Ein Liebeslied unterm Fenster bei Schuberts Serenade (Ständchen)
Die Hintergründe
Ständchen ("Leise flehen meine Lieder"), No. 4 of Schwanengesang, D. 957

Ich bin Franz Schubert, und hier erzähle ich dir die Geschichte hinter meinem Ständchen. Du erfährst, warum dieses Lied heute im Schwanengesang steht, obwohl nicht ich diesen Titel gewählt habe, sondern mein Verleger Haslinger, und zwar erst nach meinem Tod. Probier den Trainer ruhig gleich aus, denn meine Komponistenkollegen und ich helfen dir hier auch dabei, unsere Stücke zu erkennen, sobald sie erklingen.
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Ein Jahr, das ich gut genutzt habe
Das Jahr 1828 war mein letztes, auch wenn mir das damals noch niemand und ich selbst nur halb ansehen wollte. Meine Gesundheit ließ nach, im Kopf aber war ich so fleißig wie selten, und so entstanden die Messe in Es-Dur, das Streichquintett in C-Dur und meine letzten drei Klaviersonaten. Am 26. März gab ich außerdem das einzige öffentliche Konzert mit eigenen Werken, und es wurde ein Erfolg, künstlerisch genauso wie finanziell. In diesem Jahr ist auch das Ständchen entstanden, das du gerade im Ohr hast.Die Worte stammen von einem Kritiker
Den Text habe ich nicht selbst geschrieben, er stammt von Ludwig Rellstab, der Dichter und Musikkritiker zugleich war. Er verfasste das Gedicht irgendwann zwischen 1821 und 1824. Gedruckt erschien es 1827 in Berlin, in seinem ersten Bändchen mit Gedichten. Ich bin also auf Verse gestoßen, die schon eine Weile in der Welt waren, und sie haben mich offenbar nicht mehr losgelassen.Der August, in dem alles zusammenkam
Im August 1828 schrieb ich das Lied nieder und setzte auch gleich das Datum darunter. Es ist eines der Lieder, die zwischen August und Oktober desselben Jahres entstanden sind, und zwar eines von sieben Liedern nach Rellstab, mit denen die spätere Sammlung beginnt. Unser Ständchen steht dort an vierter Stelle, mitten unter seinen Geschwistern. Dass ich in so kurzer Zeit so viel zu Papier brachte, erkläre ich mir damit, dass ich wusste, wie wenig Zeit mir bleiben könnte.Wer singt da eigentlich im Stehen?
Das Wort Ständchen meinte ursprünglich ein Lied, das man im Stehen singt, und zwar meist unter einem Fenster. Man stellt sich also hin, singt los und hofft, dass oben jemand das Licht anmacht. Meine Version ist dabei nicht heiter und gemütlich, sondern bang und voller Sehnsucht. Es ist Nacht, und wie die Sache ausgeht, verrät dir das Lied nicht, du musst es dir selbst ausmalen.Fünf Strophen, die ich neu sortiert habe
Das Gedicht hat fünf Strophen, aber ich habe sie nicht einfach der Reihe nach vertont. Ich habe sie umgestellt, wie es mir für die Musik besser passte, und ich habe der letzten Strophe eigene, andere Musik gegeben. Ein Komponist darf sich das erlauben, auch wenn ein Dichter dabei manchmal die Stirn runzelt. Am Ende kehrt das Lied nach d-Moll zurück, die Hoffnung von vorhin bleibt also eine Hoffnung.Vorsicht, Verwechslungsgefahr
Wundere dich nicht, wenn du in meinem Werkverzeichnis noch weitere Serenaden findest. Es gibt eine nach Shakespeare, "Hark, hark, the lark", mit der Nummer D. 889, dann zwei nach Grillparzer, D. 920 und D. 921, und das "Abendständchen an Lina", D. 265. Das hier ist D. 957 Nr. 4, so zählt es das Verzeichnis von Otto Erich Deutsch. Wer so viele Ständchen schreibt, steht offenbar gern vor fremden Fenstern.Den Titel Schwanengesang habe ich nie vergeben
Die Sammlung, in der das Ständchen heute steht, habe ich nicht Schwanengesang genannt, das hat der Verleger Haslinger nach meinem Tod getan. Mit einem Schwanengesang meint man traditionell das letzte Werk eines Künstlers, und genau so wollte er die Lieder offenbar verstanden wissen, als eine Art letztes Vermächtnis. Die Titel der einzelnen Lieder stammen dagegen von mir. Ich hätte mir vermutlich etwas Heitereres ausgesucht, aber der Verleger hatte nach mir das letzte Wort.Wer gehört eigentlich dazu?
Im Oktober 1828 bot ich die Lieder nach Heine einem Verleger in Leipzig als eigene Gruppe an. Haslinger fügte später alle Lieder zusammen und hängte als vierzehntes noch "Die Taubenpost" an, ein Lied nach Seidl. Ob ich dieses Lied überhaupt dabeihaben wollte, weiß heute niemand. Und ob das Ganze ein richtiger Liederzyklus ist, darüber streiten die Gelehrten bis heute, was mir ein bisschen schmeichelt.Was danach geschah
Am 19. November 1828 starb ich in Wien im Alter von 31 Jahren, in der Wohnung meines Bruders Ferdinand. Als offizielle Ursache gilt Typhus. Wenige Monate später, 1829, brachte Tobias Haslinger die Lieder in Wien als Erstausgabe heraus. Ich habe das Ständchen also nie gedruckt gesehen, und das ist bei einem so beliebten Lied schon ein kleiner Treppenwitz.Ein Klavier allein, und dann noch eine Gitarre
Franz Liszt hat die ganze Sammlung für Klavier solo übertragen, nach der deutschen Wikipedia im Jahr 1840, und dabei die Reihenfolge der Lieder geändert. Seine Fassung des Ständchens ist die bekannteste aller Bearbeitungen, sie war von Anfang an beliebt und dient bis heute gern als Zugabe im Konzert. Auch für viele andere Instrumente gibt es das Lied, unter anderem für Gitarre, was mich als Komponisten eines Ständchens besonders freut. So singt meine nächtliche Bitte weiter, auch wenn längst niemand mehr dazu singen muss.---
Ich hoffe, es hat dir Freude gemacht, mehr über die Geschichte hinter meinem Ständchen zu erfahren. Wenn du jetzt an das Jahr 1828 denkst, hörst du die Musik vielleicht ein wenig anders: nicht als freundliches Lied unter einem Fenster, sondern als nächtlichen Ruf, in dem Sehnsucht und Unruhe mitschwingen. Dass es am Ende wieder nach d-Moll zurückkehrt, lässt die Frage offen, ob die Bitte erhört wird, und ich finde, das gehört zu den schönsten Rätseln dieses Liedes. Und es gibt noch viel mehr zu entdecken. Der Name Schwanengesang stammt zum Beispiel gar nicht von mir, sondern erst von meinem Verleger Tobias Haslinger, und auch Franz Liszt hat sich später mit dem Lied beschäftigt und es für Klavier allein bearbeitet. Wenn du neugierig geworden bist, klick dich einfach durch die Links hier auf der Seite und entdecke weiter, was in diesem Ständchen steckt.
