Teufelswerk auf vier Saiten mit Paganinis Caprice No 24
Die Hintergründe
Caprice No. 24 in A minor, Op. 1, No. 24, MS 25

Ich heiße Niccolò Paganini und erzähle dir hier die Entstehungsgeschichte meiner Caprice No 24. Du erfährst, warum ich dieses letzte Stück meiner Sammlung damals allen Künstlern widmete, während viele Geiger es bei der Veröffentlichung für schlichtweg unspielbar hielten. Auf dieser Webseite bringen die anderen Komponisten und ich dir außerdem bei, wie du unsere Werke beim Hören zuverlässig erkennen kannst – komm einfach in den Trainer .
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Fünfzehn Jahre Geduldsfaden
Zwischen 1802 und 1817 habe ich in Italien an meinen 24 Caprices for Solo Violin gearbeitet, und die Caprice No 24 bildet den krönenden Abschluss dieser Sammlung. Ich habe mir die Arbeit damals in drei Gruppen von sieben, fünf und schließlich zwölf Stücken aufgeteilt, weil man seinen Fingern so ein Programm besser häppchenweise zumutet. In welchem Jahr genau dieses letzte Stück fertig auf dem Papier stand, weiß heute allerdings niemand mehr mit Sicherheit zu sagen. Manche Dinge lässt man eben reifen wie einen guten Eintopf, bei dem man auch nicht mehr jede einzelne Bohne mit der Uhr im Blick behält.Hofdienst bei Napoleons Schwester
Während dieser langen Entstehungszeit habe ich von 1805 bis 1809 in Lucca gelebt, wo ich als Hofgeiger und Musikdirektor angestellt war. Meine Arbeitgeber dort waren Felice Baciocchi und seine Frau Elisa Bonaparte, die Schwester von Napoleon. Auftragswerke für den Adel waren meine Capricen aber trotzdem nicht, denn ich wollte einfach ausprobieren, was sich aus vier Geigensaiten alles herausholen lässt. Wenn man tagsüber bei Hofe den feinen Ton angeben muss, tut es abends eben gut, im stillen Kämmerlein ein wenig über die Stränge zu schlagen.Ein Gruß an die leidende Zunft
Als Giovanni Ricordi die Sammlung 1820 in Mailand als mein Op. 1 herausbrachte, habe ich sie schlicht mit den Worten Alli Artisti überschrieben, also den Künstlern gewidmet. Bei meinen Violinkonzerten habe ich die Noten zu Lebzeiten ja lieber unter Verschluss gehalten, aber diese Studien wollte ich den Kollegen ganz offen auf das Notenpult legen. Das war sozusagen mein freundschaftlicher Handschlag an die gesamte Geigerzunft, auch wenn mir mancher beim Blick in die Noten sicher lieber die kalte Schulter gezeigt hätte. Schließlich verlangt die Caprice No 24 gleich zu Beginn beim Tema, Quasi presto ein ordentliches Tempo, das einem kaum Zeit zum Luftholen lässt.Eine Widmung für die Ewigkeit
Viele Jahre später, irgendwann zwischen 1832 und 1840, habe ich mir mein persönliches Exemplar der Noten noch einmal vorgenommen und über jedes Stück einen eigenen Namen geschrieben. Bei der Caprice No 24 fiel mir als passender Empfänger allerdings nur meine eigene Wenigkeit ein. Ich habe dort den Zusatz Nicolò Paganini, sepolto pur troppo eingetragen, was so viel heißt wie leider schon begraben. Man soll sich selbst ja nicht zu ernst nehmen, und ein bisschen schwarzer Humor hat noch keinem geschadet, der sich durch meine Noten kämpfen muss.Ganz ohne teuflische Hilfe
