Tränen und Trost mit Bachs St Matthew's Passion
Die Hintergründe

St Matthew Passion (Matthäus-Passion), BWV 244

Bach erzählt die Hintergründe zu St Matthew's Passion
Ich bin Johann Sebastian Bach, und hier erzähle ich dir die Vorgeschichte meiner Matthäus-Passion. Du erfährst, wie ich für den Karfreitag in der Leipziger Thomaskirche, wahrscheinlich im Jahr 1727, ein Werk für zwei Chöre und zwei Orchester schrieb, das bis heute so nah geht. Auf dieser Seite lernst du mit mir und meinen Komponistenkollegen, unsere Stücke zu erkennen, sobald sie erklingen, und wenn du Lust hast, kannst du das gleich  im Trainer testen .
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Ein neuer Job mit viel Kirchenstaub

Seit 1723 bin ich Thomaskantor in Leipzig, und das heißt vor allem: Die Stadt wartet ständig auf neue Musik von mir. Geboren bin ich 1685 in Eisenach, aber mein Alltag besteht jetzt aus Proben, Notenschreiben und noch mehr Notenschreiben. Der Karfreitag ist dabei der Tag, an dem die Leute im Gottesdienst ganz besonders viel erwarten. Also nehme ich mir vor, ihnen eine Passion zu schenken, die man nicht so schnell vergisst.

Das Drehbuch hat zwei Autoren

Der Kern der Geschichte steht bei Matthäus, in den Kapiteln 26 und 27, und diesen Bibeltext lasse ich singen. Zwischen den Szenen brauche ich aber Raum zum Nachdenken, und dafür dichtet mir Picander, der eigentlich Christian Friedrich Henrici heißt, freie Verse für Arien und Chöre. Dazu kommen die Choräle, die man in der Kirche kennt und bei denen die Gemeinde sich sofort zu Hause fühlt. Die Bibel erzählt also, was geschieht, und Picanders Dichtung fragt jedes Mal, was das mit uns zu tun hat, ein bisschen wie ein Freund, der nach dem Film neben dir sitzen bleibt.

Die Premiere, an die sich keiner genau erinnert

Wahrscheinlich erklang das Werk zum ersten Mal am Karfreitag, dem 11. April 1727, in der Thomaskirche in Leipzig. Ganz sicher ist das aber nicht, denn ältere Quellen behaupten, es könnte auch erst ein Karfreitag im Jahr 1729 gewesen sein. Die Geschichte erzählt also von einem großen Abend, dessen Datum später ausgerechnet die Gelehrten ins Grübeln bringt. Dass die Thomaskirche der Ort war, darüber sind sich die Quellen, die ich kenne, immerhin einig.

Wer alles mitmachen muss

Ich besetze das Stück mit zwei Chören, zwei Orchestern und einer Reihe von Solisten, es ist also eine ziemlich volle Kirche. Die Geschichte erzählt ein Tenor als Evangelist, der wie ein ruhiger Nachrichtensprecher durch die Ereignisse führt. In den Orchestern sitzen unter anderem zwei Querflöten, zwei Oboen, die an manchen Stellen zur Oboe d'amore oder zur Oboe da caccia wechseln, dazu Violinen, Bratsche und Basso continuo. Auch die Viola da gamba gehört dazu, ein Streichinstrument mit eigenem Charakter, das man nicht mit einem Cello verwechseln sollte.

Das Menü in 68 Gängen

Ein Satz ist für mich ein Gang in einem großen Menü: Jeder hat seinen eigenen Geschmack, und erst alle zusammen ergeben das ganze Essen. In meiner Passion gibt es davon 68, verteilt auf zwei Teile mit 29 und 39 Sätzen, und dazwischen wechseln sich Chöre, Arien, Choräle und der erzählende Evangelist ab. Gleich der erste Gang, „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“, ist der große Auftakt, und mit „Erbarme dich, mein Gott“ als Satz 39 stehst du mitten im Menü bei einem der zartesten Momente. Satz 57, „Komm, süßes Kreuz“, ist eine Bassarie mit Viola da gamba in d-Moll, und den letzten Gang, Satz 68, „Wir setzen uns mit Tränen nieder“, serviere ich als Schlusschor im 3/4-Takt.

