Feuriges Temperament und Tempowechsel bei Hungarian Dance No 5 von Brahms
Die Hintergründe
Hungarian Dance No. 5 in F-sharp minor, WoO 1, No. 5

Servus, ich bin Johannes Brahms und erzähle dir hier die Entstehungsgeschichte von meinem Hungarian Dance No 5. Du erfährst, wie aus meinen gesammelten Reisemelodien für gemütliche Klavierabende im Freundeskreis plötzlich mein größter Verkaufserfolg in ganz Europa wurde. Auf dieser Seite bringen meine Komponistenkollegen und ich dir außerdem bei, wie du unsere Musik beim Hören zuverlässig erkennen kannst – starte hier mit dem Trainer .
---
Unterwegs mit einem feurigen Geiger
Anfang der 1850er-Jahre bin ich als junger Klavierbegleiter mit dem ungarischen Geiger Ede Reményi durch die Lande gezogen. Auf dieser Konzertreise habe ich all die mitreißenden ungarischen Melodien aufgeschnappt, die mir danach einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen wollten. Überall dort, wo wir abends zusammen musizierten, notierte ich mir eifrig diese schwungvollen Weisen in mein kleines Notizbuch. Es war ein bisschen so, als würde man auf einer Reise ständig köstliche Rezepte sammeln, um sie später zu Hause für seine besten Freunde nachzukochen.Hausmusik statt großer Auftrag
Zwischen 1858 und 1868 habe ich mich dann hingesetzt und die ersten zehn dieser Tänze zu Papier gebracht. Einen offiziellen Auftrag hatte ich dafür überhaupt nicht, sondern wollte einfach diese feurige Musik mit meinem Freundeskreis teilen. Deshalb schrieb ich die Stücke für Klavier zu vier Händen, damit man sich zu zweit an ein Instrument setzen und gemeinsam loslegen konnte. Im Grunde war das unsere damalige Form eines geselligen Spieleabends, nur dass man dabei deutlich schneller ins Schwitzen geriet.Vier Hände in Oldenburg
Bevor mein Hungarian Dance No 5 gedruckt wurde, musste er natürlich erst einmal vor echtem Publikum erprobt werden. Am ersten November 1868 setzte ich mich in Oldenburg gemeinsam mit meiner guten Freundin Clara Schumann ans Klavier. Dort im Haus Beaulieu spielten wir zum allerersten Mal diese erste Reihe der Tänze, während unsere Finger nur so über die Tasten flogen. Wenn man zu zweit auf einer einzigen Klavierbank sitzt, ist gute Freundschaft übrigens Gold wert, weil man sich ständig mit den Ellbogen ins Gehege kommt.Ein lukrativer Umzug nach Wien
Kurz darauf, im März 1869, brachte mein Verleger N. Simrock in Berlin das erste Heft heraus, in dem mein Hungarian Dance No 5 den krönenden Abschluss bildete. Das passte zeitlich wunderbar, denn ich zog in diesen späten 1860er-Jahren gerade fest nach Wien um und feierte nach der Premiere von meinem Werk Ein deutsches Requiem meinen ersten großen Durchbruch. Die Tänze schlugen in ganz Europa sofort ein und wurden für meinen Verleger und mich zum finanziell erfolgreichsten Geschäft überhaupt. Man kann sich vorstellen, dass meine Wiener Wohnungsmiete durch diese tanzfreudigen Käufer plötzlich sehr viel leichter zu bezahlen war.Der Irrtum mit dem Volkslied
Bei der Hauptmelodie von Hungarian Dance No 5 ist mir allerdings ein ziemliches Missgeschick passiert, das mir im Nachhinein einiges Kopfzerbrechen bereitete. Ich hatte nämlich fest geglaubt, es handle sich um ein altes, herrenloses Volkslied aus Ungarn, das jeder frei verwenden darf. Tatsächlich stammte das Thema aber aus dem Csárdás Bártfai emlék von Béla Kéler, einem durchaus lebendigen ungarischen Komponisten und Dirigenten. Das war ungefähr so, als würde man im Park einen vermeintlich herrenlosen Hut aufheben, während der Besitzer noch daneben auf der Bank sitzt.Ärger um die fremden Federn
