Tausendundeine Nacht mit Rimsky-Korsakovs Scheherazade
IV. Festival at Baghdad

Scheherazade, Op. 35

Rimsky-Korsakov präsentiert einen Hörführer zu IV. Festival at Baghdad aus Scheherazade
Ich bin Rimsky-Korsakov, und ich erkläre dir jetzt den Satz IV. Festival at Baghdad aus meiner Scheherazade. Du hörst, wie ich Themen aus den früheren Sätzen noch einmal aufrufe, und das lohnt die Zeit, weil sich dadurch der Kreis der Geschichte schließt. Unsere Stücke zu erkennen, sobald sie irgendwo erklingen, lernst du hier auch bei mir und meinen Komponistenkollegen, also  probier es im Trainer aus .
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Wer hier wen jagt, hörst du schon beim ersten Mal

Wenn du bei IV. Festival at Baghdad nur auf drei Dinge achtest, bist du schon gut gerüstet. Das erste ist die Solovioline, die für Scheherazade selbst steht und sich über dem Orchester schlank und hell wie ein roter Faden hält. Das zweite ist das tiefe, drohende Motiv des Sultans, das aus den ersten Sätzen zurückkehrt und sich auch hier nicht überhören lässt. Das dritte ist der Lärm des Festes selbst: Becken, Tamburin und Triangel funkeln und rasseln durch das Orchester, als hätte jemand in Bagdad sämtliche Fenster aufgerissen.

Ein Titel mit Schiffbruch

Der volle Titel lautet Festival at Baghdad. The Sea. The Ship Breaks against a Cliff Surmounted by a Bronze Horseman, und er verrät schon, dass hier an einem Abend gleich zwei große Dinge geschehen. Da ist erst das Fest in der Stadt, und dann das Meer, auf dem das Schiff an einem Felsen mit einem bronzenen Reiter zerschellt. Ursprünglich hatte ich für diesen Satz schlicht das Wort Finale vorgesehen, bis ich mich für Titel aus Tausendundeiner Nacht entschied. In einer späteren Ausgabe habe ich die Titel wieder gestrichen, denn du sollst hier märchenhafte Musik mit orientalischem Klang hören und keine festgelegte Handlung abhaken.

Eine Form, die sich nicht in die Schublade stecken lässt

Bei diesem Satz habe ich mich gar nicht erst bemüht, ihn in ein Schulbuchschema wie Sonate oder Rondo zu pressen. Stattdessen reiht er mehrere Abschnitte aneinander, und du erkennst jeden an seinem Tempo: Allegro molto, Lento, Vivo, Allegro non troppo e maestoso und zum Schluss Tempo come I. Dazwischen erinnert die Musik an Material aus den früheren Sätzen, und die Tonart wandert von e-Moll nach E-Dur. Ich führe dich jetzt durch alle fünf Abschnitte, einen nach dem anderen, und du wirst sehen, wie sie sich zu einer einzigen Geschichte fügen.

Abschnitt 1: Das Fest geht los, und niemand hat sich angemeldet

Das Allegro molto stürmt gleich los, schnell und aufgeregt, in e-Moll. Die Musik wirbelt wie eine Menschenmenge, die sich auf einem Marktplatz in alle Richtungen zugleich bewegt. Die Stimmung ist hell und lebhaft, aber unter dem Trubel liegt eine leise Unruhe, die du dir ruhig merken darfst. Gerade weil hier so vieles gleichzeitig passiert, ist es ein guter Moment, einfach nur das Tempo zu spüren und dich mittreiben zu lassen.

Abschnitt 2: Erst mal durchatmen

Mit dem Lento nehme ich plötzlich das Tempo heraus, und der Lärm weicht einer ruhigeren, nachdenklicheren Stimmung. Hier tauchen Gestalten aus den früheren Sätzen wieder auf, und du erinnerst dich vielleicht an den Sultan und an die erzählende Violine. Es ist, als würde die Geschichte kurz innehalten und zurückblicken, bevor sie weitergeht. Dieser stille Moment ist wichtig, weil der Kontrast zum Fest davor das Folgende umso stärker wirken lässt.

Abschnitt 3: Der Wind frischt auf

Das Vivo bringt wieder Bewegung in die Musik, flink und drängend. Du kannst es dir vorstellen wie ein Schiff, das den Hafen verlässt und merkt, dass der Wind stärker ist als erwartet. Die Streicher und Holzbläser jagen einander, und die Spannung steigt von Takt zu Takt. Wer genau hinhört, bemerkt, dass hier das Fest und das Meer zum ersten Mal wirklich ineinander übergehen.

Abschnitt 4: Der Felsen verträgt keinen Widerspruch

Das Allegro non troppo e maestoso ist der große Höhepunkt, breit, mächtig und mit voller Kraft des Orchesters. Hier lasse ich das Schiff an dem Felsen mit dem bronzenen Reiter zerschellen, und die Blechbläser und das Schlagzeug türmen die Wogen auf, bis alles zu bersten scheint. Die Musik klingt dabei nicht verzweifelt, sondern gewaltig und fast feierlich, wie ein Naturschauspiel, das man nur staunend ansehen kann. Wenn du an einer Stelle der Geschichte die Lautstärke ein wenig aufdrehen willst, dann an dieser.

Abschnitt 5: Nach dem Sturm kommt die Ruhe

Mit Tempo come I kehre ich zum Anfangstempo zurück, und du spürst, dass sich ein Kreis schließt. Danach lasse ich die Musik zur Ruhe kommen, und die Tonart hat sich inzwischen von e-Moll nach E-Dur aufgehellt. Die Koda am Ende ist friedlich und leise, als hätte Scheherazade ihre Geschichten erzählt und der Sultan wäre endlich still geworden. Der Satz verklingt nicht mit einem Knall, sondern mit einem langen, warmen Atemzug, und genau so wollte ich das ganze Werk enden lassen.

Jetzt bist du dran

Jetzt lade ich dich ein, IV. Festival at Baghdad selbst zu erleben: Drück auf Play und lass dich einfach von der Musik tragen. Vielleicht denkst du beim Hören an das, was wir gerade besprochen haben, an die Violine, den Sultan und die fünf Abschnitte. Du musst aber nichts richtig machen, denn das Fest, das Meer und der Felsen erledigen ihre Arbeit auch ohne dein Zutun. Ich würde mich freuen, wenn dich diese Reise durch meinen Satz so mitreißt, wie sie mich beim Komponieren mitgerissen hat.
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Ich hoffe, dir hat der Hörführer durch das Finale Festival at Baghdad aus meiner Scheherazade gefallen. Am Ende dieses Satzes kehren die Themen der früheren Sätze noch einmal zurück, und wenn die Musik ganz friedlich ausklingt, merkt man, dass hinter den vier Sätzen eine einzige große Erzählung steht. Mit dem Sultan, mit Scheherazade und ihrer Solovioline und mit all den Geschichten dazwischen gibt es in diesem Werk noch viel mehr zu entdecken, als ein einziger Satz zeigen kann. Ich lade dich ein, auf die Links hier auf der Seite zu klicken und meine Scheherazade weiter zu erkunden. Vielleicht hörst du die Suite danach ein zweites Mal und findest Stellen, die dir beim ersten Hören entgangen sind.