Stille Einkehr und Geigenklang bei Massenets Meditation from Thais
Die Hintergründe
Méditation from Thaïs

Schön, dass du da bist: Ich bin Massenet, und hier erzähle ich dir die Entstehungsgeschichte meiner Meditation from Thais. Du erfährst hier, wie meine Bewunderung für die Sängerin Sibyl Sanderson zu einer Oper führte, deren kurzes Zwischenspiel für Geige am Ende noch berühmter wurde als das Bühnenwerk selbst. Auf dieser Seite bringen meine Kollegen und ich dir außerdem bei, unsere Musikstücke schon nach wenigen Takten zu erkennen – starte hier direkt das Training .
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Eine Muse kommt selten allein
Als ich mich im Jahr 1892 an meine neue Oper Thaïs setzte, lief es beruflich für mich eigentlich schon ziemlich rund. Ich unterrichtete Komposition am Pariser Konservatorium und durfte mich gerade über den frischen Erfolg meiner Oper Werther freuen. Der eigentliche Auslöser für mein neues Werk war aber die amerikanische Sopranistin Sibyl Sanderson, eine enge Freundin und meine große Muse. Für sie hatte ich 1889 schon die Titelrolle in Esclarmonde geschrieben, und nun wollte ich ihr unbedingt ein weiteres großes Bühnenwerk direkt auf den Leib schneidern.Zwischen Großstadttrubel und Landluft
Als Vorlage diente uns ein Roman von Anatole France aus dem Jahr 1890, aus dem Louis Gallet für mich ein französisches Textbuch in drei Akten formte. Ich arbeitete zwischen 1892 und 1893 eifrig an den Noten, mal mitten im geschäftigen Paris und mal im ruhigen Égreville. Wenn man über Mönche und innere Einkehr komponiert, schadet so ein gelegentlicher Tapetenwechsel raus aus der Großstadt schließlich überhaupt nicht. Am 22. Oktober 1893 setzte ich dann in Paris den letzten Federstrich unter die fertige Partitur.Ordnung muss nicht immer sein
Wer in meinen Werkverzeichnissen nach einer klassischen Opusnummer für diese Oper sucht, wird allerdings mit leeren Händen dastehen. Ich habe meinen Opern nämlich grundsätzlich keine solchen Nummern gegeben, weil ich diese trockene Buchhaltung bei Bühnenwerken ziemlich überflüssig fand. Spätere Kataloge haben das Stück dann brav unter Kürzeln wie DO 24 oder IJM 237 einsortiert, damit auch ja nichts durcheinanderkommt. Für mich zählte aber nur die Musik selbst, und nicht das kleine Schildchen im Archivschrank.Wenn den Sängern die Worte fehlen
Mitten im zweiten Akt, genau zwischen der ersten und der zweiten Szene, stand ich vor einer spannenden dramatischen Aufgabe. Die Kurtisane Thaïs aus Alexandria entscheidet sich nach der Begegnung mit dem Mönch Athanaël für ein neues, christliches Leben, und dieser stille Wendepunkt brauchte Raum. Statt einer großen Gesangsnummer schrieb ich dafür die Meditation from Thais als rein instrumentales Zwischenspiel, bei dem die Hauptdarsteller einfach mal Pause haben. In D-Dur und mit der Vortragsbezeichnung Andante religioso übernimmt die Sologeige hier das Erzählen ganz ohne Worte.Unsichtbare Helfer hinter den Kulissen
Viele Hörer denken heute, ich hätte das Stück von Anfang an einfach nur für Geige und Klavier komponiert. In meiner ursprünglichen Opernfassung sieht die Besetzung allerdings deutlich üppiger aus, denn dort spielen neben der Sologeige ein ganzes Orchester samt Harfen mit. Wenn die ruhige Hauptmelodie nach dem leidenschaftlichen Mittelteil zurückkehrt, mischt sich in der Oper sogar ein unsichtbarer Chor ohne Worte hinter der Bühne dazu. Das klingt dann fast so, als würde der Himmel persönlich leise mitsummen, auch wenn man das im normalen Konzertsaal meistens weglässt.Ein Träger sorgt für Gesprächsstoff
