Sanft ins Schlummerland mit Brahms’ Lullaby (Wiegenlied)
Der Hörführer

Wiegenlied in E-flat major, Op. 49, No. 4

Brahms präsentiert einen Hörführer zu Lullaby (Wiegenlied)
Hallo, ich bin Johannes Brahms, und dies ist der Hörbegleiter zu meinem Lullaby (Wiegenlied). Sie hören hier, wie der sanft wiegende Dreiertakt im Klavier die schlichte Singstimme trägt und warum gerade dieses ruhige Zusammenspiel für eine so behagliche Stimmung sorgt. Außerdem helfen Ihnen meine Komponistenkollegen und ich auf dieser Seite dabei, unsere Musik beim Hören sicher zu erkennen, also  testen Sie unseren Trainer .
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Zwei leise Helfer am Bettrand

Wenn Sie sich mein Lullaby (Wiegenlied) anhören, brauchen Sie sich auf kein großes Aufgebot einzustellen, denn ich habe es ganz schlicht für eine einzelne Singstimme und ein Klavier geschrieben. Achten Sie beim Hören einmal darauf, wie das Klavier nicht einfach nur im Hintergrund vor sich hin klimpert, sondern mit seinem leicht verschobenen Rhythmus für eine beständige, sanfte Bewegung sorgt. Darüber legt sich die Singstimme so ruhig und unaufgeregt, als würde jemand direkt neben Ihnen im abgedunkelten Zimmer sitzen und Ihnen gut zureden. Sie müssen dabei gar nicht auf musikalische Fachbegriffe achten, sondern können sich einfach von diesem Zusammenspiel aus wiegender Begleitung und warmem Gesang tragen lassen.

Ein Name ohne falsche Geheimnisse

Bei der Namensgebung für mein Lullaby (Wiegenlied) habe ich keine großen Rätsel aufgegeben, denn das Stück ist nun einmal genau das, was der Titel verspricht. Veröffentlicht habe ich es im November 1868 in Berlin als viertes Stück meiner Sammlung Fünf Lieder, Op. 49, und im Englischen kennt man es heute oft schlicht als Brahms's Lullaby oder Cradle Song. Viele Menschen nennen es aber auch einfach nach den ersten Textzeilen Guten Abend, gut' Nacht, weil sich dieser friedliche Gruß sofort im Gedächtnis festsetzt. Ein komplizierterer Titel hätte zu einem Lied, das doch vor allem müde Kinder und erschöpfte Eltern zur Ruhe bringen soll, auch wirklich nicht gepasst.

Sechzehn Takte für den tiefen Schlaf

Für den Aufbau von meinem Lullaby (Wiegenlied) habe ich keine weitläufige Form gewählt, sondern mich für ein schlichtes Strophenlied entschieden, das seine gesamte Geschichte in gerade einmal sechzehn Takten erzählt. Wer ein unruhiges Kind in den Schlaf singen möchte, hält schließlich auch keinen stundenlangen Vortrag, sondern verlässt sich auf die beruhigende Wirkung der Wiederholung. Deshalb erklingt in jeder Strophe genau dieselbe Musik in warmem Es-Dur, wobei sich die sechzehn Takte wunderbar in zwei Hälften einteilen lassen. Schauen wir uns nun gemeinsam an, wie diese beiden musikalischen Abschnitte ineinandergreifen und warum die zweite Strophe erst mit etwas Verspätung hinzukam.

Abschnitt 1: Ein Bett aus lauter Blumen

Im ersten Teil gebe ich mit der Spielanweisung Zart bewegt gleich die Richtung vor, damit der Dreiertakt in Es-Dur keinen schwungvollen Tanz, sondern eine ganz gemächliche Ruhe ausstrahlt. Die Singstimme beginnt mit einer sanft aufsteigenden Linie zu den Worten aus der Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn, die Achim von Arnim und Clemens Brentano einst zusammengetragen haben. Dabei bleibt die Melodie zunächst ganz bodenständig und bewegt sich in kleinen, vertrauten Schritten, sodass gar keine Unruhe aufkommen kann. Selbst wenn Sie sonst nie klassische Lieder hören, merken Sie hier sofort, wie die Musik mit jedem Takt ein kleines bisschen mehr den Alltag vor der Schlafzimmertür lässt.

Abschnitt 2: Der kleine Umweg in die Höhe

In der zweiten Hälfte der Strophe schwingt sich die Singstimme plötzlich zu einem höheren Ton hinauf, genau dort, wo der Text das morgige Erwachen ankündigt. Das wirkt für einen kurzen Moment fast so, als würde das Kind im Halbschlaf noch einmal kurz blinzeln, bevor es sich endgültig in die Kissen kuschelt. Doch schon im nächsten Augenblick wiederhole ich diesen Gedanken etwas sanfter und führe die Melodie behutsam wieder nach unten zum Ausgangspunkt zurück. Mit den letzten Tönen kehrt das Klavier in seine vollkommene Ruhe zurück, und unsere kurze Reise durch die erste Strophe ist friedlich am Ziel angekommen.

Abschnitt 3: Noch eine Runde für Hellwache

Weil sechzehn Takte manchmal doch etwas kurz sind, folgt im dritten Abschnitt gleich noch eine zweite Strophe nach genau demselben musikalischen Muster. Bei der ersten Veröffentlichung im Jahr 1868 stand dort allerdings nur die erste Strophe, und erst später habe ich die schönen Zeilen von Georg Scherer aus dem Jahr 1849 hinzugefügt. Da mein Verleger Simrock später unzählige Bearbeitungen des Liedes herausbrachte, schlug ich ihm trocken vor, doch auch gleich eine Fassung in Moll für unartige Kinder zu drucken. In meiner Originalfassung bleibt aber natürlich auch in dieser zweiten Runde alles beim gewohnten Es-Dur, damit am Ende wirklich jeder friedlich einschläft.

Jetzt sind Ihre Ohren an der Reihe

Nun lade ich Sie herzlich dazu ein, sich mein Lullaby (Wiegenlied) einmal selbst in aller Ruhe anzuhören. Starten Sie einfach die Aufnahme und lassen Sie sich von den sanften Klängen ein wenig aus dem Alltag entführen. Vielleicht achten Sie beim Lauschen ja auf die eine oder andere Kleinigkeit, über die wir gerade gesprochen haben. Ich wünsche Ihnen beim Hören von meinem Lullaby (Wiegenlied) jedenfalls genauso viel Freude, wie sie mir damals beim Komponieren bereitet hat — nur wehe, Sie schlafen mir vor dem letzten Takt ein!
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Hat Ihnen dieser kleine Hörbegleiter zu meinem Lullaby (Wiegenlied) Freude gemacht? Rund um mein kleines Lied gibt es noch einiges mehr zu entdecken, denn hinter diesen wenigen Takten verbergen sich noch weitere Geschichten und musikalische Besonderheiten. Klicken Sie einfach auf die Links hier auf der Seite, wenn Sie mein Lullaby (Wiegenlied) noch ein wenig näher kennenlernen möchten.