Schlaflose Nächte mit Bachs Goldberg Variations
Die Hintergründe
Goldberg Variations, BWV 988

Ich bin Johann Sebastian Bach, und hier erzähle ich dir die Vorgeschichte meiner Goldberg Variations. Du erfährst, welche Geschichte über einen russischen Gesandten und seinen Cembalisten erzählt wird und warum bis heute niemand sicher weiß, ob sie stimmt. Meine Kollegen und ich bringen dir auf dieser Seite bei, unsere Stücke beim Hören zu erkennen, und wenn du Lust hast, kannst du das gleich im Trainer testen .
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Ein Name, den ich nie vergeben habe
Auf dem Titelblatt steht bei mir nur „Clavier-Übung“, und von einem Herrn Goldberg ist dort keine Rede. Der Name Goldberg Variations stammt aus einer Geschichte, die Johann Nikolaus Forkel im Jahr 1802 aufgeschrieben hat, lange nach meiner Zeit. Das ist ein bisschen so, als würde man ein Gericht nicht nach dem Koch benennen, sondern nach dem Kellner, der es an den Tisch getragen hat. Inzwischen heißt das Werk offiziell Goldberg Variations, BWV 988, und damit kann ich gut leben.Ein Gesandter und sein Cembalist
Hermann Karl von Keyserlingk war russischer Gesandter, und in seinen Diensten stand als Kammercembalist Johann Gottlieb Goldberg, ungefähr von 1737 bis 1745. Nach Forkels Geschichte haben die beiden mit meinem Werk zu tun, und deshalb trägt es heute den Namen des jungen Musikers. Die Niederländische Bach-Gesellschaft nennt das eine schöne Legende: Die Verbindung zu Keyserlingk hält sie für gut denkbar, bei Goldberg ist sie sich viel weniger sicher. Ob er das Stück je für den Grafen gespielt hat, weiß niemand, und ich war schließlich nicht dabei, um es zu bestätigen.Der goldene Becher
Forkel erzählt außerdem, der Graf habe mich mit einem goldenen Becher belohnt, gefüllt mit 100 Louis d'or. Nur Forkel berichtet das, und deshalb kann heute keiner sagen, ob es wirklich so geschehen ist. Ein Becher voller Goldmünzen wäre jedenfalls ein stattlicher Lohn für ein paar Bögen Notenpapier. Man erzählt die Geschichte wohl gerade deshalb so gern weiter, weil sie schöner klingt als jede Rechnung.Ein Junge von vierzehn
Goldberg wurde 1727 getauft, er war also erst vierzehn Jahre alt, als das Werk 1741 erschien. Er soll sowohl bei mir als auch bei meinem Sohn Wilhelm Friedemann Bach gelernt haben. Ein so junger Mensch an einem so großen Stück macht die Legende noch ein wenig kühner, als sie ohnehin schon ist. Gerade das gefällt mir an ihr, auch wenn ich mich für die Wahrheit lieber nicht verbürgen möchte.Gedruckt in Nürnberg
Im Jahr 1741 brachte Balthasar Schmid das Werk in Nürnberg heraus. Für mich war das etwas Besonderes, denn es kam nicht oft vor, dass ich zu Lebzeiten etwas gedruckt sah. So konnten die Noten in vielen Stuben auf die Pulte wandern, und nicht nur dorthin, wo ich selbst gerade saß. Bis heute spielen Menschen aus diesen Seiten, und ich muss gestehen, dass mich das ein wenig stolz macht.Der Bass trägt das Haus
Die Aria stand schon 1725 im Notenbüchlein für meine Frau Anna Magdalena Bach, lange bevor ich sie zum Ausgangspunkt eines so großen Werks machte. Die Variationen folgen dabei nicht ihrer Melodie, sondern dem Bass und der Akkordfolge darunter. Das ist wie bei einem Haus: Der Grundriss bleibt gleich, und ich stelle in jeder Variation andere Möbel hinein. Der Bass hat zweiunddreißig Noten, und sie kehren so oft wieder, dass du sie irgendwann fast mitsummst, ohne es zu merken.Dreißig Wege über denselben Boden
