Knochenklappern zur Geisterstunde bei Saint-Saëns' Danse macabre
Die Hintergründe

Danse macabre, Op. 40

Saint-Saëns erzählt die Hintergründe zu Danse macabre
Ich bin Camille Saint-Saëns, und hier erzähle ich dir die Vorgeschichte meiner Danse macabre. Du erfährst, wie aus einem kleinen Lied nach einem Gedicht von Henri Cazalis aus dem Jahr 1872 ein Orchesterstück mit Solovioline wurde. Auf dieser Seite lehren dich meine Komponistenkollegen und ich auch, unsere Stücke beim Hören zu erkennen, also schau gern  im Trainer vorbei  und probier es aus.
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Der Tod bittet zum Tanz, und das schon seit dem Mittelalter

Bevor ich überhaupt eine Note geschrieben hatte, gab es den Totentanz schon lange, und zwar als Bild und als Idee. Im Mittelalter malte man Szenen, in denen das Skelett Könige, Bauern und Bischöfe an der Hand nimmt und alle denselben Reigen tanzen müssen. Die Botschaft war ziemlich nüchtern: Vor dem Tod sind alle gleich, egal wie fein der Mantel ist. Auf Französisch heißt das "danse macabre", und genau diesen Namen habe ich für mein Stück übernommen.

Ein Wort mit unklarer Herkunft

Woher das Wort "macabre" eigentlich kommt, weiß bis heute niemand sicher. Manche meinen, es gehe auf eine lateinische Wendung zurück, die so viel wie "Tanz der Makkabäer" bedeutet. Andere vermuten, es sei über Spanien aus einem arabischen Wort für "Friedhöfe" zu uns gekommen. Ich finde es passend, dass sogar der Name eines Totentanzes ein bisschen im Nebel liegt.

Es fing als Lied an

Mein Stück war zuerst gar kein Orchesterwerk, sondern ein Lied für Singstimme und Klavier, und das im Jahr 1872. Den französischen Text dazu hatte der Dichter Henri Cazalis geschrieben, ich habe ihn also nur vertont und nicht selbst gedichtet. Darin ruft der Tod mitten in der Nacht die Toten aus ihren Gräbern, damit sie zu seiner Fiedel tanzen. Als Lied war das hübsch gruselig, aber ich spürte schon damals, dass in der Geschichte mehr Klang steckte, als ein Klavier allein hergeben konnte.

Ich werde zum Fan von Liszt

In den 1870er Jahren hatte ich eine Vorliebe für die sinfonische Dichtung entdeckt, eine Form, die Franz Liszt berühmt gemacht hatte. Dabei erzählt ein einziger Orchestersatz eine Geschichte, ganz ohne Worte und ohne Bühne. Mit Le Rouet d'Omphale hatte ich 1871 den Anfang gemacht, und die Danse macabre ist heute wohl mein bekanntestes Stück in dieser Form. Dass ich damals auch in der Société Nationale de Musique mitmischte, passt dazu, denn dort ging es darum, die französische Musik voranzubringen.

Aus der Stimme wird eine Geige

1874 habe ich das Lied also für Orchester umgearbeitet. Die Singstimme ersetzte ich durch eine Solovioline, die nun die Rolle des Todes mit seiner Fiedel übernimmt. Das Manuskript trägt das Datum Oktober 1874, es war also gerade rechtzeitig vor dem Winter fertig. Seitdem muss niemand mehr singen, und trotzdem hat man das Gefühl, jemand erzähle einem leise etwas ins Ohr.

Eine Uraufführung im Winter

Zum ersten Mal erklang das Stück am 24. Januar 1875 im Théâtre du Châtelet in Paris. Am Pult stand Édouard Colonne, der sich der Sache mit viel Einsatz annahm. Das Publikum saß im Saal, vermutlich noch ein wenig steif vom kalten Wetter, und wusste nicht so recht, was auf es zukam. Ein Totentanz mit Skelettgeklapper war im Konzertsaal damals ziemlich ungewohnt.

Der Abend ging nicht ganz nach Plan

Mit dem Beifall war es nämlich nicht weit her, die Aufnahme war eher schlecht. Manche Berichte sprechen auch nur von gemischten Kritiken, ganz genau lässt sich das heute nicht mehr sagen. Man warf mir ein "entstelltes" Dies irae vor, außerdem störten sich die Leute am "schrecklichen Gekreische" der Solovioline und am Xylophon. Ausgerechnet das Xylophon, das die klappernden Knochen nachahmt, hielt man damals für eine Zumutung.

Ein widmungsvolles Jahr

Gewidmet habe ich das Werk der Pianistin Caroline Montigny-Rémaury. Noch im selben Jahr 1875 heiratete ich Marie-Laure Truffot, und diese Ehe wurde leider nicht glücklich. Nebenbei saß ich weiter als Organist an der Madeleine, die ich erst 1877 verließ. Ein Totentanz im Konzertsaal und eine Orgelbank in der Kirche, das war damals mein Alltag, und ich fand das keineswegs widersprüchlich.

Alle wollen mitspielen

Trotz des holprigen Starts wurde das Stück nach und nach so beliebt, dass es in vielen Fassungen auftauchte. Franz Liszt schrieb es für Klavier solo um, Ernest Guiraud machte eine Version für Klavier zu vier Händen, und ich selbst habe es für zwei Klaviere und 1877 für Violine und Klavier eingerichtet. Vladimir Horowitz hat 1942 Liszts Fassung kräftig überarbeitet, und diese Version hört man heute am häufigsten. Es ist ein bisschen so, als hätte jeder Pianist dem Skelett noch einen eigenen Schritt beigebracht.

Die Knochen klappern weiter

Die Geiger haben sich übrigens bald an die ungewohnte Stimmung gewöhnt, und ich habe damals bemerkt, dass sie ihre hohe Saite gar nicht mehr anders als auf Es gestimmt haben wollten. Die klappernden Knochen gefielen mir selbst so gut, dass ich sie im Satz "Fossilien" aus dem Karneval der Tiere noch einmal auftreten ließ. Später tanzte Anna Pavlova dazu, 1922 drehte Dudley Murphy einen Kurzfilm mit dem Titel Danse Macabre, und eine britische Fernsehserie namens Jonathan Creek benutzt das Stück bis heute als Titelmelodie. Für ein Werk, das bei seiner Uraufführung die Nase gerümpft bekam, hat es sich erstaunlich gut gehalten.
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Als ich das Stück 1872 zunächst als Lied begann, hätte ich nicht gedacht, dass es mich so lange begleiten würde. Aus einer Melodie für Singstimme und Klavier wurde erst ein Orchesterwerk und später ein Stück, das viele Menschen auf ihre Weise weitergetragen haben. Dass die Uraufführung 1875 nicht gut ankam, tröstet mich im Rückblick sogar ein wenig, denn es zeigt, dass ein Stück manchmal Zeit braucht, bis die Zuhörer sich an seine Eigenheiten gewöhnt haben. Heute spielen Geiger die umgestimmte Saite ganz selbstverständlich, und das freut mich jedes Mal. Hat dir der Blick hinter die Kulissen der Danse macabre gefallen? Es gibt noch viel mehr an diesem Stück zu entdecken, zum Beispiel die Bearbeitungen für Klavier und die Wege, auf denen die Musik später in Film und Tanz gelandet ist. Klick dich gern durch die Links hier auf der Seite und hör dir an, was dieser mitternächtliche Tanz noch alles zu erzählen hat.