Norwegische Fjorde am Flügel bei Griegs Piano Concerto in A Minor
Die Hintergründe
Piano Concerto in A minor, Op. 16

Willkommen, ich bin Edvard Grieg, und ich erzähle dir hier die Entstehungsgeschichte meines Piano Concerto in A Minor. Du erfährst, warum ich bei der Uraufführung in Kopenhagen selbst gar nicht im Saal sitzen konnte und weshalb ich die Partitur bis kurz vor meinem Tod immer wieder überarbeitet habe. Auf dieser Seite bringen meine Kollegen und ich dir außerdem bei, wie du unsere Musikstücke beim Hören gleich wiedererkennen kannst – mach einfach beim Trainer mit .
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Sommerfrische mit Musik
Im Sommer 1868 zog ich mich ins dänische Søllerød zurück, um in aller Ruhe an meinem Piano Concerto in A Minor zu schreiben. Ich war damals gerade fünfundzwanzig Jahre alt, seit dem Juni 1867 mit meiner Cousine Nina Hagerup verheiratet und seit April 1868 stolzer Vater unserer kleinen Tochter Alexandra. Einen offiziellen Auftrag hatte mir niemand erteilt, also saß ich ohne fremden Zeitdruck am Schreibtisch, als würde ich einen langen Brief an gute Freunde verfassen. Unter diesen friedlichen Umständen floss mir die Musik so leicht aus der Feder, dass der Sommer wie im Flug verging.Ein gutes Vorbild schadet nie
Für den großen Rahmen nahm ich mir das Klavierkonzert von Robert Schumann zum Vorbild, das ich schon lange bewunderte. Manche Leute behaupten zwar gern, ich hätte seinen berühmten Anfang Note für Note abgeschrieben, aber das stimmt natürlich nicht. Während Schumann mit den Bläsern startet, eröffne ich mit einem Paukenwirbel und baue in den absteigenden Lauf des Klaviers typisch norwegische Tonschritte ein. Man darf sich bei einem großen Meister schließlich gern anschauen, wie das Haus gebaut ist, solange man seine eigenen Möbel hineinstellt.Drei Gänge für die Ohren
Mein Konzert besteht aus drei großen Abschnitten, die wir Musiker Sätze nennen und die wie die verschiedenen Gänge eines guten Abendessens aufeinander folgen. In I. Allegro molto moderato gibt es zum Auftakt gleich die volle Ladung Dramatik und später im Mittelteil eine schöne, gesangliche Melodie für die Celli, bevor der Pianist ganz allein glänzen darf. Danach sorgt II. Adagio für einen ruhigen Moment zum Träumen, in dem das Klavier erst nach den gedämpften Streichern mit weiten, schwärmerischen Figuren einsetzt. Ohne jede Pause geht es dann direkt weiter in III. Allegro moderato molto e marcato, wo ich einen kräftigen norwegischen Volkstanz namens Halling und den Klang unserer traditionellen Hardangerfiedel ins Orchester hole.Wer hat's geschrieben?