Ob mir von Anfang an klar war, dass einige dieser gesammelten Melodien von lebenden Kollegen stammten, wurde damals hitzig diskutiert. Sowohl Ede Reményi als auch Béla Kéler warfen mir öffentlich vor, ich hätte mich dreist an fremdem Eigentum bedient. Gemeinsam mit meinem Verleger N. Simrock stellte ich daraufhin klar, dass ich die Stücke ausdrücklich nur als Bearbeitungen und ganz ohne eigene Werknummer veröffentlicht hatte. Deshalb steht bis heute das bescheidene Kürzel WoO 1 für ein Werk ohne Opuszahl auf dem Titelblatt, quasi als mein musikalisches Friedensangebot.Drei echte Eigengewächse
Insgesamt umfasst meine Sammlung 21 solcher Tänze, und bei den allermeisten habe ich tatsächlich vorhandene Melodien nach meinem eigenen Geschmack für das Klavier neu eingekleidet. Für meinen Hungarian Dance No 5 habe ich also keine einzige eigene Melodie erfunden, sondern das bestehende Material von Béla Kéler kunstvoll zurechtgeschliffen. Erst viel später, bei den Nummern 11, 14 und 16, habe ich mir den Spaß erlaubt und die Themen komplett selbst komponiert. Ich wollte wohl einfach beweisen, dass ein Norddeutscher am Ende auch ohne fremde Hilfe ordentlich ungarisches Temperament aufs Papier bringen kann.Allein an den Tasten
Nicht jeder Musikfreund hatte jedoch zu Hause ständig einen zweiten Klavierspieler griffbereit, wenn ihn plötzlich die Lust auf ungarische Rhythmen packte. Darum setzte ich mich 1872 noch einmal hin und schrieb eine Fassung für ein einzelnes Klavier zu zwei Händen. In dieser Soloversion steht das Stück genau wie im vierhändigen Original in der eher dunklen, leidenschaftlichen Tonart fis-Moll. Man muss als einzelner Spieler allerdings ganz schön flinke Hände haben, um den Klang von zwanzig Fingern halbwegs glaubwürdig mit nur zehn Fingern nachzuahmen.Fremde Hilfe für das große Orchester
Viele Hörer kennen meinen Hungarian Dance No 5 heute vor allem in der prächtigen Fassung für großes Orchester, doch die stammt überraschenderweise gar nicht von mir. Aus meiner ganzen Sammlung habe ich nämlich nur die Nummern 1, 3 und 10 eigenhändig für Orchester eingerichtet. Die berühmten Orchesterversionen der fünften Nummer wurden stattdessen von meinen Kollegen Albert Parlow und Martin Schmeling geschrieben, die das Stück dafür von fis-Moll nach g-Moll versetzten. Für die Streicher im Orchester war dieser kleine Tonartwechsel ein echter Segen, weil sie sich sonst bei dem hohen Tempo reihenweise die Finger verknotet hätten.Eine scharfe Rasur zum Schluss
Wie gut die ständigen Tempowechsel zwischen dem feurigen Allegro und dem lebhaften Vivace im Mittelteil funktionieren, zeigte sich Jahrzehnte später an einem völlig unerwarteten Ort. Im Jahr 1940 nutzte Charlie Chaplin die Orchesterfassung für eine berühmte Szene in seinem satirischen Film The Great Dictator. Darin rasiert er als Friseur einen Kunden exakt im Takt meiner Musik, legt bei den langsamen Stellen kurze Pausen ein und wirbelt bei den schnellen Passagen mit dem Rasiermesser herum. Hätte ich 1868 in Oldenburg geahnt, dass meine Musik eines Tages beim Haareschneiden hilft, hätte ich mir meinen eigenen Vollbart vielleicht noch einmal gründlich überlegt.---
Hat dir dieser kleine Blick hinter die Kulissen meines Hungarian Dance No 5 gefallen? Rund um meinen Hungarian Dance No 5 gibt es noch einiges mehr zu entdecken, denn die Musik selbst hält ebenfalls noch so manche Überraschung bereit. Klick dich einfach durch die weiteren Links hier auf der Seite, wenn du noch tiefer in meinen Hungarian Dance No 5 eintauchen möchtest.
