Feuriges Temperament und Tempowechsel bei Hungarian Dance No 5 von Brahms
Der Hörführer

Hungarian Dance No. 5 in F-sharp minor, WoO 1, No. 5

Brahms präsentiert einen Hörführer zu Hungarian Dance No 5
Grüß dich, ich bin Johannes Brahms, und das hier ist mein Hörführer zu meinem Hungarian Dance No 5. Hier zeige ich dir, worauf du beim Zusammenspiel im 2/4-Takt achten kannst, damit dir zwischen dem dramatischen Moll-Beginn und dem lebensfrohen Dur-Mittelteil kein spannendes Detail entgeht. Übrigens helfe ich dir auf dieser Webseite zusammen mit meinen Komponistenkollegen dabei, unsere Stücke schon nach wenigen Takten zu erkennen –  teste unseren Trainer gleich mal .
---

Vier Hände für ein feuriges Temperament

Wenn du dir meinen Hungarian Dance No 5 anhörst, erlebst du ein Stück, das ich ursprünglich für das Klavier zu vier Händen geschrieben habe. Auf einer einzigen Klavierbank wird es dabei schnell gemütlich, weil zwei Spieler sich die Tasten teilen und sich die Bälle im 2/4-Takt gegenseitig zuwerfen. Später im Jahr 1872 habe ich zwar noch eine Fassung für ein einzelnes Klavier nachgelegt, und Kollegen wie Albert Parlow sowie Martin Schmeling haben das Ganze für großes Orchester eingerichtet. Beim Hören achtest du am besten darauf, wie die tiefen Töne den unerbittlichen Puls schlagen, während sich darüber die Melodie mal wehmütig dehnt und mal ungeduldig nach vorn drängt.

Ein Souvenir mit kleinem Missverständnis

Den Namen hat mein Hungarian Dance No 5 bekommen, weil er als fünftes Stück in meiner Sammlung von insgesamt 21 Tänzen steht, die ich ohne eigene Opusnummer unter dem Kürzel WoO 1 veröffentlicht habe. Ich wollte damit den feurigen ungarischen Stil mit meinen Freunden am heimischen Klavier teilen, den ich in den frühen 1850er-Jahren auf Konzertreisen mit dem Geiger Ede Reményi kennengelernt hatte. Allerdings hielt ich die Hauptmelodie damals für ein altes Volkslied, obwohl sie eigentlich aus dem Csárdás Bártfai emlék von Béla Kéler stammte. Manchmal packt man eben ein hübsches Fundstück in den Koffer und merkt erst zu Hause, dass noch das Namensschild von jemand anderem daranhängt.

Ein musikalisches belegtes Brot

Über die äußere Form für meinen Hungarian Dance No 5 musste ich mir keine grauen Haare wachsen lassen, denn ein echter Tanz braucht klare Verhältnisse. Keine Sorge, ich verschone dich hier mit einer komplizierten Sonate oder einem ausufernden Rondo und greife lieber zur dreiteiligen Liedform nach dem Schema A-B-A. Das Prinzip kennst du aus der Küche von einem gut belegten Brot, bei dem oben und unten die gleiche kräftige Scheibe liegt und in der Mitte eine würzige Überraschung wartet. Schauen wir uns diese drei Abschnitte jetzt der Reihe nach genauer an, damit du unterwegs genau weißt, in welcher Kurve wir uns gerade befinden.

Abschnitt 1: Leidenschaft mit eingebauter Bremse

Gleich im ersten Abschnitt geht es im schwungvollen Allegro zur Sache, wobei meine Klavierfassung in dunklem fis-Moll steht und die bekannten Orchesterfassungen nach g-Moll ausweichen. Die Musik klingt hier herrlich dramatisch und stolz, fast wie ein Tänzer, der sich mit verschränkten Armen mitten in den Saal stellt. Doch mitten im schönsten Schwung habe ich das Tempo mit der Anweisung poco più largo plötzlich gedrosselt, bevor es mit in tempo sofort wieder im alten Galopp weitergeht. Dieser ständige Wechsel aus leidenschaftlichem Ansturm und kurzem Zögern sorgt dafür, dass du als Zuhörer keinen Moment lang bequem die Füße hochlegen kannst.

Abschnitt 2: Wenn plötzlich die Sonne durchbricht

Im zweiten Abschnitt schalte ich noch einen Gang höher auf ein lebhaftes Vivace und wechsle gleichzeitig die Tonart von Moll nach strahlendem Fis-Dur beziehungsweise G-Dur im Orchester. Mit einem Schlag verfliegt die dunkle Schwermut vom Anfang, und die Melodie hüpft so vergnügt drauflos, als hätte jemand im Tanzsaal sämtliche Fenster weit aufgerissen. Aber auch in dieser ausgelassenen Runde spiele ich wieder mein liebstes Spiel mit der Geschwindigkeit und ziehe mitten im Übermut kurz die Zügel an. Gerade dieses neckische Hin und Her zwischen Übermut und kurzem Innehalten macht den Mittelteil zu einem wunderbaren Kontrast, bevor der Ernst des Lebens uns wieder einholt.

Abschnitt 3: Ein Abschied mit donnerndem Absatz

Für den dritten Abschnitt kehre ich ohne Umschweife zum dramatischen ersten Teil in Moll und zum anfänglichen Allegro zurück. Weil du die stolze Melodie und ihre kleinen Temposchwankungen inzwischen schon kennst, fühlt sich diese Rückkehr an wie das Wiedersehen mit einem alten Bekannten am Ende eines langen Abends. Noch einmal bäumt sich das Thema mit seiner ganzen dunklen Glut auf und lässt sich kurz vor dem Ziel ein letztes Mal genüsslich ausbremsen. Am Ende setze ich mit ein paar kräftigen, entschlossenen Schlägen den Schlusspunkt, damit auch wirklich jeder im Raum merkt, dass der Tanz vorbei ist.

Jetzt bist du an der Reihe

Nun lade ich dich herzlich ein, meinen Hungarian Dance No 5 selbst zu erleben. Drück einfach auf Start und lass dich mitten in das musikalische Geschehen hineinziehen. Behalte beim Zuhören ruhig ein wenig im Hinterkopf, worüber wir uns gerade unterhalten haben. Ich hoffe sehr, dass dich die Reise durch meinen Hungarian Dance No 5 genauso begeistert wie mich damals, als ich ihn zu Papier gebracht habe!
---
Hat es dir Freude gemacht, meinen Hungarian Dance No 5 einmal mit so wachen Ohren zu begleiten? Rund um meinen Hungarian Dance No 5 gibt es noch viele weitere spannende Geschichten und musikalische Feinheiten zu entdecken. Klick dich einfach durch die weiteren Links hier auf der Seite, wenn du noch tiefer in meinen Hungarian Dance No 5 eintauchen möchtest.