Weil ich auf der Bühne Dinge gespielt habe, die man bis dahin noch nicht gehört hatte, und dazu recht hager aussah, hielten sich hartnäckige Gerüchte über mich. Die Leute gaben mir den Spitznamen The Devil's Violinist und behaupteten allen Ernstes, ich hätte meine Seele an den Teufel verkauft, um solche Stücke schreiben und spielen zu können. Das ist natürlich völliger Unsinn, denn hinter all den rasenden Tonleitern und gebrochenen Oktaven stecken bloß jahrelange Übung und sehr biegsame Finger. Der Leibhaftige hätte bei den weiten Griffen über das ganze Griffbrett vermutlich selbst schon nach drei Takten einen Krampf in der Hand bekommen.Keine falsche Ordnung
Manch einer glaubt auch, ich hätte mich bei meinen 24 Stücken brav durch sämtliche 24 Dur- und Molltonarten gearbeitet, wie man das von anderen Sammlungen kennt. Für eine solch strenge Buchhaltung hatte ich beim Komponieren aber wenig übrig, weshalb einige Tonarten einfach mehrfach vorkommen. Meine Caprice No 24 steht in a-Moll und ist damit bereits das dritte Stück in diesem Heft, das sich in genau dieser Tonart wohlfühlt. Erst ganz am Ende im Finale gönne ich dem Hörer und mir selbst den sonnigen Wechsel nach A-Dur, wie ein kurzes Aufatmen nach einem langen Hindernislauf.Das große Rätsel der Uraufführung
Wann, wo und von wem die Caprice No 24 zum ersten Mal vollständig in einem öffentlichen Konzert gespielt wurde, ist heute tatsächlich nirgendwo verzeichnet. Ich selbst habe die Stücke in erster Linie als technische Studien geschrieben und sie bei meinen eigenen Auftritten nur selten vor Publikum ausgepackt. Damals hielten ohnehin die meisten Geiger die Sammlung auf der Konzertbühne für schlichtweg unspielbar, sobald sie die mehrstimmigen Griffe und Sprünge in die höchsten Lagen sahen. Es ist eben wie mit einem sehr scharfen Gewürz in der Küche, das man zwar stolz im Schrank stehen hat, aber nicht jedem Abendgast ungefragt auf den Teller schüttet.Schützenhilfe am Klavier
Während meine Geigerkollegen noch über ihre schmerzenden Finger klagten, waren jüngere Komponisten wie Franz Liszt und Robert Schumann sofort Feuer und Flamme für mein Werk. Sie studierten die Stücke ganz genau und sahen darin einen völlig neuen Weg, wie man ein Instrument überhaupt zum Klingen bringen kann. Robert Schumann hat später sogar eine eigene Klavierbegleitung zu meinen 24 Caprices geschrieben, damit die Hörer im 19. Jahrhundert leichteren Zugang zu dieser Musik fanden. Auch Ferdinand David brachte eine wichtige überarbeitete Ausgabe der Sammlung heraus, die vielen Musikern half, sich in meinem Notendickicht zurechtzufinden.Ein Diebstahl unter Freunden
Mein schlichtes Thema im Zweivierteltakt hat sich mit der Zeit zu einer der am häufigsten aufgegriffenen Melodien der gesamten Musikgeschichte entwickelt. Franz Liszt machte gleich den Anfang und baute darauf die Nummer sechs seiner Grandes études de Paganini auf, womit er meine Geigenakrobatik einfach auf die Klaviertasten verlegte. Später griffen auch Witold Lutosławski für seine Variations on a Theme by Paganini und George Rochberg für seine 50 Caprice Variations dankbar nach meiner Vorlage. Als Komponist freut man sich natürlich, wenn die eigene Idee wie ein guter Wanderpokal von einer Generation an die nächste weitergereicht wird.---
Hat es dir Freude gemacht, ein wenig hinter die Kulissen meiner Caprice No 24 zu blicken und ihre Entstehungsgeschichte kennenzulernen? Rund um die Caprice No 24 gibt es noch einiges mehr zu entdecken, denn in ihren elf Variationen stecken noch viele musikalische Details, über die wir gar nicht gesprochen haben. Klick dich einfach durch die weiteren Links hier auf der Seite, wenn du noch tiefer in meine Caprice No 24 eintauchen möchtest.
