? Da streiten die Gelehrten

Das genaue Jahr, in dem ich "Winter" geschrieben habe, ist nicht überliefert, und die Quellen nennen unterschiedliche Zeiträume. Manche denken an 1716 und 1717, andere an die Jahre 1718 bis 1723, und eine Angabe nennt schlicht 1723. Sicher ist nur, dass ich in dieser Zeit als Kapellmeister am Hof in Mantua wirkte. Wer mir ein genaues Datum entlocken will, bekommt von mir deshalb ein freundliches Schulterzucken.

Zwei Konzerte im Monat, bitte

1717 oder 1718 bot mir Prinz Philipp von Hessen-Darmstadt, der Statthalter von Mantua, die Stelle des Kapellmeisters an. Ich blieb ungefähr drei Jahre. Ab 1718 bezahlte mich außerdem das Ospedale della Pietà in Venedig dafür, dass ich zwei Konzerte im Monat schrieb, und das, obwohl ich oft unterwegs war. Ein Komponist mit Notenpapier im Reisegepäck, so kann man sich mich in jenen Jahren ganz gut vorstellen.

Ein Gedicht als Gebrauchsanweisung

Zu jedem Konzert der Vier Jahreszeiten gehört ein Sonett, also ein kurzes Gedicht mit festem Aufbau. Möglicherweise stammt es von mir selbst, aber ganz sicher weiß man das nicht. Seine drei Abschnitte passen zu den drei Teilen des Konzerts, sodass man beim Hören gewissermaßen mitlesen kann. Am Ende sagt das Gedicht, dass der Winter trotz aller Kälte auch seine eigenen Freuden bringt, und das gefällt mir als Schluss.

Drei Gänge in neun Minuten

Ein Konzert ist in Sätze gegliedert, das sind in sich abgeschlossene Abschnitte, ungefähr wie die Gänge eines Menüs, und bei "Winter" folgen sie der Ordnung schnell, langsam, schnell. Das Allegro non molto in f-Moll ist die kräftige Vorspeise, und die italienischen Wörter über den Sätzen sagen Ihnen einfach, wie rasch gespielt werden soll. Das Largo in Es-Dur ist der ruhige Hauptgang, bei dem man sich bewusst Zeit lässt. Zum Schluss kehrt das Allegro nach f-Moll zurück und serviert den lebhaften Nachtisch, und nach etwa neun Minuten ist alles aufgetragen.

Wer spielt hier eigentlich mit?

Gespielt wird das Konzert von einer Solovioline und einem Streichorchester aus ersten und zweiten Geigen, Bratschen, Celli und Bässen. Dazu kommt der Basso continuo, eine Begleitstimme, die Rhythmus und Harmonie trägt und die man als eigene Melodie kaum wahrnimmt. Das ganze Konzert lebt davon, dass das Orchester und die Solistin oder der Solist abwechselnd das Wort ergreifen, ein bisschen wie ein Gespräch, in dem keiner den anderen ausreden lässt. Im letzten Teil lasse ich Celli, Bässe und Continuo in einem Abschnitt sogar pausieren, und der Klang wird dadurch heller und dünner.

Gedruckt in Amsterdam

1725 erschien das Opus 8 in Amsterdam beim Verleger Michel-Charles Le Cène. Gewidmet habe ich es Wenzel Graf von Morzin, einem Berater von Kaiser Karl VI. Weil die Widmung schon vorlag, dürften die Konzerte vorher bereits in Umlauf gewesen sein, aber wann und wo "Winter" zum ersten Mal erklang, ist nicht überliefert. Im selben Jahr kehrte ich übrigens nach Venedig zurück.

Vom Notenständer zurück ins Rampenlicht

Ich selbst starb 1741 in Wien, mit 63 Jahren und ohne Vermögen. Dass meine Musik später wieder so gefragt war, hat auch mit Louis Kaufman zu tun, dessen amerikanische Aufnahme der Vier Jahreszeiten von 1947 half, mich in Europa und Amerika neu bekannt zu machen. Die Aufnahme von Nigel Kennedy aus dem Jahr 1989 verkaufte sich dann über drei Millionen Mal. Die Vier Jahreszeiten gelten heute als frühes großes Beispiel für Programmmusik, also für Musik, die eine Geschichte erzählt, und in der Hall of Fame von Classic FM landeten sie auf Platz 67.

Mein Winter, neu aufgelegt

Max Richter hat 2012 gemeinsam mit dem Geiger Daniel Hope seine Fassung "Recomposed" veröffentlicht, in der er etwa 75 Prozent des ursprünglichen Materials weglässt. Auch mein Largo wurde vielfach neu bearbeitet, zum Beispiel von Celtic Woman und als Chorfassung von Accentus. Ich nehme das als Kompliment, denn eine Melodie, die sich so oft verkleiden lässt, muss ziemlich tragfähig sein. Wer nach den neun Minuten Winter also noch nicht genug hat, findet erstaunlich viele Möglichkeiten weiterzuhören.
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Damit schließe ich meine kleine Geschichte über das Violinkonzert Nr. 4 in f-Moll, RV 297, "Winter", und ich hoffe, sie hat Ihnen beim Lesen ebenso viel Freude gemacht wie mir beim Erzählen. Hat Ihnen der Blick hinter die Kulissen von "Winter" gefallen? Wenn ich auf dieses Konzert zurückschaue, staune ich selbst ein wenig, wie viel Wärme in einem Stück stecken kann, das von Frost und Eis handelt. Vielleicht hören Sie es beim nächsten Mal mit anderen Ohren, gerade dann, wenn draußen wirklich der Winter anklopft. Und es gibt noch viel mehr zu entdecken: Ich habe längst nicht alles erzählt, was in diesem Konzert und um dieses Konzert herum steckt. Stöbern Sie also gern weiter, hören Sie genau hin, und klicken Sie auf die Links, die Sie hier finden, um tiefer in "Winter" einzutauchen.