Vier gegen drei bei Chopins Fantaisie-Impromptu
Die Hintergründe
Fantaisie-Impromptu in C-sharp minor, Op. 66

Ich bin Frédéric Chopin, und hier erzähle ich dir die Vorgeschichte meines Fantaisie-Impromptu. Du erfährst, warum ich dieses Stück in der Schublade ließ, obwohl es heute so viele Menschen lieben, und weshalb bis heute niemand sicher weiß, was mich zurückhielt. Wie du unsere Stücke beim Hören erkennst, zeigen dir meine Komponistenkollegen und ich hier auf der Seite, also versuch dich doch gleich im Trainer .
---
Paris, gute Einkünfte und wenig Bühne
Als ich dieses Stück schrieb, lebte ich schon seit 1831 in Paris und hatte mich dort ganz gut eingerichtet. Mein Geld verdiente ich mit veröffentlichten Noten und mit dem Unterricht bei wohlhabenden Schülern. In der Öffentlichkeit spielte ich dagegen nur selten, ich saß lieber im Salon als auf der großen Bühne. Stell dir also einen Komponisten vor, der tagsüber Stunden gibt und abends am Klavier grübelt, dann liegst du bei mir ziemlich richtig.Unterwegs mit Koffer und Notenpapier
Im Jahr 1834 saß ich nicht nur am Schreibtisch, sondern fuhr mit Ferdinand Hiller zum Niederrheinischen Musikfest nach Aachen. In Düsseldorf lernte ich bei dieser Gelegenheit Mendelssohn kennen. Im Jahr darauf sah ich in Karlsbad meine Eltern zum letzten Mal und begegnete Maria Wodzińska. Zwischen all diesen Reisen entstand das Fantaisie-Impromptu, und George Sand kannte ich damals noch gar nicht, die lernte ich erst 1836 kennen.Ein Titelblatt mit Baronin
Eine Handschrift von 1835 trägt auf dem Titelblatt den Satz, ich hätte das Stück für die Baronin d'Este komponiert. Eine gedruckte Widmung ist das allerdings nicht, es steht nur dort, in meiner Handschrift, und sonst nirgends. Ein einziger Satz auf einem Blatt Papier, und trotzdem rätseln die Leute bis heute darüber. Er verrät nämlich nicht, ob ich das Stück aus Zuneigung geschrieben habe oder weil jemand es bestellt hatte.Auftragsarbeit oder nicht
Arthur Rubinstein hat später vermutet, dass die Formulierung auf einen bezahlten Auftrag hindeutet. Wer ein Stück bestellt und bezahlt, möchte es schließlich für sich haben, und da wäre es unhöflich, es auch noch an alle anderen zu verkaufen. Das würde erklären, warum ich es nie habe drucken lassen. Sicher ist das aber nicht, es bleibt eine Erklärung unter mehreren.Ein Verdacht namens Mondschein
Manche halten noch etwas anderes für den Grund meines Zögerns, nämlich die Nähe zu Beethovens „Moonlight“-Sonate. Sie steht ebenfalls in cis-Moll, und der Musikforscher Ernst Oster hat im Finale einen ähnlichen Lauf und eine ähnliche Kadenz bemerkt. Auch mein Mittelteil in Des-Dur erinnert ihn an den zweiten Satz der Sonate. Warum ich das Stück wirklich zurückhielt, weiß niemand genau, aber man hört nicht gern, dass man ein bisschen wie ein berühmter Vorgänger klingt.Noch ein Nachbar im Notenregal
Ähnlichkeit gibt es auch mit einem Impromptu in Es-Dur von Ignaz Moscheles, seinem Opus 89. Das erschien 1834, also genau in der Zeit, in der ich an meinem Stück arbeitete. Ob das Zufall war, kann ich dir nicht sagen. Manchmal liegt eine Idee eben in der Luft, und zwei Leute greifen gleichzeitig danach.Ein letzter Wunsch, an den sich keiner hielt
Auf dem Sterbebett wünschte ich mir, dass alle meine unveröffentlichten Manuskripte vernichtet werden. Mein Freund Julian Fontana, der in Paris mein Kopist und für fast alles zuständig gewesen war, hielt sich nicht daran. Nach meinem Tod 1849 dauerte es noch bis 1855, bis er das Fantaisie-Impromptu herausgab. Heute bin ich ihm dafür dankbar, auch wenn ich damals wohl etwas anderes gesagt hätte.Opus 66, obwohl ich längst weiter war
Meine Mutter und meine Schwestern baten Fontana, aus dem Nachlass auszuwählen, und er suchte 23 unveröffentlichte Klavierstücke heraus. Er ordnete sie unter den Opuszahlen 66 bis 73 ein, und das Fantaisie-Impromptu steht ganz vorn. Die Nummer sagt also nichts darüber, in welcher Reihenfolge ich meine Stücke geschrieben habe. Das ist ein bisschen wie bei einer Hausnummer, die der Briefträger vergeben hat und nicht der Architekt.Zwei Fassungen und ein Auktionshaus
Meine eigene Handschrift und Fontanas gedruckter Text unterscheiden sich in mehreren Einzelheiten, gespielt wird aber meistens seine Fassung. Auch das Wort „Fantaisie“ im Titel stammt wahrscheinlich nicht von mir. Die d'Este-Handschrift kam 1960 in die Hände von Arthur Rubinstein, der das Album bei einer Pariser Auktion kaufte. Schon 1962 gab er sie bei G. Schirmer heraus, sodass man meine Version endlich schwarz auf weiß vergleichen konnte.Presto, Seufzer, Schlussakkord
Nach dem ruhigen Mittelteil geht es später ins Presto, und in manchen Ausgaben schließt noch eine Coda im Allegro agitato an. Am Ende löst sich alles in einem gebrochenen Cis-Dur-Akkord auf, als würde das Stück nach all der Hetze tief ausatmen. Heute gehört es zu meinen meistgespielten Werken, obwohl James Huneker Teile davon „mawkish“, also rührselig, fand. Federico Mompou und George Crumb haben es später in eigenen Stücken zitiert, und so lebt es an Orten weiter, mit denen ich nie gerechnet hätte.---
Wenn ich heute auf dieses Stück zurückschaue, wundert es mich noch immer, wie es seinen Weg zu dir gefunden hat. Ich selbst habe es nie drucken lassen, und warum ich es zurückhielt, weiß bis heute niemand sicher. Auf dem Sterbebett wünschte ich sogar, dass meine unveröffentlichten Manuskripte vernichtet werden. Dass es anders kam, verdanke ich meinem Freund Julian Fontana, der das Fantaisie-Impromptu 1855 herausgab. Seitdem sitzen unzählige Menschen daran und spielen es, und ich höre das mit einer gewissen stillen Freude. Hat es dir Spaß gemacht, die Geschichte hinter dem Fantaisie-Impromptu kennenzulernen? Es gibt noch einiges mehr zu entdecken, zum Beispiel wie nah das Stück der „Moonlight“-Sonate von Beethoven steht und wie andere Komponisten meine Melodien später aufgegriffen haben. Wenn du neugierig geworden bist, dann klick einfach auf die Links hier auf der Seite und erkunde das Fantaisie-Impromptu weiter. Ich würde mich freuen, wenn du dabei noch das eine oder andere Detail findest, das dir beim nächsten Hören auffällt.
