Tief durchatmen bei Bachs Air on the G String
Die Hintergründe

Orchestral Suite No. 3 in D major, BWV 1068: II. Air

Bach erzählt die Hintergründe zu Air on the G String
Ich bin Johann Sebastian Bach, und das hier ist die Vorgeschichte zu meiner Air, die man heute als Air on the G String kennt. Du erfährst, wie ein Satz meiner Orchestersuite, der spätestens um 1730 existierte, erst durch die Bearbeitung eines Geigers 1871 zu seinem berühmten Namen kam, obwohl ich ihn selbst nie so genannt habe. Weil meine Kollegen und ich dir hier auch beibringen, unsere Stücke beim Hören zu erkennen, lade ich dich ein, dich gleich  im Trainer zu versuchen .
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Der zweite Gang eines Fünf-Gänge-Menüs

Die Air steht nicht allein, sondern gehört zu einer Orchestersuite mit fünf Sätzen: Ouverture, Air, Gavotte, Bourrée und Gigue. Die Ouverture eröffnet das Ganze festlich und mit viel Nachdruck, und danach darf die Air die Stimmung erst einmal beruhigen. Wie bei einem guten Essen kommt nach dem ersten großen Auftritt etwas, das man in Ruhe genießen soll. Danach wird es wieder lebhaft, denn Gavotte, Bourrée und Gigue sind alte Tänze.

Mein Notenpapier schweigt beim Datum

Wann ich diese Suite geschrieben habe, lässt sich nicht sicher sagen. Die älteste erhaltene Quelle ist ein Satz Stimmen von etwa 1730, zum Teil in meiner eigenen Handschrift. Ob die Musik schon früher in Weimar oder in Köthen entstanden ist, weiß heute niemand genau. Spätestens um 1730 gab es sie jedenfalls, und wer ein Datum mit Stempel erwartet, den muss ich leider enttäuschen.

Ein Auftrag ohne Briefkasten

Für wen ich die Suite oder die Air geschrieben habe, ist ebenfalls offen, denn ein Auftrag ist nirgends belegt. Von 1717 bis 1723 war ich in Köthen Kapellmeister bei Fürst Leopold, und dort kann man sich solche Musik gut vorstellen, beweisen lässt es sich aber nicht. Ab 1723 war ich Thomaskantor in Leipzig und für die Musik an vier lutherischen Kirchen und an der Thomasschule zuständig. Mein Schreibtisch sah dort vermutlich aus wie ein Postfach kurz vor Weihnachten, und da bleibt über einen einzelnen Satz eben wenig Schriftverkehr übrig.

Ein Geiger mit Sinn für Umbauten

Den Namen „Air on the G String“ habe ich nie gehört, denn er stammt von einem Mann, der erst lange nach meinem Tod geboren wurde. Der deutsche Geiger August Wilhelmj, der von 1845 bis 1908 lebte, hat die Air 1871 für Violine und Klavier bearbeitet. Aus dieser Fassung ist der Titel hervorgegangen, der heute auf Konzertplakaten und Tonträgern steht. Ich selbst hätte schlicht „Air“ gesagt und mir gedacht, dass der zweite Satz einer Suite keinen weiteren Beinamen braucht.

Warum ausgerechnet die G-Saite?

Wilhelmj hat die Air nicht einfach tiefer gestellt, sondern sie von D-Dur nach C-Dur versetzt. In dieser Tonart lässt sich der Part der ersten Geige ganz auf der G-Saite spielen, und das ist die tiefste und dunkelste Saite der Geige. Daher kommt der Name, und er beschreibt eigentlich nur die Bearbeitung und nicht mein Original. Die ganze Melodie auf einer einzigen Saite zu singen, ist ein bisschen wie ein sehr langer Satz, der ohne Punkt auskommt.

Der Aufschrei der Strengen

Nicht jeder fand Wilhelmjs Einfall gelungen, und Joseph Joachim nannte die Bearbeitung „eine schamlose Fälschung eines Werks von Bach“. Auch Donald Tovey schrieb, bei seinen Konzerten werde man die Air so hören, wie ich sie geschrieben habe, nämlich in D-Dur. Ich muss gestehen, dass es mir fast schmeichelt, wenn sich kluge Leute über ein Stück von mir so ereifern. Dass die Bearbeitung trotzdem ihren Weg gemacht hat, zeigt, wie schwer sich eine schöne Melodie von strengen Regeln aufhalten lässt.