Ich lasse nicht locker

Mit der einen Aufführung ist es für mich nicht getan, denn am 15. April 1729 erklingt die Passion noch einmal. Später folgen der 30. März 1736 und der 23. März 1742, ich nehme mir das Werk also immer wieder vor. Meine Handschrift von 1736 hat sich bis heute erhalten, und deshalb weiß man so gut, wie ich das Stück damals aufgeschrieben habe. Man könnte sagen, ich hänge an diesem Stück wie ein Schreiner an seinem Meisterstück.

Dornröschenschlaf mit Noten

Ich sterbe am 28. Juli 1750 in Leipzig, und danach wird es um die Matthäus-Passion sehr still. Fast hundert Jahre lang erklingt sie nicht mehr, wie ein Märchenschloss, an dem alle vorbeigehen. Dann taucht am 11. März 1829 in der Berliner Singakademie ein Zwanzigjähriger auf und dirigiert sie: Felix Mendelssohn. Für mich ist das noch heute ein kleines Wunder, denn ohne diesen jungen Mann wüssten vielleicht viel weniger Menschen, was in diesem Stück steckt.

Mendelssohn und seine Helfer

Allein hat Mendelssohn das nicht geschafft: Carl Friedrich Zelter steht hinter dem Plan, und Eduard Devrient hilft bei der Bearbeitung und beim Dirigieren. Die Fassung von 1829 ist allerdings gekürzt, denn zehn Arien, vier begleitete Rezitative und sechs Choräle fallen weg. Trotzdem wird die Aufführung am 21. März wiederholt. Am Karfreitag, dem 17. April 1829, dirigiert dann Zelter selbst, sodass die Passion in Berlin gleich dreimal erklingt.

Der Abend, der alles verändert

Dieses Konzert in Berlin war die erste Aufführung außerhalb Leipzigs seit meinem Tod. Man nennt es heute das zentrale Ereignis in der Wiederentdeckung meiner Musik. Seitdem wächst das Interesse an meinen Werken, und die Matthäus-Passion steht immer wieder auf den Programmen. So bleibt am Ende, was ich damals in Leipzig begonnen habe: eine Trauer, die dich nicht allein lässt.
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Wenn ich heute auf die Matthäus-Passion zurückschaue, staune ich ein wenig, wie weit dieses Werk gekommen ist. In Leipzig habe ich sie wohl am Karfreitag 1727 zum ersten Mal erklingen lassen, und damals hätte ich nicht gedacht, dass sie einmal so lange Wege gehen würde. Fast hundert Jahre, nachdem sie zuletzt erklungen war, holte der zwanzigjährige Felix Mendelssohn sie 1829 in Berlin zurück ans Licht. Dass ein so junger Mensch so viel Mut und Liebe für eine alte Partitur aufbringt, rührt mich bis heute. Hat dir der Blick hinter die Kulissen der Matthäus-Passion gefallen? Ich hoffe, du hörst den Anfang mit „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ jetzt ein bisschen anders, vielleicht aufmerksamer und mit dem Wissen, wie alles entstanden ist. Es gibt in diesem Werk noch viel mehr zu entdecken, zum Beispiel wie die Arien, die Chöre und die Choräle sich gegenseitig antworten und warum die Trauer am Ende so tröstlich klingt. Wenn du Lust hast, weiterzustöbern, dann klick einfach auf die Links hier in der Nähe. Dort kannst du tiefer in die Matthäus-Passion eintauchen, Stücke wiederhören und dir die Musik in Ruhe zu eigen machen. Ich wünsche dir dabei viele stille Momente, in denen die Musik für dich spricht.