Kanonen im Orchester bei Tchaikovskys 1812 Overture
Der Hörführer

1812 Overture in E-flat major, Op. 49

Tchaikovsky präsentiert einen Hörführer zu 1812 Overture
Ich bin Tchaikovsky, und das hier ist der Hörführer zu meiner 1812 Overture. Du erfährst, wie du im Getümmel das russische Kirchenlied vom Anfang und die Marseillaise auseinanderhältst, und so hörst du, wer in der Schlacht gerade die Oberhand hat. Und wenn du magst, bringen dir meine Kollegen und ich hier bei, unsere Werke schon nach wenigen Takten zu erkennen, also  teste dich im Trainer .
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Zuhören ohne Eintrittskarte

Für meine 1812 Overture brauchst du kein Vorwissen, nur zwei Ohren und eine Hand, die in der Nähe des Lautstärkereglers bleibt. Achte am Anfang auf die tiefen Streicher, denn die Celli und Bratschen tragen die ersten, ruhigen Minuten ganz allein. Danach lohnt es sich, den Blechbläsern und der Pauke zuzuhören, die in der Mitte den Ton angeben, während die helleren Holzbläser dazwischenrufen. Am Ende warten die Glocken, und ich hatte mir ausdrücklich große Glocken gewünscht, die alle auf demselben Ton läuten, sodass sie als Solisten mit genau einer Note auskommen.

Warum ein Stück wie ein Kalenderblatt heißt

Der Titel verrät schon das Wichtigste: 1812 marschierte Napoleon in Russland ein, und mein Stück erinnert daran, wie sich das Land dagegen verteidigte. Auf Russisch heißt es schlicht „1812 год“, also „Das Jahr 1812“, und manche nennen es auch Festouvertüre. Ich schrieb damals an Frau von Meck, es werde sehr laut und lärmend, und ein festliches Gefühl hatte ich dabei kaum. Historisch genau ist die Musik übrigens nicht, denn die Hymne „God Save the Tsar!“ gab es 1812 noch gar nicht, aber ein Komponist darf der Geschichte gelegentlich ein wenig vorgreifen.

Eine Form, die mir niemand vorgeschrieben hat

Nikolay Rubinstein wollte ein Stück von fünfzehn bis fünfundzwanzig Minuten in einer beliebigen Form, und gerade diese Freiheit machte die Wahl zum kleinen Abenteuer. Herausgekommen ist ein einziger Satz mit 428 Takten, der langsam im Largo beginnt und dann ins Allegro giusto wechselt, und ob man darin ein Lehrbuchschema findet, war mir weniger wichtig als die Geschichte, die er erzählt. Ich nenne dir die Stationen hier nur kurz: ein Gebet, der Beginn des Kampfes, das Aufeinandertreffen zweier Lieder und am Ende ein großes Fest. Jede dieser Stationen bekommt gleich ihren eigenen Absatz, also bleib einfach dabei.

Abschnitt 1: Das Gebet, bevor die Tür aufgeht

Der erste Teil steht im Largo, also im ganz langsamen Tempo, und er klingt wie eine Gemeinde, die gemeinsam den Atem anhält. Die Töne sind dunkel und ruhig, doch nach und nach gesellen sich weitere Instrumente dazu, und die Stille wirkt weniger friedlich als gespannt. Hier hörst du, wie Stimmung allein durch Tempo und Klangfarbe entsteht, ganz ohne dass etwas Lautes geschieht. Wenn du das Gefühl hast, dass gleich etwas passiert, dann hast du genau richtig zugehört.

Abschnitt 2: Der Zug rollt an und bremst nicht mehr

Mit dem Allegro giusto ändert sich alles, denn das Tempo zieht an, und aus dem Gebet wird ein Marsch, der immer drängender wird. Pauke und Blech treiben vorwärts, die Streicher jagen in schnellen Figuren hinterher, und es fühlt sich an wie ein Zug, der aus dem Bahnhof rollt und keine Haltestelle mehr kennt. Der Wechsel von der Andacht zur Unruhe ist der größte Stimmungsumschwung im ganzen Stück. Merk dir diesen Moment, denn von hier an befindest du dich mitten im Geschehen.

Abschnitt 3: Zwei Lieder auf einem Platz

Jetzt treffen die Melodien aufeinander, und die Marseillaise steht für das französische Heer, das gegen die russischen Klänge antritt. Warum ich ausgerechnet dieses Lied gewählt habe, hat niemand aufgeschrieben, man weiß nur, dass es 1879 wieder zur französischen Nationalhymne wurde. Die beiden Seiten drängen und schieben, mal gewinnt die eine an Raum, mal die andere, und das Orchester bleibt dabei hörbar in Bewegung. Du musst keine Noten kennen, um zu spüren, wie die französische Melodie allmählich an Kraft verliert.

Abschnitt 4: Glocken, Hymne und ein Hinterhalt aus dem Nebenraum

Im Finale läuten die Glocken, und „God Save the Tsar!“ erhebt sich über dem Getöse, sodass der Sieg ganz ohne Worte verkündet wird. Ein Blechbläserchor darf dabei von außerhalb der Bühne mitspielen, aber nur, wenn man ihn zur Verfügung hat. Echte Kanonen habe ich übrigens nicht in die Partitur geschrieben, sondern eine große aufgehängte Trommel, und die Schüsse sind erst eine spätere Aufführungstradition geworden. Der Schlussjubel mit Glocken und Blech lässt keinen Zweifel daran, wer in dieser Geschichte gewonnen hat.

Jetzt gehört die Bühne dir

Nun lade ich dich ein, meine 1812 Overture selbst zu erleben. Drück auf Play und lass die Musik einfach auf dich wirken, ohne dass du irgendetwas verstehen musst. Vielleicht denkst du beim Hören an das, was wir gerade besprochen haben, an das Gebet, den Kampf und die Glocken. Ich würde mich freuen, wenn dich die Reise durch mein Stück so mitreißt, wie es mich beim Schreiben gepackt hat.
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Ich hoffe, dir hat dieser Hörführer zu meiner 1812 Overture gefallen. Ich hoffe, du hast beim Zuhören etwas entdeckt, das dir vorher nicht aufgefallen ist. Ein Stück, das ich selbst nie für meinen großen Wurf hielt, hat sich erstaunlich lange gehalten, und das gefällt mir bis heute. Über die 1812 Overture gibt es noch viel mehr zu entdecken, zum Beispiel, wie sie nach mir klang, als später andere Dirigenten sie aufführten oder Orchester sie aufnahmen. Auch die Geschichte der Kanonenschüsse, die gar nicht in meiner Partitur stehen, ist eine eigene Erzählung wert. Klick dich einfach durch die Links hier auf der Seite, wenn du weiterstöbern möchtest. Und wenn du das Stück das nächste Mal hörst, erkennst du vielleicht schon das Kirchenlied zu Beginn und wartest gespannt auf die Glocken am Ende.