Trubel im Bergkönigreich bei Griegs Peer Gynt Suite No 1
Die Hintergründe

Peer Gynt Suite No. 1, Op. 46

Grieg erzählt die Hintergründe zu Peer Gynt Suite No 1
Ich bin Edvard Grieg, und ich erzähle dir die Vorgeschichte meiner Peer Gynt Suite No 1. Du erfährst, wie aus einer Theatermusik, die ich anfangs nur widerwillig schrieb, die Suite wurde, die 1888 erschien und die heute so viele Menschen kennen. Auf dieser Seite lernst du bei mir und meinen Komponistenkollegen auch, Stücke beim Hören zu erkennen, und ob das klappt, siehst du, wenn du  den Trainer einfach ausprobierst .
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Ein Auftrag mit angezogener Handbremse

Im Jahr 1874 kam Henrik Ibsen mit einer Bitte auf mich zu: Ich sollte die Musik zu seinem Versdrama Peer Gynt schreiben. Ich habe zugesagt, aber nur widerwillig. Ein langes Stück in Versen in Töne zu übersetzen, kam mir eher wie eine Zumutung vor als wie ein Geschenk. Dass daraus später eines meiner bekanntesten Werke werden würde, hätte ich damals nicht gedacht.

Ein furchtbar sperriges Thema

Im August 1874 schrieb ich einem Freund, dass die Arbeit nur langsam vorangehe. Peer Gynt sei, so schrieb ich, ein „furchtbar sperriges Thema“. Meine Frau Nina hat später festgehalten, dass mich gerade die Kraft dieser Dichtung überzeugt hat, der richtige Mann für die Aufgabe zu sein. So geht es einem oft: Was einen zuerst ärgert, lässt einen nachher nicht mehr los.

Erst das Theater, dann der Konzertsaal

Die Musik habe ich in den Jahren 1874 und 1875 geschrieben. Uraufgeführt wurde sie zusammen mit dem Schauspiel am 24. Februar 1876 in Christiania, dem heutigen Oslo. Das war noch keine Suite, sondern Bühnenmusik für Soloisten, Chor und Orchester. Sie sollte ein Theaterstück begleiten und nicht allein im Konzertsaal stehen.

Flickwerk nach Stundenplan

Mit der Arbeit am Theater hatte ich meine Mühe. Die schwedische Theaterleitung bestimmte, wie lang jede Nummer sein durfte und an welcher Stelle sie kam. Ich nannte das Flickwerk, und so fühlte es sich auch an. Es ist, als würde ein Schneider den Stoff zugeteilt bekommen und trotzdem gebeten, dass der Anzug sitzt.

Ein Jahr zu spät für den Druck

Die vollständige Bühnenmusik mit Soloisten, Chor und Orchester wurde lange nicht gedruckt. Erst 1908 erschien sie, herausgegeben von Johan Halvorsen. Ich war da schon ein Jahr tot, denn ich habe von 1843 bis 1907 gelebt. Das Gesamtwerk in gedruckter Form habe ich also nie in den Händen gehalten.

Aus acht mach zweimal vier

Mehr als zehn Jahre nach der Uraufführung des Stücks habe ich acht Nummern herausgelöst und auf zwei Suiten zu je vier Sätzen verteilt. Die erste Suite, mein Opus 46, erschien 1888 bei Edition Peters in Leipzig. Die zweite, Opus 55, folgte 1893. Das Datum 1876 gehört also zum Theaterabend und nicht zur Suite.

Vier Gänge an einem Tisch

Ein Satz ist ein in sich abgeschlossener Abschnitt eines größeren Werks, ungefähr wie ein Gang in einem Menü: eigener Geschmack, eigenes Tempo, aber alle sitzen am selben Tisch. Mein Menü beginnt mit Morning Mood in E-Dur, und der erste laute Moment darin ist für mich die Sonne, die durch die Wolken bricht. Darauf folgen Åse's Death, ein langsamer, trauriger Gang in h-Moll, und Anitra's Dance, ein leichter Tanz in a-Moll im Tempo einer Mazurka. Zum Schluss serviere ich In the Hall of the Mountain King, der leise beginnt, immer schneller wird und dann ziemlich laut endet.

Wenn die Trolle losstürmen

Im Stück begleitet In the Hall of the Mountain King Peers traumhaften Eintritt in die Halle des Trollkönigs im zweiten Akt. Das Thema beginnt langsam und leise bei den Celli, den Kontrabässen und den Fagotten, wandert dann höher und zu anderen Instrumenten, und das Tempo zieht an. Ich fand, dass es nach Kuhfladen und Ultranorwegertum riecht. Ich hoffte, dass man die Ironie darin spürt, und man darf ruhig schmunzeln, wenn die Trolle anrücken.

Ein Tanz, so zart wie Seide

Anitra ist im Stück die Tochter eines Beduinenhäuptlings und verführt Peer, während er sich als Prophet ausgibt. Ich wollte für sie einen weichen, zarten und schönen kleinen Tanz schreiben. Gespielt wird er von Streichern und einem Triangel. Das Triangel funkelt dazu wie ein Schmuckstück am Handgelenk einer Tänzerin.

Vom Theater ins Kino

Die Peer-Gynt-Suiten gehören heute zu meinen bekanntesten Werken, obwohl sie als Bühnenmusik angefangen haben. Später ist die Musik der Suite auch im Film gelandet, etwa in The Birth of a Nation von 1915 und in Fritz Langs M von 1931. In M hört man übrigens Lang selbst mein Bergkönig-Thema pfeifen. Und in The Social Network von 2010 erklingt eine Bearbeitung von Trent Reznor und Atticus Ross.
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Damit schließt sich für mich der Kreis, den ich 1874 mit einigem Zögern begonnen habe. Aus einem Auftrag, den ich nur widerwillig angenommen hatte, ist Musik geworden, die bis heute immer wieder gespielt und gehört wird. Das erfüllt mich mit stiller Freude, auch wenn ich es mir damals kaum hätte vorstellen können. Hat dir die Geschichte hinter meiner Peer Gynt Suite No 1 gefallen? Es gibt noch vieles zu entdecken: den Weg der Musik auf die Bühne und in den Konzertsaal, die vier Sätze mit ihren ganz eigenen Stimmungen und die Orte, an denen man sie später überall wieder gehört hat. Wenn du neugierig geworden bist, klick gern auf die Links, die ich dir mitgebracht habe, und hör noch ein wenig weiter in meine Peer Gynt Suite No 1 hinein. Ich würde mich freuen, wenn du dabei am Ende dasselbe empfindest wie ich: dass auch ein widerwillig begonnenes Werk zu etwas Schönem werden kann.