Knochenklappern zur Geisterstunde bei Saint-Saëns' Danse macabre
Die schönsten Momente
Danse macabre, Op. 40

Ich bin Camille Saint-Saëns, und ich zeige dir hier die besten Momente meiner Danse macabre. Du hörst, wie am Ende eine Oboe den Hahnenschrei nachahmt und der nächtliche Tanz der Toten mit dem Morgengrauen abrupt zu Ende geht. Wie du unsere Stücke beim Hören erkennst, zeigen dir meine Komponistenkollegen und ich hier ebenfalls, also probier es gleich mit dem Trainer aus.
---
Zwölf Schläge und ein schief gestimmter Geiger
Ich beginne mit der Harfe, die zwölfmal denselben Ton D anschlägt, und damit weiß jeder sofort, dass es Mitternacht ist, auch ohne Uhr am Handgelenk. Dann setzt die Solovioline mit einem unruhigen Intervall ein, dem Tritonus, und ihre E-Saite habe ich absichtlich auf Es heruntergestimmt, damit der Tod so schaurig und schräg fiedelt, als hätte er sein Instrument seit Ewigkeiten im Grab liegen lassen.
Knochen mit Rhythmusgefühl
In der Mitte des Stücks lasse ich die Holzbläser eine uralte Choralmelodie anstimmen, das Dies irae, und ich habe sie in Dur gesetzt, was ungefähr so ist, als würde jemand bei einer Trauerfeier einen Luftballon verteilen. Dazu klappert das Xylophon wie aneinanderschlagende Knochen, und der Tanz der Toten wird immer wilder und ausgelassener.
Der Hahn hat das letzte Wort
Am Ende lasse ich die Oboe den Ruf eines Hahns nachahmen, und kaum kräht er, ist für die Toten Feierabend und sie verschwinden zurück in ihre Gräber. Bei der Uraufführung 1875 in Paris kam das leider schlecht an, manche störten sich am Gekreische der Geige und am Xylophon, doch später wollten Geigerinnen und Geiger ihre Saite gar nicht mehr anders als auf Es gestimmt haben.
---
Hat dir der Streifzug durch die schönsten Momente meines Danse macabre gefallen? Ich hoffe, du hörst jetzt ein wenig anders hin, wenn die Harfe zwölfmal ihren Ton anschlägt und die Geige ihr schiefes Lied beginnt. Als ich das Stück 1874 für Orchester umgearbeitet habe, war es ja noch gar nicht selbstverständlich, dass man es einmal so gern hören würde. Bei der Uraufführung 1875 in Paris hat es dem Publikum nicht gefallen, und doch hat es sich mit der Zeit zu einem Liebling der Konzertsäle entwickelt. Das finde ich ein tröstliches Ende für eine Geschichte, die mit Gespenstern beginnt. Es gibt noch vieles mehr an diesem Stück zu entdecken, zum Beispiel die Klavierfassungen, die Liszt und später Horowitz daraus gemacht haben. Auch die Geschichte, wie aus einem Lied nach einem Text von Henri Cazalis ein Orchesterwerk wurde, steckt voller Überraschungen. Wenn du Lust hast, klick dich gleich durch die Links, die du hier findest, und geh mit mir noch ein Stück weiter auf Spurensuche. Vielleicht entdeckst du dabei, dass die Toten gar nicht so furchterregend tanzen, wie man zuerst glaubt, sondern mit einem Augenzwinkern.
Aufnahme: Louis Fourestier, Public domain
