Bis zum Morgengrauen mit Puccinis Nessun dorma
Der Hörführer

Nessun dorma, from Turandot, SC 91

Puccini präsentiert einen Hörführer zu Nessun dorma
Ich bin Giacomo Puccini, und das hier ist dein Hörführer zu Nessun dorma. Du hörst, wie ein einzelner Tenor im nächtlichen Garten leise beginnt und seine Melodie immer höher trägt, bis sie im letzten Ruf „Vincerò!“ ganz aufgeht. Hier bringen dir auch meine Kollegen und ich bei, unsere Stücke beim Hören zu erkennen, und ob dir das gelingt, zeigt dir  ein Versuch im Trainer .
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So hörst du zu, auch ohne Vorkenntnisse

Ich verrate dir zuerst, worauf du achten kannst: Im Mittelpunkt steht ein einzelner Tenor, und alles andere ist dafür da, ihn zu tragen. Für Turandot habe ich ein großes Orchester besetzt, unter anderem mit Streichern, Hörnern, Posaunen und gleich zwei Harfen. Die Streicher bilden meist den warmen Teppich, auf dem die Stimme läuft, und wenn die Blechbläser dazukommen, wird es feierlich. Hör also zuerst auf die Stimme, dann auf das, was darunter geschieht, und lass dich vom Rest einfach überraschen.

Warum ausgerechnet vom Schlafen abgeraten wird

Der Titel Nessun dorma heißt auf Deutsch „Niemand soll schlafen“. Ich habe ihn nicht frei erfunden, denn er stammt aus dem Befehl, den Turandot in der Oper erlässt. Dass ich ihn auch der Arie gegeben habe, hat einen guten Grund: Dieser Befehl soll allen die Nachtruhe nehmen. Bei Calaf verwandelt er sich in ein Versprechen, und genau diese Wandlung erzählt die Musik.

Weder Sonate noch Rondo: eine Arie mit Dramaturgie

Die Form war für mich ein kleines Abenteuer, denn eine Arie folgt keinem Schulbuchschema wie die Sonate oder das Rondo. Sie steht in G-Dur, dauert etwa drei bis vier Minuten und entwickelt sich wie eine kleine Szene, die immer weiter wächst. Ich teile sie dir in vier Abschnitte ein: das Echo der Herolde, das Warten, den fernen Frauenchor und den Schlussruf. Gleich gehe ich sie einzeln mit dir durch, und du wirst merken, wie genau sie ineinandergreifen.

Abschnitt 1: Der Herold ruft, und ein anderer antwortet

Die Arie beginnt mit einem Echo auf das, was die Herolde zuvor verkündet haben. Es klingt ruhig und fast flüsternd, als hielte die ganze Stadt den Atem an. Calaf nimmt diese Worte auf und singt sie in der Stille des Gartens noch einmal, aber mit ganz anderer Haltung. Aus dem Befehl wird hier schon leise ein Gedanke, und das ist der Grund, warum man so gespannt zuhört.

Abschnitt 2: Der Prinz rechnet im Kopf schon nach

Danach singt Calaf in langen, weichen Bögen, und mit jeder Phrase steigt die Melodie ein Stück höher. Das Orchester stützt ihn, und seine Zuversicht wächst Takt um Takt, ohne dass die Musik hastig würde. Achte darauf, wie sich die Stimmung verschiebt: Aus der nächtlichen Ruhe wird allmählich ein Gefühl von Gewissheit. Hier erzähle ich dir fast nur mit der Steigerung, was in ihm vorgeht.

Abschnitt 3: Stimmen von weit hinter der Gartenmauer

Kurz vor dem Höhepunkt hörst du in der Ferne den Frauenchor. Er klingt, als würde er aus einem anderen Teil des Palastes herüberwehen, und er nimmt der Musik für einen Atemzug die Schwere. Es ist die Ruhe, bevor alles hell wird, und genau dafür habe ich diesen Moment gebaut. Wenn der Chor verklingt, setzt der Tenor wieder an und schiebt die Melodie unaufhaltsam nach oben.

Abschnitt 4: Der Schlussruf, auf den alle warten

Ganz am Ende steht der Ruf „Vincerò!“, zuerst auf einem hohen H und dann auf einem längeren A. In meiner Partitur ist das H nur ein kurzes Sechzehntel und das A eine ganze Note, und ich habe keinen von beiden ausdrücklich zum Halten bestimmt. Die langen Haltetöne, auf die das Publikum wartet, gehören also zur Aufführungstradition und nicht zu dem, was ich aufgeschrieben habe. Dass die Arie 1990 durch die BBC-Übertragungen der Fußball-Weltmeisterschaft in Italien weltberühmt wurde, wäre mir damals nicht im Traum eingefallen.

Und jetzt: Vorhang auf, Lautstärke hoch

Jetzt lade ich dich ein, Nessun dorma selbst zu erleben. Drück auf Play und lass dich von der Musik tragen. Behalte beim Hören ruhig im Kopf, was wir gerade besprochen haben. Ich hoffe, die Reise durch mein Nessun dorma packt dich so sehr, wie sie mich beim Schreiben gepackt hat.
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Ich hoffe, es hat dir Freude gemacht, mehr über Nessun dorma zu erfahren, und dass du die Arie jetzt mit ein wenig anderen Ohren hörst. Mir liegt dieses Stück besonders am Herzen, denn ich habe Turandot bis 1924 geschrieben und konnte sie nicht mehr zu Ende bringen. Dass Calafs Ruf „Vincerò!“ trotzdem so viele Menschen erreicht, auch lange nach meiner Zeit, bewegt mich noch immer. Hast du dir die Arie gern mit mir zusammen angehört? Und wenn du sie beim nächsten Mal hörst, achte doch einmal darauf, wie ruhig sie beginnt und wie sie sich dann Schritt für Schritt zum Ende hin öffnet. Es gibt rund um Nessun dorma noch viel mehr zu entdecken, zum Beispiel, wie die Arie im Fußball, im Film und in großen Konzerten ihren Weg zu so vielen Zuhörern gefunden hat. Auch die Oper selbst, aus der sie stammt, hat noch manche Geschichte zu erzählen. Wenn du neugierig geworden bist, klick gern auf die Links hier, und stöbere dort weiter in der Welt von Nessun dorma. Ich wünsche dir viel Freude beim Entdecken und beim Hören.