Pathos unter der Lupe bei Beethovens Piano Sonata No. 8 in C minor, Op. 13, "Pathétique"
II. Adagio cantabile

Piano Sonata No. 8 in C minor, Op. 13

Beethoven präsentiert einen Hörführer zu II. Adagio cantabile aus Piano Sonata No. 8 in C minor, Op. 13, "Pathétique"
Ich bin Ludwig van Beethoven, und jetzt erkläre ich dir den zweiten Satz meiner „Pathétique“, das Adagio cantabile. Du hörst in rund fünf Minuten, wie eine ruhige Melodie in As-Dur immer wiederkehrt und zwischendurch von dunkleren Einschüben in Moll unterbrochen wird, sodass sie jedes Mal ein wenig anders wirkt. Ein Stück schon beim Hören zu erkennen, bringen dir meine Komponistenkollegen und ich hier auf der Seite bei, also versuch es gleich selbst mit  dem Trainer .
---

Hör einfach dem Sänger zu, der gar keiner ist

Für diesen Satz brauchst du kein Vorwissen, nur ein bisschen Ruhe und die Bereitschaft, einer einzigen Melodie zu folgen. Sie liegt oben in der rechten Hand, während die linke darunter einen weichen, gleichmäßigen Untergrund bildet. Stell dir vor, ein Sänger tritt vor und erzählt dir etwas, und das Klavier ist zugleich seine Bühne und seine Begleitband. Merk dir diese Melodie gut, denn sie kommt später wieder, und genau darauf kommt es beim Hören an.

Warum ich dem Klavier das Singen aufgetragen habe

Adagio heißt langsam und cantabile heißt sangbar, und beides zusammen ist eine Anweisung an den Pianisten. Ein Klavier kann Töne nicht halten wie eine Stimme oder eine Geige, deshalb muss der Spieler sie so verbinden, dass der Eindruck von Gesang entsteht. Nach dem aufgewühlten ersten Satz wirkt diese Melodie wie ein Gegenpol, den man fast mitsummen kann. Dass sie so gut im Ohr bleibt, zeigt sich auch daran, dass Karl Haas sie von 1970 bis 2007 als Erkennungsmelodie seiner amerikanischen Radiosendung Adventures in Good Music verwendet hat.

Ein Rondo, das immer wieder nach Hause findet

Bei der Form hätte ich auch eine Sonatenform wählen können, doch ich habe mich für ein schlichtes Rondo entschieden. Ein Rondo ist wie ein Spaziergang, der dich immer wieder am selben Gartentor vorbeiführt, nur dass die Wege dazwischen jedes Mal anders aussehen. Hier erklingt die singende Melodie in As-Dur dreimal, und dazwischen liegen zwei Episoden, die eine in f-Moll und Es-Dur, die andere in as-Moll und E-Dur. Das ergibt fünf Abschnitte, die ich dir gleich nacheinander vorstelle, und der ganze Satz dauert je nach Aufnahme nur etwa fünf Minuten.

Abschnitt 1: Die Melodie stellt sich vor

Der Satz beginnt langsam und leise in As-Dur mit der Melodie, auf der alles Weitere aufbaut. Sie bewegt sich in weiten, ruhigen Bögen, und man hat nie den Eindruck, dass sie irgendwohin eilen müsste. Darunter begleitet die linke Hand schlicht und gleichmäßig, damit nichts vom Gesang ablenkt. Präg dir besonders ihre Wärme ein, denn sie wird zum Maßstab für alles, was danach kommt.

Abschnitt 2: Eine Wolke zieht vorbei

Dann ändert sich die Stimmung, denn die Musik wendet sich nach f-Moll, und der warme Ton von eben bekommt einen Schatten. Die Melodie wird unruhiger und fast ein wenig sorgenvoll, als erinnere sie sich an den Sturm des ersten Satzes. Gegen Ende des Abschnitts hellt es sich nach Es-Dur wieder auf, und die Anspannung löst sich. Es ist nur ein kurzer Ausflug, aber er lässt dich spüren, wie schön die Ruhe davor war.

Abschnitt 3: Wiedersehen mit einer guten Bekannten

Nun kommt die Hauptmelodie zum zweiten Mal, wieder in As-Dur, und du erkennst sie vermutlich schon nach den ersten Tönen. Sie klingt vertraut und doch ein wenig anders, vielleicht sogar noch etwas inniger als zu Beginn. Genau das macht den Reiz eines Rondos aus, denn dieselbe Melodie wirkt neu, weil du inzwischen etwas erlebt hast. Lehn dich in diesem Moment ruhig zurück und genieße das Wiedersehen.

Abschnitt 4: Der dunkelste Winkel im Haus

Der zweite Ausflug führt weiter weg als der erste, denn die Musik rutscht nach as-Moll und klingt dunkler und bewegter als alles zuvor in diesem Satz. Dann öffnet sich überraschend E-Dur, eine Tonart, die von As-Dur aus ziemlich weit entfernt liegt und deshalb hell und ein wenig fremd wirkt. Das Klavier wird hier kräftiger, und die Begleitung treibt unruhiger voran, als du es bisher gehört hast. Das ist der Moment mit der größten Spannung im ganzen Satz, und gerade deshalb freut man sich so sehr auf die Rückkehr der Melodie.

Abschnitt 5: Heimkehr mit leisem Abschied

Zum dritten und letzten Mal erklingt die Melodie in As-Dur, und du bist wieder da angekommen, wo du losgegangen bist. Nach den beiden Ausflügen klingt sie wie ein Zuhause, das man nach einer Reise wieder betritt. Der Satz klingt ohne jede Aufregung aus und lässt dich mit dem Gesang im Ohr zurück. Danach geht es im Finale wieder in c-Moll weiter, und dort taucht die Erinnerung an diese Melodie noch einmal auf.

Jetzt bist du dran

Jetzt lade ich dich ein, mein Adagio cantabile selbst zu erleben. Drück auf Play und lass dich von der Musik tragen. Denk beim Zuhören ruhig an das, was wir besprochen haben, besonders an die Melodie und ihre drei Auftritte. Ich hoffe, die Reise durch diesen Satz packt dich so, wie sie mich damals beim Komponieren gepackt hat.
---
Ich hoffe, dir hat dieser Hörführer zum Adagio cantabile aus meiner Klaviersonate Nr. 8 in c-Moll, Op. 13, der „Pathétique“, gefallen. Vielleicht hörst du die singende Melodie in As-Dur jetzt anders, weil du weißt, wie oft sie wiederkehrt und wie sie von den Zwischenspielen umrahmt wird. Manchmal braucht es nur ein paar ruhige Minuten, damit eine Melodie im Ohr bleibt und dich noch lange begleitet. Von dieser Sonate gibt es noch viel mehr zu entdecken, zum Beispiel den stürmischen ersten Satz oder das Rondo, das am Ende die Melodie des Mittelsatzes noch einmal anklingen lässt. Auch die Geschichte hinter dem Beinamen und hinter meiner Sonate lohnt einen Blick, wenn du Lust auf mehr hast. Klick dich einfach durch die Links hier auf der Seite, um weiter in die „Pathétique“ einzutauchen. Ich freue mich, wenn du dir danach das ganze Werk noch einmal in Ruhe anhörst.