Leidenschaft pur bei Beethovens Appassionata
Die Hintergründe
Piano Sonata No. 23 in F minor, Op. 57 ("Appassionata")

Ich bin Ludwig van Beethoven, und hier erzähle ich dir die Vorgeschichte meiner Appassionata. Du erfährst, warum diese Sonate einen Namen trägt, den ich selbst nie benutzt habe, und weshalb ein Verleger ihn erst lange nach meinem Tod daraufgeschrieben hat. Meine Komponistenkollegen und ich zeigen dir auf dieser Seite außerdem, wie du unsere Stücke beim Hören erkennst, und am besten gelingt dir das, wenn du den Trainer ausprobierst .
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Ein Name, den ich nie ausgesucht habe
Die Sonate heißt Appassionata, aber ich habe sie nie so genannt. Das Wort stammt aus einer Ausgabe für Klavier zu vier Händen, die 1838 bei Cranz in Hamburg erschien, also gut zehn Jahre nach meinem Tod im Jahr 1827. In meiner Partitur steht nicht einmal das Wort „appassionato“, ich habe die Leidenschaft ganz ohne Beschriftung hineingelegt. Mir ist der Name trotzdem recht, denn ein Verleger hat damit ausnahmsweise einmal gut zugehört.Ein Komponist wird schwerhörig
Im November 1792 bin ich von Bonn nach Wien gezogen, und dort ist aus mir allmählich der Komponist geworden, den du kennst. Ab etwa 1798 ließ mein Gehör nach, und im Oktober 1802 schrieb ich in Heiligenstadt einen Brief an meine Brüder, in dem ich von meiner Verzweiflung erzählte. Abgeschickt habe ich ihn nie, aber danach begann meine mittlere Schaffenszeit, in der ich gegen das Schicksal anschrieb, statt vor ihm zu kapitulieren. Die Appassionata gehört mitten in diese Jahre, und man hört ihr an, dass jemand sehr genau wusste, was es heißt, mit dem Rücken zur Wand zu stehen.Ein neues Klavier und viel Geduld
Ich habe ab 1804 an dieser Sonate gearbeitet und bin damit bis ins Jahr 1806 hinein beschäftigt gewesen. In dieser Zeit bekam ich einen neuen Erard-Flügel, und ich war von dem Instrument so angetan, dass ich ihm gleich ein ganzes Stück auf den Leib schrieb. Die Skizzen waren 1805 fertig, doch bis die Noten genau so klangen, wie ich sie im Kopf hatte, brauchte es noch eine ganze Weile. Ich bin kein Komponist, der etwas aufs Papier wirft und dann zufrieden zurücktritt.Für einen Freund mit Cello
Gewidmet habe ich die Sonate Franz Graf Brunsvik de Korompa. Er war ein Freund von mir und Cellist, ein Streicher also für ein St ück, das ganz ohne Streicher auskommt. Eine Widmung ist für mich eine Verbeugung vor jemandem, dessen Gesellschaft ich schätzte. Dass er sich ausgerechnet über so ein wildes Stück freuen durfte, lag wohl an unserer Freundschaft.Drei Sätze, drei Stimmungen
Ein Satz ist ein in sich abgeschlossener Abschnitt eines größeren Werks, ungefähr so wie die Gänge eines Menüs, die einzeln serviert werden und trotzdem zu einem Abend gehören. Der erste Satz, das Allegro assai, ist der aufgewühlte Auftakt in f-Moll, der grollt, aufbraust und sich am Ende in eine lange, fast improvisiert klingende Schlussphase hineinsteigert. Dann folgt das Andante con moto, ein ruhiger Gang, in dem ich ein einfaches Thema mehrmals verwandle, bevor der dritte Satz, das Allegro ma non troppo, in fast pausenloser Bewegung vorwärts stürmt. Am Ende dieses Finales steigert sich alles in ein Presto, und die Sonate fällt in f-Moll mit abwärts rauschenden Arpeggien in sich zusammen, ohne Sieg und ohne Trost.Das Manuskript voller Spuren
Meine Handschrift dieser Sonate liegt heute in der Bibliothèque nationale de France in Paris. Wer sie anschaut, sieht viele Streichungen und Änderungen, denn ich habe lange gerungen, bis alles an seinem Platz war. Zeitweise besaß die Pianistin Marie Bigot das Manuskript, es hatte also eine Besitzerin, die das Stück sicher auch spielen konnte. Mir gefällt der Gedanke, dass ein Notenblatt so viele Hände gesehen hat und trotzdem noch alle Spuren meiner Zweifel trägt.Die Geschichte vom Regen
Es gibt eine hübsche Anekdote, nach der das Manuskript im September 1806 in Schlesien in ein Unwetter geraten sein soll, nachdem ich das Schloss von Fürst Lichnowsky verlassen hatte. Ob es wirklich so war, weiß niemand genau, die Geschichte wird eben erzählt. Immerhin zeigt das Manuskript tatsächlich Wasserflecken, die zu dieser Erzählung passen würden. Ich überlasse es dir, ob du sie glauben willst, denn ein Stück mit so viel Sturm darin verträgt ein bisschen Wetter auch außerhalb der Noten.Nichts für schwache Nerven
Gemeinsam mit der Waldstein-Sonate und den Les Adieux gehört die Appassionata zu den großen Klaviersonaten meiner mittleren Zeit. Sie zählt zu den technisch anspruchsvollsten meiner Sonaten, und wer sie spielt, braucht Kraft, Ausdauer und gute Nerven. Je nach Pianist dauert eine Aufführung ungefähr 23 bis 27 Minuten, und danach ist man oft ebenso erschöpft wie das Publikum. Dabei endet das Ganze nicht im Jubel, sondern tragisch, was mir als Schluss für diese Musik der einzig ehrliche schien.Gedruckt, gespielt, geliebt
1807 erschien die Sonate in Wien im Bureau des Arts et d'Industrie, und damit konnte sie endlich ihren Weg zu den Pianisten antreten. Manche Autoren behaupten, sie sei lange meine Lieblingssonate gewesen, bis ich später die Sonate Op. 106 schrieb, aber das ist die Meinung eines einzelnen Autors und nicht mehr. Sicher ist nur, dass ich mit diesem Stück etwas gefunden hatte, das Wut, Trauer und Zärtlichkeit in einem einzigen Atemzug vereint. Und dass man es bis heute spielt, ohne dass es seine Wucht verloren hätte, freut mich mehr, als ich in Worte fassen kann.---
Ich hoffe, die Geschichte hinter meiner Appassionata hat dir gefallen. Hast du gern erfahren, wie dieser Name entstanden ist und was mich in jenen Jahren bewegt hat? Wenn ich heute an diese Sonate zurückdenke, sehe ich vor allem die vielen Streichungen und Verbesserungen in meiner Handschrift, die heute in Paris aufbewahrt wird. Sie erinnern mich daran, dass ich um jeden Takt gerungen habe, bis er genau so klang, wie ich ihn hören wollte. Am Ende steht kein Triumph, sondern ein dunkler, unerbittlicher Schluss, und genau das macht dieses Stück für mich so ehrlich. Dabei ist längst nicht alles erzählt, denn in dieser Sonate gibt es noch vieles zu entdecken. Du kannst zum Beispiel darauf achten, wie das schlichte Thema im langsamen Satz plötzlich aufgerüttelt wird, oder wie das Finale fast ohne Atempause vorwärtsdrängt. Wenn du neugierig geworden bist, klick einfach auf die Links hier in der Nähe, und lass dich weiter durch meine Appassionata führen. Vielleicht hörst du sie danach mit ganz anderen Ohren.
