Vaters Herz erweichen mit Puccinis O mio babbino caro
Die Hintergründe

O mio babbino caro

Puccini erzählt die Hintergründe zu O mio babbino caro
Ich bin Giacomo Puccini, und heute erzähle ich dir die Entstehungsgeschichte meiner Arie O mio babbino caro. Du erfährst hier, warum dieses zärtliche Lied überhaupt nicht aus einem großen Liebesdrama stammt, sondern mitten im Ersten Weltkrieg für meine Komödie Gianni Schicchi entstanden ist. Hier auf der Seite zeige ich dir zusammen mit meinen Kollegen aus der Komponistenzunft außerdem, wie du unsere Stücke sofort wiedererkennen kannst –  starte jetzt mit dem Trainer .
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Taschentuch wieder einstecken

Wer mein O mio babbino caro zum ersten Mal hört, greift meistens gerührt zum Taschentuch und rechnet fest mit einer furchtbaren Tragödie auf der Bühne. Dabei stammt die Arie überhaupt nicht aus einem traurigen Drama, sondern steckt mitten in meiner turbulenten einaktigen Komödie Gianni Schicchi. Auf der Bühne wird gerade fieberhaft überlegt, wie man das Testament eines Toten fälscht, als das ganze Chaos plötzlich für einen Moment stillsteht. Ich habe mir den Spaß erlaubt, ausgerechnet in diesen wilden Trubel meine schmelzendste Melodie einzubauen.

Komödie direkt aus der Hölle

Auf diesen herrlich schrägen Stoff hat mich mein Textdichter Giovacchino Forzano gebracht, der das Libretto für mich geschrieben hat. Er hat die Grundidee an einem Ort ausgegraben, wo man guten Humor sonst eher selten sucht, nämlich im dreißigsten Gesang von Dante Alighieris Inferno. Aus dieser kurzen Episode in der Hölle haben wir eine flotte Farce im Florenz des Jahres 1299 gemacht. Man muss schließlich erst einmal darauf kommen, aus einem Besuch in der Unterwelt einen vergnüglichen Opernabend zu basteln.

Das große Tränen-Theater

Mitten im Streit mit der gierigen Verwandtschaft will mein Titelheld Gianni Schicchi eigentlich alles hinschmeißen, doch er hat die Rechnung ohne seine Tochter Lauretta gemacht. Das junge Mädchen möchte unbedingt ihren Rinuccio heiraten und setzt mit den Worten für ‚Oh mein lieber Papa‘ den wohl berühmtesten Hundeblick der Musikgeschichte auf. Sie droht ihrem Vater sogar theatralisch damit, sich von der Brücke Ponte Vecchio in den Fluss Arno zu stürzen, falls sie in der Porta Rossa keinen Ehering kaufen darf. Jeder im Saal merkt sofort, dass der Teenager hier bloß dick aufträgt, aber bei dieser Musik wird eben der härteste Vater weich.

Drei Gänge an einem Abend

Eigentlich steht meine kleine Komödie gar nicht allein auf dem Spielplan, sondern bildet den heiteren Abschluss meines Opern-Dreierpacks Il trittico. Ich wollte dem Publikum an einem einzigen Abend drei völlig verschiedene Einakter servieren, so wie ein gutes Menü aus drei unterschiedlichen Gängen. Zuerst gibt es mit Il tabarro ein düsteres Drama und danach mit Suor Angelica ein tieftrauriges Stück aus dem Kloster. Nach so vielen echten Tränen brauchten meine Zuhörer am Ende dringend etwas zum Lachen, und genau dafür habe ich Gianni Schicchi geschrieben.

Komponieren mit Hausarrest

Geschrieben habe ich die Oper in den Jahren 1917 und 1918 in meiner gemütlichen Villa in Torre del Lago in der Toskana. Draußen tobte allerdings der Erste Weltkrieg, was das Leben in Italien schwer machte und das Reisen fast unmöglich. Als ich die Partitur im April 1918 endlich fertig auf dem Schreibtisch liegen hatte, saß ich wegen der strengen Reisesperren praktisch zu Hause fest. Während meine Noten also schon die große Reise über den Atlantik antraten, musste ich selbst brav in Italien bleiben.