Dreißig Sommer in London

Die Fassung in C-Dur blieb also im Konzertsaal, und Henry Wood setzte sie ab 1905 über etwa drei Jahrzehnte regelmäßig auf das Programm der Londoner Proms. So dürften viele Zuhörer die Air zuerst in dieser Gestalt kennengelernt haben und nicht in meiner. Das ist erstaunlich für ein Stück, das ich als einen Satz unter vielen in einer Suite gedacht hatte. Es zeigt aber auch, dass eine ruhige Melodie in einem großen Saal ihre Wirkung nicht verliert.

Späte Karriere beim Film

Im 20. Jahrhundert hat die Air ganz neue Orte gefunden, zum Beispiel 1967 in dem Lied „A Whiter Shade of Pale“ von Procol Harum, das ein oder zwei Takte daraus verwendet. Im Kino ist sie ebenfalls zu hören, etwa in dem James-Bond-Film The Spy Who Loved Me von 1977 und in Se7en von 1995. Für einen Komponisten, der nie ein Kino von innen gesehen hat, ist das eine ziemlich überraschende Laufbahn. Dass dieselbe Musik in einem Agentenfilm und in einem düsteren Thriller passt, spricht für ihre Ruhe, die sich mit sehr verschiedenen Bildern verträgt.

Das Original in Hell

Wenn du wissen willst, wie ich die Air gedacht habe, such dir eine Aufnahme in D-Dur, denn sie klingt ein Stück heller als die bekannte Bearbeitung. Im Original ist es kein Stück für eine Solovioline, sondern Musik für Streicher und Continuo, also für ein ganzes Streicherensemble mit einer tragenden Basslinie. Es steht im Viervierteltakt, und dieser gleichmäßige Puls ist es, der dem Ganzen seine Ruhe gibt. Vergleichst du beide Fassungen nacheinander, merkst du, wie viel schon ein anderer Klang an der Stimmung ändert, obwohl die Noten im Kern dieselben bleiben.

Ein Stück, das mich überlebt hat

Ich wurde 1685 in Eisenach geboren und starb 1750 in Leipzig, und ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet ein Satz aus einer Suite so lange weiterklingen würde. Den Namen, unter dem er heute berühmt ist, habe ich nicht vergeben, aber ich habe mich damit längst abgefunden. Die Musik darunter ist dieselbe geblieben, ob in D-Dur oder in C-Dur, ob für Orchester oder für Geige und Klavier. Wenn du sie das nächste Mal hörst, lass dir Zeit und achte darauf, wie lange die Melodie atmet, ohne dass es jemand eilig hätte.
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Nun bist du dem Weg meiner Air ein ganzes Stück gefolgt, vom ruhigen Bass bis zu den Fragen, die mein Notenpapier offenlässt. Hat dir die Geschichte hinter der Air on the G String gefallen? Mich beschäftigt immer wieder, dass ein Stück, das ich als einen Satz meiner Orchestersuite geschrieben habe, später auf so vielen anderen Wegen zu den Menschen gekommen ist. Ich wusste nichts davon, und trotzdem klingt die Melodie noch heute so, als hätte sie alle Zeit der Welt gehabt. Mit dem, was ich dir erzählt habe, ist die Air noch lange nicht ausgeschöpft. Es gibt noch viel zu entdecken, zum Beispiel wie sie in Filmen und in der Popmusik wieder auftaucht oder wie sich meine Air in anderen Fassungen anhört. Ein Stück, das so ruhig dahinfließt, hat erstaunlich viel unter der Oberfläche zu bieten. Wenn du neugierig geworden bist, klick dich gern durch die Links, die ich dir hier bereitgelegt habe. Dort kannst du weiter stöbern und dich in der Air noch ein wenig länger aufhalten. Und wenn du sie das nächste Mal hörst, nimm dir dafür ruhig einen Moment Zeit.