Sanft ins Schlummerland mit Brahms’ Lullaby (Wiegenlied)
Die Hintergründe

Wiegenlied in E-flat major, Op. 49, No. 4

Brahms erzählt die Hintergründe zu Lullaby (Wiegenlied)
Willkommen, mein Name ist Johannes Brahms, und ich erzähle Ihnen hier die Entstehungsgeschichte von meinem Lullaby (Wiegenlied). Sie erfahren dabei, warum ich 1868 in Bonn kein bezahltes Auftragswerk schrieb, sondern meiner Wiener Freundin Bertha Faber zur Geburt ihres Sohnes dieses persönliche musikalische Geschenk machte. Wenn Sie unsere Stücke beim Hören künftig sofort erkennen möchten,  starten Sie hier den Trainer , mit dem meine Kollegen und ich Ihnen auf dieser Seite dabei helfen.
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Vom ernsten Chorwerk direkt ans Kinderbett

Im Frühjahr 1868 feierte ich in Bremen mit meinem A German Requiem gerade meinen ersten großen internationalen Triumph, während es mich langsam dauerhaft nach Wien zog. Man hätte meinen können, dass ich mit meinen fünfunddreißig Jahren nun ausschließlich gewaltige Werke im Kopf hatte. Doch im Juli saß ich in Bonn und widmete mich einer viel leiseren, aber mindestens genauso wichtigen Aufgabe. Wenn ein Neugeborenes schreit, hilft schließlich kein großes Aufgebot, sondern nur eine ehrliche, beruhigende Melodie.

Alte Bekannte aus Hamburger Tagen

Der Anlass war eine wunderbare Nachricht aus Wien, wo meine alte Freundin Bertha Faber und ihr Mann Arthur ihren zweiten Sohn Hans bekommen hatten. Bertha hieß früher Porubsky, und ich kannte und schätzte sie schon seit ihrer Jugend, als sie in Hamburg in meinem Frauenchor sang. Ob meine damalige Zuneigung zu ihr nun eine ernste Romanze oder eher eine unbeschwerte Jugendliebe war, bleibt wohl für immer unser kleines Geheimnis. Geblieben ist auf jeden Fall eine herzliche Freundschaft, die nach einem passenderen Geschenk verlangte als nach einem Paar gestrickter Babysocken.

Ein geschmuggelter Walzer im Klavier

In den Hamburger Tagen hatte Bertha mir oft ein österreichisches Walzerduett von Alexander Baumann mit dem Titel S'is anderscht vorgesungen. Weil man gute Erinnerungen am besten in Noten verpackt, baute ich dieses Lied heimlich in mein Lullaby (Wiegenlied) ein. Die leicht verschobene Klavierbegleitung formte ich so, dass sie als versteckte Gegenmelodie genau zu ihrem alten Walzer passte. Während das Kind also friedlich einschlummern sollte, konnte die Mutter im Klavierpart ein leises Augenzwinkern aus unserer Jugendzeit heraushören.

Ein Gruß mit diskreten Initialen

Geschrieben habe ich das kleine Stück ganz ohne bezahlten Auftrag, einfach als persönliche Freude zur Geburt für Singstimme und Klavier. Als die Noten gedruckt wurden, setzte ich darüber die schlichte Widmung An B. F. in Wien. Wer uns kannte, wusste sofort, wer gemeint war, und alle anderen ging unser privater Gruß ohnehin nichts an. Ein bisschen Diskretion gehört sich schließlich, selbst wenn man einem neuen Erdenbürger musikalisch zuprostet.

Geborgte Zeilen aus dem Wunderhorn

Für die erste Strophe griff ich zu einem alten deutschen Volksgedicht aus der bekannten Sammlung Des Knaben Wunderhorn von Achim von Arnim und Clemens Brentano. Die berühmten ersten Worte Guten Abend, gut' Nacht kennt heute fast jeder, oft sogar besser als den eigentlichen Titel des Stücks. Für mich hatten diese schlichten Verse sofort den richtigen warmen Ton, der ganz ohne große Belehrungen auskommt. Schließlich möchte ein müdes Kind am Abend keine gelehrten Abhandlungen hören, sondern einfach wissen, dass bis zum Morgen alles gut ist.