Eigentlich wollte ich das fertige Werk meinem verstorbenen Freund und norwegischen Komponistenkollegen Rikard Nordraak widmen. Am Ende schrieb ich dann aber doch den Namen des Pianisten Edmund Neupert auf die veröffentlichte Partitur, weil er sich so tatkräftig für das Stück einsetzte. Bis heute streiten sich die Gelehrten beim Blick in alte Briefe übrigens darüber, ob Neupert mir in jenem Sommer in Søllerød ein paar Änderungen vorgeschlagen oder sogar an der großen Solostelle im ersten Satz mitgeschrieben hat. Ich behalte dieses kleine Werkstattgeheimnis einfach für mich, schließlich verrät ein Koch auch nicht jedes Gewürz in seiner Suppe.Premiere ohne mich
Als das Konzert am 3. April 1869 im Casino-Theater in Kopenhagen zum ersten Mal öffentlich erklang, saß Edmund Neupert am Klavier und Holger Simon Paulli stand am Dirigentenpult. Ich selbst konnte leider gar nicht im Saal sitzen, weil ich zur selben Zeit feste Verpflichtungen als Dirigent bei einem Orchester in Christiania, dem heutigen Oslo, hatte. Dafür saß der berühmte russische Pianist Anton Rubinstein im Publikum und war sogar so freundlich, seinen eigenen Konzertflügel von seiner Tournee für den Abend auszuleihen. Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn das eigene musikalische Kind in der Fremde gefeiert wird, während man selbst zu Hause den Taktstock schwingen muss.Besuch beim Altmeister
Im Jahr 1870 reiste ich nach Rom und nahm mein Manuskript mit zu Franz Liszt, vor dem damals so ziemlich jeder junge Musiker gehörigen Respekt hatte. Liszt setzte sich ans Klavier, spielte mein Konzert zu meinem Erstaunen einfach direkt vom Blatt herunter und lobte meine Arbeit danach voller Begeisterung. Er schlug mir in seiner Euphorie allerdings auch vor, das sanfte zweite Thema im ersten Satz lieber einer Trompete statt den Celli zu geben. In einer späteren Ausgabe habe ich diesen Rat tatsächlich kurz befolgt, bin dann aber reumütig wieder zu den warmen Celli zurückgekehrt, weil eine Trompete an dieser Stelle einfach zu sehr nach Kaserne klang.Nie ganz fertig
Gedruckt wurde das Werk zum ersten Mal im Jahr 1872 in Leipzig beim Verleger E. W. Fritzsch. Falls du glaubst, dass die Geschichte damit für mich erledigt war, kennst du meine hartnäckige Vorliebe für kleine Korrekturen noch nicht. Im Laufe meines Lebens habe ich die Partitur mindestens siebenmal überarbeitet und über dreihundert Details im Orchesterklang geändert, bis kurz vor meinem Tod im Jahr 1907 die endgültige Fassung erschien. Ich war mit meinen Noten eben wie ein Gärtner, der im Vorbeigehen immer noch ein kleines Zweiglein findet, das er unbedingt stutzen muss.Ein einsamer Spitzenreiter
Über die Jahre ist dieses Werk mein einziges vollendetes Konzert geblieben, obwohl ich mir die Sache später noch einmal vorgenommen habe. Im Jahr 1883 fing ich zwar tatsächlich an, Skizzen für ein zweites Klavierkonzert in h-Moll zu Papier zu bringen, doch dieses Projekt wurde nie fertig. Einen griffigen Spitznamen hat mein erstes Konzert übrigens nie bekommen, alle Welt nennt es schlicht beim Namen der Gattung, der Tonart oder der Opuszahl. Aber ganz ehrlich, solange die Leute die Melodien im Kopf behalten, braucht das Kind auch keinen lustigen Zweitnamen.Ein späte Reise ins Fernsehen
Manchmal wundert man sich ja sehr, auf welchen Umwegen die eigene Musik Jahrzehnte später plötzlich wieder auftaucht. Im Jahr 1961 machte Jimmy Wisner aus meinen Noten kurzerhand einen flotten Pop-Hit mit dem Titel Asia Minor. Noch bekannter wurde ein Weihnachtssketch im Fernsehen der BBC aus dem Jahr 1971, in dem sich die Komiker Morecambe und Wise zusammen mit dem Dirigenten André Previn köstlich über den Anfang meines Konzerts amüsierten. Als ich damals in meiner stillen dänischen Sommerfrische saß, hätte ich mir jedenfalls nicht träumen lassen, dass mein ernstes Stück einmal für schallendes Gelächter am Weihnachtsabend sorgen würde.---
Hat dir dieser Blick hinter die Kulissen meines Piano Concerto in A Minor gefallen? Rund um dieses Werk gibt es natürlich noch einiges mehr zu entdecken, denn die reine Entstehungsgeschichte ist nur die halbe Miete. Klick dich einfach durch die Links hier auf der Seite, wenn du noch tiefer in mein Piano Concerto in A Minor eintauchen möchtest.