Am 16. März 1894 feierten wir schließlich die Uraufführung an der Pariser Opéra Garnier unter der Leitung von Paul Taffanel. Sibyl Sanderson sang natürlich die Titelrolle an der Seite von Jean-François Delmas als Athanaël, und schon im ersten Akt gab es einen unvergesslichen Moment. Mitten auf der Bühne riss oder verrutschte nämlich plötzlich ein Träger an Sibyls Kostüm, sodass sie unverhofft ziemlich freizügig vor dem Pariser Publikum stand. Bis heute streiten sich die Leute darüber, ob das nun ein ehrliches Missgeschick beim Nähen war oder ein sehr geschickter Werbetrick für den Ticketverkauf.Kritiker sind auch nur Menschen
Die Zeitungskritiker taten sich bei dieser ersten Aufführung mit der gesamten Oper allerdings noch ein wenig schwer. Meine Mischung aus frommen religiösen Fragen und sinnlicher Erotik war einigen Herren im Parkett wohl doch etwas zu gewagt für einen einzigen Opernabend. Während über das Bühnenwerk also noch kräftig diskutiert wurde, eroberte die Meditation from Thais die Herzen der Zuhörer sofort im Sturm. Ich überarbeitete die Oper später noch einmal für eine neue Premiere im April 1898, aber an diesem Zwischenspiel musste ich keinen einzigen Ton mehr retten.Vom Opernhaus ins Wohnzimmer
Noch im Premierenjahr 1894 brachte mein Pariser Verlag Heugel & Cie die Noten der Oper heraus. Gleichzeitig veröffentlichte der Verlag auch eine praktische Fassung der Meditation from Thais nur für Violine und Klavier, die der belgische Geiger Martin-Pierre Marsick eingerichtet hatte. Damit konnte das Stück plötzlich überall gespielt werden, ohne dass man gleich ein komplettes Opernhaus samt Orchestergraben mieten musste. Es wurde in kürzester Zeit zu einem weltweiten Triumph und zu einer der beliebtesten Zugaben für Geiger überhaupt.Keine falsche Entspannung
Wegen des Titels glauben manche Leute heute, meine Musik hätte etwas mit fernöstlicher Entspannung oder einer gemütlichen Ruhestunde auf dem Sofa zu tun. In frühen Ausgaben hieß das Stück manchmal noch Méditation religieuse, und einen anderen Spitznamen hat es von mir nie bekommen. Es geht darin schließlich um eine handfeste seelische Krise im Ägypten des vierten Jahrhunderts und nicht um einen ruhigen Feierabend. Wer im Mittelteil mit der Bezeichnung Poco più appassionato genau hinhört, merkt auch schnell, dass es im Herzen meiner Hauptfigur ganz schön stürmisch zugeht.Von großen Geigern bis aufs Glatteis
Es macht mich natürlich stolz, dass sich später so berühmte Geigenvirtuosen wie Fritz Kreisler, Jascha Heifetz, Itzhak Perlman, Joshua Bell und Anne-Sophie Mutter meines Stückes angenommen haben. Außerdem gibt es inzwischen unzählige Bearbeitungen für Flöte, Cello und alle möglichen anderen Soloinstrumente, die meinen Melodiebogen ebenfalls gerne ausleihen. Sogar auf dem glatten Eis ist meine Musik gelandet, denn Eiskunstläuferinnen wie die Olympiasiegerin Yuna Kim haben zu diesen Klängen ihre Runden gedreht. Dass eine innere Einkehr aus der ägyptischen Wüste eines Tages auf Schlittschuhen gefeiert wird, hätte ich mir 1893 in Paris sicher nicht träumen lassen.---
Hat dir dieser kleine Blick hinter die Kulissen meiner Meditation from Thais gefallen? Rund um dieses Stück gibt es aber noch einiges mehr zu entdecken. Klick dich einfach durch die Links hier auf der Seite, wenn du noch tiefer in meine Meditation from Thais eintauchen möchtest.