Ein Satz ist in der Musik ein abgeschlossener Abschnitt innerhalb eines größeren Werks, so wie ein Kapitel in einem Buch oder ein Gang in einem Menü. Bei den Goldberg Variations sind es keine losen Sätze einer Suite, sondern es beginnt mit der Aria, danach folgen dreißig Variationen in zehn Gruppen zu je drei, und alle gehen vom selben Bass aus. In der Mitte steht mit Variation 16 eine französische Ouvertüre, die wie ein festliches Tor in die zweite Hälfte führt, und jede dritte Variation ist ein Kanon, während die Variationen 15, 21 und 25 in g-Moll dunkler gefärbt sind. Als Variation 30 kommt das Quodlibet, und zum Schluss kehrt die Aria als „Aria da Capo e fine“ zurück, sodass du am Ende dort ankommst, wo du losgegangen bist, nur mit anderen Ohren.Kraut und Rüben, aber mit Ordnung
In der Variation 30 mische ich zwei Volkslieder zusammen, nämlich „Kraut und Rüben“ und „Ich bin solang nicht bei dir g'west“. Ein Quodlibet spielt mehrere bekannte Melodien gleichzeitig oder nacheinander, und die Niederländische Bach-Gesellschaft nennt es ein heiteres Potpourri. Wo man nach dem Muster einen Kanon in der Dezime erwartet hätte, steht stattdessen dieser Scherz, und woher die Lieder stammen, habe ich nie aufgeschrieben. Dass ausgerechnet „Kraut und Rüben“ darin vorkommt, passt gut zu einem Durcheinander, das in Wahrheit genau geordnet ist.Zwei Tastaturen und ein Klavier
Auf dem Titelblatt verlange ich ein Cembalo mit zwei Manualen, also mit zwei Tastaturen übereinander, wie ein Stockbett für die Finger. Einige Variationen, zum Beispiel die Nummern 8, 11, 13, 14 und 17, sind ohne diese zweite Tastatur gar nicht gut zu spielen. Trotzdem hört man das Werk heute meistens auf dem Klavier, und Glenn Gould hat es 1955 und noch einmal 1981 aufgenommen. Beide Aufnahmen klingen sehr verschieden, und ich finde es schön, dass dasselbe Stück so viele Gesichter zeigen kann.Der Fund von 1974
Im Jahr 1974 tauchte mein eigenes Exemplar des Drucks auf. Darin stehen vierzehn Kanons über den Grundbass der Aria, die heute unter der Nummer BWV 1087 geführt werden. Offenbar konnte ich von diesem Bass einfach nicht lassen und habe ihn in meinem Exemplar noch weiter umspielt. Für mich ist das ein schöner Beweis, dass ein gutes Thema nie ganz zu Ende erzählt ist.---
Am Ende des Werks kehrt die Aria noch einmal zurück, genau so, wie du sie am Anfang gehört hast. Nur hörst du sie jetzt anders, weil du den ganzen Weg durch die dreißig Variationen hinter dir hast. So ähnlich geht es mir mit dieser Geschichte: Ob sie sich wirklich so zugetragen hat, weiß niemand genau, und trotzdem begleitet sie die Musik bis heute. Hat es dir Freude gemacht, mehr über die Hintergründe der Goldberg Variations zu erfahren? Es gibt noch viel mehr zu entdecken, zum Beispiel die vierzehn Kanons über den Bass der Aria, die man 1974 in meinem eigenen Exemplar gefunden hat. Auch die Frage, wie dieselben Noten auf dem Cembalo und auf dem Klavier klingen, lohnt einen genauen Blick und ein genaues Hinhören. Wenn du neugierig geworden bist, dann klick einfach auf die Links hier auf der Seite und stöbere in Ruhe weiter. Ich freue mich, wenn du die Variationen danach noch einmal von vorn hörst und dabei Neues entdeckst.
