Ein Gebet aus Schottland bei Schuberts Ave Maria
Der Hörführer

Ellens Gesang III in B-flat major, D. 839, Op. 52 No. 6

Schubert präsentiert einen Hörführer zu Ave Maria
Ich bin Franz Schubert, und das hier ist der Hörführer zu meinem Ave Maria. Du hörst, wie eine einzige ruhig atmende Melodie genügt, damit ein Lied für Ellen aus Walter Scotts Gedicht heute auf Hochzeiten, Trauerfeiern und in Weihnachtsgottesdiensten erklingt. Wenn du Lust hast, lass dich von mir und meinen Komponistenkollegen darin schulen, unsere Stücke zu erkennen, sobald du sie hörst, und  starte den Trainer .
---

Zwei Musiker und kein Gedränge

Ich habe das Lied für eine Frauenstimme und Klavier geschrieben, mehr Mitwirkende musst du also gar nicht suchen. Hör zuerst auf das Klavier, das unter allem eine ruhige, fließende Bewegung hält, ungefähr wie Wasser, das ein Boot gleichmäßig trägt. Die Stimme darüber singt eine lange Melodie, und selbst wenn du den Text nicht verstehst, erzählt die Linie schon, worum es geht. Am schönsten wird es, wenn du beides zugleich wahrnimmst: das Klavier als festen Boden und die Stimme als etwas, das darauf schwebt.

Der Name, der erst später kam

Streng genommen habe ich dem Lied den Titel Ave Maria gar nicht gegeben, ich nannte es Ellens Gesang III. In Walter Scotts Gedicht singt Ellen ein Gebet an die Jungfrau Maria, und ihre ersten Worte und der Kehrvers lauten „Ave Maria“. Später hat jemand die lateinischen Worte unter meine Melodie gelegt, vielleicht genau deshalb, und der Name ist einfach hängen geblieben. Ich kann dir also nicht erklären, warum ich es so genannt habe, aber ich verstehe gut, warum es heute kaum jemand anders nennt.

Weder Sonate noch Rondo, nur ein Lied

Bei der Form musste ich nicht lange grübeln, denn ein Lied folgt dem Text, und eine Sonate oder ein Rondo wäre hier fehl am Platz gewesen. Ich habe es in drei Abschnitte geteilt: einen ruhigen Anfang, eine Mitte, die sich etwas weiter hinauswagt, und eine Rückkehr zum Anfang. Das Ganze steht in B-Dur, und diese Tonart gibt dem Stück seine warme, helle Grundfarbe. Wir gehen die drei Abschnitte jetzt nacheinander durch, und ich verspreche dir, dass das nicht länger dauert als das Lied selbst.

Abschnitt 1: Die Tür geht ganz leise auf

Das Klavier beginnt allein, und noch bevor jemand singt, hast du die Stimmung schon im Ohr: Ruhe und Weite. Dann setzt die Stimme ein, ohne jede Anstrengung, als würde Ellen nur laut denken. Die Melodie fließt in langen Bögen, die dem Atem Zeit lassen, und nichts darin drängt oder hetzt. Die Stimmung ist bittend und vertrauensvoll zugleich, und genau diese Mischung macht den Anfang so besonders.

Abschnitt 2: Ein Blick über den Gartenzaun

In der Mitte wird die Musik etwas unruhiger, die Melodie steigt höher, und die Harmonien entfernen sich ein Stück von B-Dur. Du hörst, dass sich die Stimmung wandelt, denn aus ruhigem Vertrauen wird eine leise Sorge, die dringlicher bittet. Das Klavier bleibt bei seiner Bewegung, wie ein guter Freund, der neben dir sitzen bleibt, während du dich gerade ein bisschen aufregst. Achte darauf, dass die Spannung nie laut wird, sie wird nur dichter, und gerade das macht sie so eindringlich.

Abschnitt 3: Zurück ins Warme

Dann kehrt die Musik zum Anfang zurück, und B-Dur legt sich wieder um dich wie eine Decke. Der Gedanke vom Beginn kommt wieder, aber nach dem Ausflug durch die Mitte klingt er vertrauter und fast erleichtert. Die Stimme beruhigt sich, das Klavier wogt weiter, und beides löst sich allmählich in Stille auf. Das Lied endet so leise, wie es begonnen hat, und du bleibst vermutlich noch einen Moment sitzen, ohne recht zu wissen, warum.

Jetzt bist du dran

Ich lade dich ein, mein Ave Maria jetzt selbst zu erleben: Drück auf Play und lass dich einfach tragen. Denk beim Hören ruhig an das Klavier unter der Stimme, an den Ausflug in der Mitte und an die Heimkehr am Ende. Du bist dabei in bester Gesellschaft, denn Franz Liszt hat das Lied für Klavier allein bearbeitet, und 1940 erklang es sogar in Walt Disneys Fantasia. Ich hoffe, die Reise durch das Lied berührt dich so sehr, wie sie mich beim Schreiben berührt hat.
---
Ich hoffe, dieser Hörführer hat dir Freude gemacht und du hörst mein Ave Maria jetzt ein wenig anders als vorher. Vielleicht denkst du beim nächsten Mal an Ellen, die in Walter Scotts Gedicht ganz leise ihr Gebet singt, und an das Klavier, das sie dabei trägt. Mir gefällt der Gedanke, dass ein Lied, das ich 1825 für eine Frauenstimme und Klavier geschrieben habe, heute bei Hochzeiten, Trauerfeiern und Weihnachtsgottesdiensten erklingt. Das hätte ich mir damals nicht vorstellen können. Und doch spricht es für die Melodie, dass sie so viele verschiedene Stimmungen aufnehmen kann. Hat dir der Hörführer zu meinem Ave Maria gefallen? Mit dem, was ich dir hier gezeigt habe, ist die Geschichte dieses Liedes noch lange nicht zu Ende erzählt. Es gibt noch viel zu entdecken, zum Beispiel die drei Fassungen für Klavier solo, die Franz Liszt später aus dem Lied gemacht hat. Auch die Version aus Walt Disneys Fantasia von 1940 lohnt sich, denn dort klingt das Lied ganz anders, als ich es ursprünglich gedacht hatte. Wenn du neugierig geworden bist, klick einfach auf die Links hier in der Nähe. Sie führen dich Schritt für Schritt weiter in mein Ave Maria hinein. Nimm dir Zeit dafür, denn dieses Lied belohnt jedes Mal, wenn man ihm noch einmal zuhört.