Rätselraten um die Widmung bei Beethovens Für Elise
Die Hintergründe
Bagatelle No. 25 in A minor, WoO 59 ("Für Elise")

Ich bin Ludwig van Beethoven, und hier erzähle ich dir die Vorgeschichte meines Klavierstücks Für Elise. Du erfährst, wie dieses Stück erst 1867, lange nach meinem Tod, durch Ludwig Nohl ans Licht kam und warum sich sein Titel bis heute nicht überprüfen lässt, weil die Handschrift verschwunden ist. Hier auf der Seite bringen meine Kollegen und ich dir bei, unsere Stücke beim Hören zu erkennen, und ob das klappt, siehst du, wenn du den Trainer ausprobierst .
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Ein Wiener mit kleinem Auftrag an sich selbst
Im April 1810 lebte ich schon lange in Wien, wohin ich im November 1792 aus Bonn gezogen war. Dort schrieb ich nebenbei dieses Stück für Klavier solo, eine Bagatelle, also ausdrücklich eine Kleinigkeit. Im Werkverzeichnis heißt sie heute Bagatelle Nr. 25 in a-Moll, WoO 59, was nach einem Aktenzeichen klingt und nicht nach etwas, das man verschenkt. Trotzdem soll es ein persönliches Geschenk gewesen sein, und damit beginnt die Geschichte erst richtig.Das Herz war woanders beschäftigt
Damals war ich nämlich verliebt, und zwar in Therese Malfatti. Ich wollte sie sogar heiraten und hatte mir das alles schon sehr schön vorgestellt. Sie hat mich leider abgelehnt, und seither fragen sich die Leute, ob dieses Stück ein Trostpflaster, ein Annäherungsversuch oder etwas ganz anderes war.Eine Widmung, die nur einer gesehen haben will
Auf dem Blatt soll gestanden haben: „Für Elise am 27 April [1810] zur Erinnerung von L. v. Bthvn.“ Wir kennen diesen Satz allerdings nur, weil ein Gelehrter namens Ludwig Nohl ihn zitiert hat. Ob er das wirklich genau so gelesen und wiedergegeben hat, kann heute niemand mehr nachprüfen. Das ist ungefähr so, als würde dir jemand erzählen, auf einem verschwundenen Zettel habe etwas Wichtiges gestanden, und du müsstest es ihm einfach glauben.Ein Stück, das auf mich nicht gewartet hat
Nohl veröffentlichte es erst 1867 in seinen Neuen Briefen Beethovens, erschienen in Stuttgart bei J. G. Cotta, und nannte es schlicht „Clavierstück in A moll“. Zu meinen Lebzeiten wurde es also nie gedruckt, denn ich starb am 26. März 1827 in Wien. Den Namen Für Elise bekam es erst durch diese Veröffentlichung. Ein Welterfolg, den ich nie miterlebt habe, und das ist für einen Komponisten eine eigenartige Vorstellung.Das Original ist spurlos verschwunden
Seit Nohls Veröffentlichung fehlt vom Autograf jede Spur, und eine saubere Abschrift hat sich auch nicht erhalten. Deshalb lässt sich der Titel nicht an der Quelle überprüfen, und das ärgert die Forschung bis heute. Sogar darüber, wem das Manuskript vor Nohl gehört hat, gibt es zwei Auskünfte: Das Beethoven-Haus nennt Therese Malfatti, anderswo ist von einer Babette Bredl in München die Rede. Man sieht, dass ein einziges Blatt Papier eine ganze Menge Fragen aufwerfen kann.Vielleicht war alles nur ein Lesefehler
Der Forscher Max Unger vermutete, dass Nohl meine Schrift missverstanden hat und dort eigentlich „Für Therese“ stand. Dann wäre das Stück doch für die Frau gewesen, die mir den Korb gegeben hat. Bewiesen ist das nicht, es bleibt eine Möglichkeit unter mehreren. Aber zugegeben, aus „Therese“ wird nicht einfach so „Elise“, und doch ist die Idee hübsch genug, um sie weiterzuerzählen.Die Suche nach der richtigen Elise
Klaus Martin Kopitz brachte die Sopranistin Elisabeth Röckel ins Spiel, die in einem Brief von Milder-Hauptmann aus dem Jahr 1830 „Elise“ genannt wird. Rita Steblin dachte an Elise Barensfeld, eine junge Begabung, und sie bezeichnet das selbst als Spekulation. Dazu kommt, dass keine Quelle bestätigt, dass ich überhaupt eine Frau namens Elise gekannt hätte. Wer die Widmungsträgerin war, lässt sich nach allem, was wir wissen, nicht entscheiden, und ich werde es dir hier ganz sicher nicht verraten.Skizzen in fragwürdiger Gesellschaft
Im Beethoven-Haus Bonn liegen noch Skizzenblätter zu dem Stück. Auf demselben Blatt stehen ein Marsch, WoO 19, und Musik zu Egmont, Opus 84, mein Gedankenmaterial war also ziemlich gemischt. Es ist erstaunlich, dass neben solchen größeren Vorhaben ein Thema entstand, das heute fast jeder summen kann. Als Tempo habe ich übrigens Poco moto vorgesehen, also ein wenig bewegt, aber ohne Eile.Zwei Oktaven reichen völlig
Der Tonumfang des Stückes beträgt nur etwa zwei Oktaven, und das passt genau zu den Klavieren, die ich damals hatte. Auf einem heutigen Flügel mit seinen 88 Tasten ist also sehr viel Platz übrig, den ich gar nicht gebraucht habe. Seit etwa 1798 ließ mein Gehör nach, doch ich stand 1810 mitten in meiner mittleren Schaffensphase, die man von 1802 bis 1812 rechnet. Das Stück stammt also aus einer Zeit, in der ich viel zu tun hatte und trotzdem noch Zeit für eine Kleinigkeit fand.Was von einer Kleinigkeit übrig bleibt
Ich habe das Stück nie als berühmt erlebt, und gedruckt gesehen habe ich es auch nicht. Trotzdem spielen es Kinder, die kaum mit der ersten Klavierstunde fertig sind, und Pianisten, die längst alles können. Dass ausgerechnet etwas, das ich möglicherweise für eine einzige Person aufgeschrieben habe, so vielen Menschen gehört, finde ich schön. Und dass niemand mit Sicherheit sagen kann, für wen es gedacht war, gehört für mich mittlerweile einfach zu dem Stück dazu.---
Ein kleines Stück, das ich im Frühling 1810 aufgeschrieben habe, ist ohne mein Zutun zu einem der bekanntesten Klavierstücke überhaupt geworden. Zu meinen Lebzeiten hat es niemand gedruckt, und erst vierzig Jahre nach meinem Tod ist es erschienen. Seitdem ist die Handschrift verschwunden, und so bleibt die Frage nach Elise wohl für immer offen. Ich finde, dass dieses Geheimnis gut zu der Musik passt, denn sie klingt bis heute, als würde sie etwas für sich behalten. Hat dir die Geschichte hinter Für Elise gefallen? Ich hoffe es sehr, denn es gibt noch einiges mehr an diesem Stück zu entdecken. Es lohnt sich zum Beispiel, genauer hinzuhören, wie das Thema immer wieder zurückkehrt und jedes Mal ein wenig anders wirkt, weil dazwischen so viel passiert ist. Wenn du neugierig geworden bist, klick einfach auf die Links hier in der Nähe, dort kannst du Für Elise weiter erkunden. Und wenn du das Stück das nächste Mal hörst, denkst du vielleicht an die Frage, für wen ich es geschrieben habe.