Zuwachs für ein kurzes Lied

Viele glauben ja, der gesamte Text sei altes Volksgut, aber bei der Erstveröffentlichung im Jahr 1868 stand dort tatsächlich nur diese eine erste Strophe. Die zweite Strophe, die mit den Worten Guten Abend, gut' Nacht, von Englein bewacht beginnt, stammt nämlich aus der Feder von Georg Scherer aus dem Jahr 1849. Ich habe sie erst nach dem ersten Druck hinzugefügt, weil sechzehn Takte Musik für ein hellwaches Kind manchmal doch etwas knapp bemessen sind. Da das Lied als Strophenlied gebaut ist, wiederholt sich für diese zweite Runde einfach genau dieselbe Musik noch einmal.

Premiere kurz vor Weihnachten

Im November 1868 brachte mein Verleger N. Simrock in Berlin das Stück als viertes Lied meiner Sammlung Fünf Lieder, Op. 49 heraus. Bis es zum ersten Mal öffentlich auf einer Bühne erklang, dauerte es allerdings noch bis zum Dezember 1869. Damals sang Luise Dustmann das Lied in Wien, und meine geschätzte Freundin Clara Schumann saß dabei selbst am Klavier. Ich bezweifle zwar, dass im Konzertsaal jemand ernsthaft eingeschlafen ist, aber die sanfte Wirkung in Es-Dur verfehlte ihr Ziel auch vor großem Publikum nicht.

Ein Vorschlag für unartige Kinder

Das Lied wurde rasch so beliebt, dass mein Verleger Simrock am laufenden Band neue Fassungen für alle möglichen Instrumente drucken ließ. Man konnte sich vor lauter Bearbeitungen kaum noch retten, als wollte plötzlich halb Europa gleichzeitig zu Bett gehen. Ich habe ihm damals trocken vorgeschlagen, er solle doch auch gleich noch Ausgaben in Moll für unartige Kinder herausbringen. Leider ist er auf diese großartige Geschäftsidee nie eingegangen, obwohl der Bedarf in manchen Familien sicher riesig gewesen wäre.

Viele Namen für sechzehn Takte

Weil ich selbst nie geheiratet habe und keine eigenen Kinder hatte, amüsiert mich das hartnäckige Gerücht, ich hätte das Lied für meinen eigenen Nachwuchs geschrieben. Stattdessen reiste die Melodie unter Namen wie Brahms's Lullaby, Cradle Song oder schlicht Good evening, good night um die ganze Welt. Später nahm sich im Jahr 1922 sogar Percy Grainger das Stück für das Klavier allein vor, und 1945 sang es Frank Sinatra in dem Film Anchors Aweigh. Für eine kleine Aufmerksamkeit aus Bonn ist das eine recht ordentliche Laufbahn.

Mein endloser Dienst an der Menschheit

Am häufigsten hört man meine sechzehn Takte heute allerdings nicht im Frack im Konzertsaal, sondern aus unzähligen Spieluhren und bunten Mobiles über Kinderbetten. Kaum ein anderes Werk von mir hat wohl so viele Menschen in den Schlaf begleitet, noch bevor sie überhaupt ein Wort sprechen konnten. Wenn ich bedenke, wie viel nächtliche Ruhe ich erschöpften Eltern damit im Laufe der Jahrzehnte verschafft habe, bin ich auf dieses kurze Stück fast ein wenig stolz. Es ist eben doch eine schöne Vorstellung, dass meine Musik Abend für Abend verlässlich Dienst schiebt, während ich mich längst ausruhen darf.
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Hat Ihnen dieser kleine Blick hinter die Kulissen meines Lullaby (Wiegenlied) gefallen? Rund um mein kleines Schlaflied gibt es nämlich noch einiges mehr zu entdecken, denn selbst in einer schlichten Melodie steckt oft mehr, als man auf den ersten Blick vermutet. Klicken Sie einfach auf die Links hier auf der Seite, wenn Sie mein Lullaby (Wiegenlied) noch genauer kennenlernen möchten.