Ja sagen mit Mendelssohns Wedding March
Die Hintergründe
Wedding March in C major, Op. 61, No. 9

Ich bin Felix Mendelssohn, und das hier ist die Vorgeschichte meines Hochzeitsmarschs. Du erfährst, wie ein Marsch, den ich für ein Theaterstück geschrieben habe, 1847 in einer Kirche in Tiverton zum ersten bekannten Hochzeitsmarsch wurde, Jahre bevor eine Prinzessin ihn berühmt machte. Auf dieser Seite bringen dir meine Komponistenkollegen und ich bei, unsere Stücke schon beim Hören zu erkennen, und das kannst du gleich in einem Durchgang im Trainer ausprobieren.
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Mit siebzehn im Zauberwald
Mit dem Sommernachtstraum habe ich mich schon sehr früh beschäftigt, denn die Ouvertüre dazu habe ich 1826 geschrieben, als ich siebzehn war. Sie war schon fertig, lange bevor irgendjemand an einen Hochzeitsmarsch dachte. Der Marsch gehört nämlich gar nicht zu diesem frühen Stück, sondern kam erst viele Jahre später dazu. Dass ich mich in diesem Alter schon so in Shakespeares Elfen und Handwerker hineinversetzen konnte, macht mich bis heute ein wenig stolz.Wenn der König anklopft
Im Jahr 1842 kam dann ein Auftrag von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der zu Shakespeares Stück eine vollständige Bühnenmusik haben wollte. Seit meiner Ouvertüre waren damals sechzehn Jahre vergangen. Ich musste also nicht bei null anfangen, sondern konnte an die Stimmung anknüpfen, die ich als junger Mensch gefunden hatte. Bei einem Auftrag vom König sagt man ohnehin nicht so leicht Nein.Zwei Städte, eine Aufgabe
Zu dieser Zeit war ich Musikdirektor am Gewandhaus in Leipzig, und diese Stelle hatte ich schon seit 1835. Nebenbei arbeitete ich für den König in Berlin, wo ich eigentlich eine Musikschule aufbauen sollte. Aus diesen Plänen wurde am Ende nichts, was mich damals durchaus geärgert hat. Dafür gründete ich 1843 in Leipzig das Konservatorium, und so ging die Idee der Schule doch noch auf.Nummer 9 von 14
Der Hochzeitsmarsch ist nur ein einzelnes Stück aus einer größeren Bühnenmusik, die insgesamt vierzehn Nummern hat. Er steht an neunter Stelle und gehört zu meinem Opus 61. Gespielt wird er dort, wenn im fünften Akt des Stücks gefeiert wird. Viele, die ihn kennen, haben also nie gehört, was vor und nach ihm in dieser Musik passiert.Mehr Instrumente, als die Kirche je sieht
In meinem Orchester spielen Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte, Hörner und Trompeten, jeweils paarweise. Dazu kommen drei Posaunen und eine Ophikleide, ein tiefes Blechblasinstrument, das heute kaum noch jemand kennt. Pauken, Triangel und Becken sorgen für Glanz, und die Streicher tragen das Ganze. Wer den Marsch nur von der Orgel kennt, hört also nur einen Teil von dem, was ich mir damals ausgemalt habe.Die Uraufführung in Potsdam
Zum ersten Mal erklang die ganze Bühnenmusik im Oktober 1843 in Potsdam. Ludwig Tieck hatte das Stück dafür inszeniert, ein Mann, der sich im Theater bestens auskannte. Mein Marsch war dort noch keine Hochzeitsmusik für Brautpaare, sondern gehörte zu den Szenen auf der Bühne. Dass er einmal in Kirchen auf der ganzen Welt gespielt werden würde, hätte ich an diesem Abend nicht für möglich gehalten.Eine Hochzeit in Tiverton
Das erste Mal, dass er nachweislich bei einer echten Trauung erklang, war im Juni 1847 in der englischen Stadt Tiverton. Dorothy Carew heiratete dort Tom Daniel in der Kirche St Peter, und der Organist Samuel Reay spielte meinen Marsch. Man erzählt gern, das sei erst bei der berühmten Hochzeit von 1858 geschehen, aber das stimmt eben nicht. Die Königsfamilie hat dem Stück zwar zu großer Beliebtheit verholfen, erfunden hat sie diese Verwendung aber nicht.Verwechslungsgefahr am Altar
Wenn jemand bei einer Trauung „Hier kommt die Braut“ summt, dann meint er meistens nicht mich, sondern das Brautlied aus Wagners Lohengrin. Das ist ein ganz anderes Stück, und es wird gewöhnlich beim Einzug der Braut gespielt. Auch der Prince of Denmark's March von Jeremiah Clarke wird dafür gern genommen. Mein Marsch kommt meistens erst ganz am Schluss, wenn das Paar die Kirche verlässt, und das gefällt mir, denn so bekomme ich den fröhlichen Abgang.Der Marsch bekommt Fingerakrobatik
Franz Liszt fand mein Stück so reizvoll, dass er 1849 und 1850 eine Klavierfassung daraus machte, die den Titel „Wedding March and Dance of the Elves“ trägt. Sie ist so schwierig, dass man als Pianist ordentlich ins Schwitzen kommt. Später hat Vladimir Horowitz daraus noch sein eigenes Paradestück gemacht. Es freut mich sehr, dass mein Marsch von Kollegen nicht nur gespielt, sondern regelrecht weiterverarbeitet wurde.Was ich nicht mehr erlebt habe
Ich war seit 1837 mit Cécile Jeanrenaud verheiratet, und wir hatten zusammen fünf Kinder. Im November 1847 starb ich in Leipzig, mit nur 38 Jahren, wenige Monate nach der Hochzeit in Tiverton. Wie sehr mein Marsch später die Kirchen der Welt erobern würde, habe ich also nicht mehr miterlebt. Wenn heute ein Paar zu diesen Klängen hinausgeht, ist das für mich trotzdem ein schönes Gefühl, auch wenn ich nur noch in Gedanken dabei sein kann.---
Ich hoffe, du hattest Freude daran, mehr über die Geschichte hinter meinem Hochzeitsmarsch zu erfahren. Wenn ich heute daran denke, staune ich ein wenig darüber, wie weit ein Stück gekommen ist, das ich ursprünglich nur für die Bühne und für Shakespeares Feier im fünften Akt geschrieben habe. Es hat den Theatersaal verlassen und begleitet seitdem unzählige Menschen an einem der wichtigsten Tage ihres Lebens. Mir gefällt dieser Gedanke sehr, denn Musik fängt für mich erst dann richtig an zu leben, wenn andere sie zu ihrer eigenen machen. Und doch ist das längst nicht alles, was es über diesen Marsch zu entdecken gibt. Da ist zum Beispiel die Frage, wie Franz Liszt daraus ein glänzendes Klavierstück gemacht hat, das später auch Vladimir Horowitz in seinen Konzerten gespielt hat. Auch das Zusammenspiel mit anderen bekannten Hochzeitsstücken, die man oft für den Einzug der Braut wählt, lohnt einen genaueren Blick. Wenn du neugierig geworden bist, dann klick dich gern durch die Links, die ich dir hier bereitgelegt habe. Vielleicht hörst du den Marsch beim nächsten Mal mit ganz anderen Ohren, wenn er in einer Kirche erklingt.