Zugabe ohne den Chef

So kam es, dass die Uraufführung am 14. Dezember 1918 an der Metropolitan Opera in New York City ganz ohne mich stattfinden musste. Unter der Leitung von Dirigent Roberto Moranzoni sang die englische Sopranistin Florence Easton damals zum allerersten Mal die Rolle der Lauretta. Das Publikum im Saal war von ihrer Darbietung der Arie dermaßen hingerissen, dass der Applaus gar nicht mehr aufhören wollte. Mitten in der laufenden Oper musste Florence Easton das Stück sofort noch einmal als Zugabe singen, was mir auch aus der Ferne sehr geschmeichelt hat.

Drei Minuten für die Ewigkeit

Dabei ist das Stück eigentlich winzig und nach gerade einmal 32 Takten oder knapp drei Minuten schon wieder vorbei. Nach fünf Takten Vorspiel in Es-Dur wechsle ich für den Hauptteil nach As-Dur und lasse alles in einem sanft wiegenden Sechsachteltakt fließen. Über die Noten habe ich als Spielanweisung Andantino ingenuo geschrieben, der Gesang soll also ganz schlicht und treuherzig klingen. Meine Melodie dreht sich dabei immer wieder um denselben einfachen Anfangsgedanken, der sich wie ein gut gemeinter Seufzer langsam nach oben schraubt.

Volles Haus im Orchestergraben

Damit dieser Seufzer auch ordentlich unter die Haut geht, lasse ich die ersten Violinen, die Celli und die Harfe die Melodie in Oktaven mitspielen. Die übrigen Streicher legen einen weichen Teppich aus gebrochenen Akkorden darunter, auf dem die Singstimme ganz bequem schweben kann. Dazu kommen noch Flöten, Piccoloflöte, Oboe, Englischhorn, Klarinetten, Fagott und Hörner, die dem Klang eine warme Farbe geben. Das ist vielleicht ein ziemlicher Aufwand für den Wunsch nach einem Ehering, aber halbe Sachen lagen mir im Orchester noch nie.

Vom Opernhaus auf das Notenpult

Mein Mailänder Verlag Casa Ricordi hat den Braten übrigens sofort gerochen und die Musik noch 1918 gedruckt. Sie brachten nicht nur den kompletten Klavierauszug der Oper heraus, sondern verkauften O mio babbino caro gleich auch als einzelnes Notenblatt. Obwohl ich es nie als eigenständiges Konzertlied geplant hatte, wanderte das Stück dadurch schnell aus dem Opernhaus in die Wohnzimmer und Konzertsäle. Heute singen Sopranistinnen die Arie überall auf der Welt als beliebte Zugabe, selbst wenn weit und breit kein Gianni Schicchi auf der Bühne steht.

Mein Ausflug ins Kino

Über die Jahrzehnte hat meine kleine Erpressungsarie sogar den Sprung auf die große Kinoleinwand geschafft. Besonders berühmt wurde ihr Auftritt im Jahr 1985 in dem Film A Room with a View von Regisseur James Ivory nach dem Roman von E. M. Forster. Dort hört man eine Aufnahme von 1983, in der die Sopranistin Kiri Te Kanawa von dem London Philharmonic Orchestra unter John Pritchard begleitet wird. Es passt doch wunderbar, dass meine Musik aus Florenz am Ende in einem Film landet, der ebenfalls die Sehnsucht nach dieser schönen Stadt weckt.
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Hat es dir Freude gemacht, die Geschichte hinter O mio babbino caro kennenzulernen? In dieser kurzen Arie steckt noch einiges mehr, das wir gemeinsam entdecken können. Klick einfach auf die Links hier auf der Seite, wenn du noch tiefer in O mio babbino caro eintauchen möchtest.