Glockenläuten und Fingerakrobatik bei Liszts La campanella
Der Hörführer
Grandes études de Paganini, S. 141: No. 3 in G-sharp minor

Schön, dass du da bist: Ich bin Franz Liszt, und dies ist mein Hörführer zu La campanella. Hier zeige ich dir, worauf du achten kannst, wenn meine zehn Finger am Soloklavier gleichzeitig eine tänzerische Melodie spielen und in weiten Sprüngen immer wieder das helle Glöckchen im hohen Register anschlagen. Wenn du lernen möchtest, wie du unsere Musik beim Hören sofort erkennst, helfen meine Kollegen und ich dir hier auf der Seite gern dabei – teste doch mal den Trainer .
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Zehn Finger ersetzen ein ganzes Orchester
Für La campanella brauche ich kein großes Orchester, denn ich habe das gesamte Stück allein für das Soloklavier geschrieben. Wenn du zuhörst, achte vor allem auf das Wechselspiel im oberen Register, wo die rechte Hand gleichzeitig eine tänzerische Melodie und einen immer wiederkehrenden hohen Ton anschlägt. Die linke Hand hält währenddessen im 6/8-Takt das Fundament zusammen und sorgt dafür, dass der tänzerische Schwung nicht verloren geht. Manchmal muss eine einzige Hand hier so schnell an zwei völlig verschiedenen Orten auf den Tasten sein, als würde man versuchen, beim Tischtennis gegen sich selbst zu spielen.Wie ein kleines Glöckchen auf die Tasten kam
Offiziell trägt mein Werk aus dem Jahr 1851 den recht nüchternen Namen Grandes études de Paganini, S. 141: No. 3 in G-sharp minor, aber fast jeder nennt es einfach La campanella. Das ist Italienisch und bedeutet schlicht das Glöckchen, weil Niccolò Paganini im Schlusssatz seines zweiten Violinkonzerts genau diese Melodie immer wieder von einer echten kleinen Handglocke begleiten ließ. Auf dem Klavier hatte ich natürlich keine Glocke zur Hand, also ließ ich stattdessen die höchsten Tasten im Diskant immer wieder hell und glasklar aufblitzen. So klingelt es nun eben aus Holz und Draht statt aus gegossenem Metall, ohne dass auf der Bühne jemand im Frack mit einem Glöckchen wedeln muss.Immer dasselbe Lied, aber jedes Mal im neuen Anzug
Wer bei der Form von La campanella auf eine strenge Sonate tippt, liegt daneben, denn ich habe mich für eine Reihe von Variationen über das Rondothema von Niccolò Paganini entschieden. Das bedeutet im Grunde, dass ich dir ein und dieselbe einprägsame Melodie immer wieder vorstelle, ihr aber bei jedem Auftritt ein völlig neues musikalisches Kleid anziehe. Vom ersten zarten Anklingeln in gis-Moll über immer dichtere Läufe bis hin zur feurigen Coda am Schluss steigert sich der Anspruch an den Spieler von Mal zu Mal. Schauen wir uns diese Stationen jetzt der Reihe nach an, damit du beim Hören genau weißt, in welcher Kurve es besonders rasant wird.Abschnitt 1: Ein sanfter Start mit weiten Sprüngen
Wir beginnen im Allegretto, also in einem recht gemütlichen, fast schwebenden Tempo, das überhaupt noch nicht nach großem Tastensturm klingt. In einem leicht wehmütigen gis-Moll schleicht sich das Thema auf Zehenspitzen herein, während zwischen den Melodietönen immer wieder das hohe Glöckchen anklingt. Schon hier muss die rechte Hand allerdings bis zu zwei Oktaven weit hin und her springen, ohne dass man ihr die Anstrengung anhören darf. Es wirkt ein wenig wie ein Kellner, der mit einem voll beladenen Tablett scheinbar mühelos durch ein volles Kaffeehaus tänzelt.Abschnitt 2: Wenn die Töne ins Stottern geraten – aber mit Absicht
In den folgenden Variationen bleibt die Grundstimmung zwar verspielt, doch das Klangbild wird plötzlich viel dichter und perlend. Ich lasse hier ein und denselben Ton blitzschnell mehrfach hintereinander anschlagen, bevor die Melodie zum nächsten Schritt weiterwandert. Später kommen noch Triller in den äußeren, schwächeren Fingern der rechten Hand hinzu, während die restlichen Finger unbeirrt die Melodie weiterspielen. Für die Ohren klingt das wie ein glitzernder Regenschauer im Sonnenschein, für die Hand des Pianisten ist es eher ehrliche Schwerstarbeit.Abschnitt 3: Das große Finale ohne Verschnaufpause
Gegen Ende münden die Variationen direkt in eine mitreißende Coda, in der ich alle Zurückhaltung über Bord werfe. Das Tempo zieht spürbar an, die Klänge schwellen mächtig an, und aus dem feinen Klingeln des Anfangs wird ein volles, strahlendes Geläut über die gesamte Breite der Klaviatur. Hier stürmen beide Hände mit rasenden Läufen und kräftigen Akkorden auf den Schluss in gis-Moll zu, sodass kaum noch Zeit zum Luftholen bleibt. Am Ende verabschiedet sich das Stück mit einem letzten entschlossenen Auftrumpfen, nach dem man als Zuhörer meistens erst einmal kurz durchatmen muss.Jetzt bist du an der Reihe
Damit bist du bestens gerüstet, dir La campanella jetzt selbst in aller Ruhe anzuhören. Drück einfach auf Start und lass dich von den hellen Glockentönen durch das Stück tragen. Vielleicht achtest du unterwegs ja einmal darauf, wie sich das schlichte Thema von Variation zu Variation verwandelt. Ich wünsche dir beim Zuhören genauso viel Freude, wie ich sie damals in Weimar hatte, als ich diese Fassung zu Papier brachte!---
Hat es dir Freude gemacht, gemeinsam mit mir genau hinzuhören, worauf es bei La campanella ankommt? Hinter diesem kleinen Glöckchen verbergen sich aber noch einige weitere spannende Geschichten und besondere Stellen, die ich dir gerne zeigen möchte. Klick einfach auf die weiteren Links hier auf der Seite, wenn du noch tiefer in mein Stück eintauchen willst.
