Zwei Jahrzehnte Anlauf mit Brahms' Symphony No 1
I. Un poco sostenuto - Allegro
Symphony No. 1 in C minor, Op. 68

Ich bin Johannes Brahms, und ich erkläre dir jetzt den Satz I. Un poco sostenuto - Allegro aus meiner Symphonie Nr. 1. Du hörst, wie die langsame Einleitung die Spannung immer weiter anzieht, bis das Allegro in c-Moll losbricht, und es lohnt sich, diesen Weg einmal ganz mitzugehen. Ob du einen Satz wie diesen auch allein erkennst, kannst du hier mit meinen Kollegen und mir üben, sobald du den Trainer öffnest .
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Erst die Pauke, dann der Rest
Ich rate dir, beim ersten Hören einfach auf die Pauke zu achten, denn sie eröffnet den Satz mit unerbittlichen, gleichmäßigen Schlägen. Darüber ziehen die Streicher lange, gespannte Linien, und Holzbläser und Hörner antworten ihnen, als würden sie nebenan etwas Wichtiges besprechen. Die Posaunen suchst du in diesem Satz übrigens vergeblich, denn sie spielen bei mir nur im Finale. Wenn dir das Ganze also dunkel und dicht vorkommt, liegt das an Streichern, Bläsern und Pauke, die diesen Satz ohne die Posaunen tragen.Ein Titel mit zwei Stationen
Die Überschrift „Un poco sostenuto - Allegro“ ist eigentlich eine kleine Wegbeschreibung mit zwei Haltestellen. „Un poco sostenuto“ heißt ungefähr „ein wenig getragen“, und genau so beginnt der Satz: breit, schwer und ohne jede Eile. Danach kommt „Allegro“, also zügig und lebhaft, und die Musik löst sich aus dem Zögern und kommt in Bewegung. Ich wollte, dass du schon am Titel ahnst, dass hier zuerst Anlauf genommen wird, so wie jemand am Beckenrand tief Luft holt, bevor er springt.Sonatenform mit langem Anlauf
Für diesen Satz habe ich die Sonatenform gewählt, die trotz ihres Namens nichts mit einer Klaviersonate zu tun haben muss. Ihr Prinzip ist einfach: Ich stelle Themen vor, setze sie dann unter Druck und lasse sie am Ende heimkehren. Davor steht bei mir eine ausgedehnte langsame Einleitung, und so ergeben sich vier Abschnitte, nämlich Einleitung, Exposition, Durchführung und Reprise mit Schluss. Ich führe dich gleich durch jeden einzelnen davon, und du wirst sehen, wie sich daraus eine kleine Geschichte entwickelt.Abschnitt 1: Tief Luft holen im Dunkeln
Die Einleitung steht im langsamen Tempo „Un poco sostenuto“ und in c-Moll, und sie lässt die Musik schwer und gespannt vor sich hin schreiten. Die Pauke pocht weiter, während die Streicher aufwärts streben und die Melodien sich in dichten, chromatischen Wendungen winden. Das klingt nicht gemütlich, sondern so, als läge etwas in der Luft, das sich noch nicht entscheiden kann. Genau diese Spannung brauche ich, damit der Wechsel ins Allegro wie ein Aufatmen und ein Losstürmen zugleich wirkt.Abschnitt 2: Jetzt geht es richtig los
Mit dem Allegro beginnt die Exposition, und das Tempo zieht spürbar an, während die Musik in c-Moll voranstürmt. Hier stelle ich die Themen vor, die den Satz tragen, und du merkst, dass sie sich nicht schonen, sondern drängen und aufbegehren. Im Lauf der Exposition verlässt die Musik die Grundtonart, und die Stimmung hellt sich für Augenblicke auf, ohne jemals ganz sorglos zu werden. Achte darauf, wie oft du Linien hörst, die stufenweise absinken, denn das Fallen in Terzen zieht sich als mein Markenzeichen durch die ganze Symphonie.Abschnitt 3: Die Themen kommen in die Werkstatt
In der Durchführung nehme ich die Themen auseinander, setze sie neu zusammen und schicke sie durch verschiedene Tonarten. Das Tempo bleibt lebhaft, doch die Stimmung kippt ständig zwischen Aufbäumen und Ratlosigkeit hin und her. Einzelne Instrumentengruppen reichen sich kurze Bruchstücke zu, und du hörst, wie aus einem Gedanken viele werden. Hier sollst du ruhig das Gefühl bekommen, dass der Boden nicht mehr ganz sicher ist, denn genau das ist der Sinn dieses Abschnitts.Abschnitt 4: Heimkehr mit schwerem Gepäck
In der Reprise kehren die Themen zurück, und mit ihnen kehrt auch die Musik in die Grundtonart c-Moll heim. Das fühlt sich allerdings nicht an wie ein gemütliches Nachhausekommen, denn alles, was unterwegs geschehen ist, hat Spuren hinterlassen. Danach folgt der Schluss, in dem ich den Satz noch einmal zusammenziehe und das Allegro zu Ende bringe. Wenn du bis hierher mitgehört hast, hast du den ganzen Weg von der drückenden Einleitung bis zum Ziel erlebt.Vorhang auf, Pauke los
Jetzt lade ich dich ein, diesen ersten Satz selbst zu erleben. Drück einfach auf Play und lass dich von der Musik mitnehmen. Vielleicht denkst du beim Hören an das, was wir besprochen haben, an die Pauke, die langsame Einleitung und die vier Abschnitte. Ich hoffe, dass dich diese Reise durch meinen ersten Satz genauso packt, wie sie mich beim Schreiben gepackt hat.---
Hat dir der Hörführer zum ersten Satz meiner Symphonie Nr. 1, dem Un poco sostenuto - Allegro, Freude gemacht? Ich würde mich freuen, wenn du jetzt ein wenig anders hinhörst als vorher. Vielleicht merkst du, wie viel Spannung schon in diesem ersten Satz steckt, bevor die Musik überhaupt richtig in Gang kommt. Mit diesem Satz habe ich dir aber erst den Anfang gezeigt. Meine Symphonie hat noch drei weitere Sätze, und jeder von ihnen hat seinen eigenen Charakter. Der zweite Satz ist ruhig und singend, der dritte wirkt heller und leichter, und das Finale führt die Musik vom düsteren c-Moll am Ende nach C-Dur. Dieser Weg vom Dunkel ins Licht ist eine der schönsten Reisen, die ich in einem Werk unternommen habe. Ob dahinter eine Geschichte steckt, habe ich dir nie verraten, und du darfst dir dazu deine eigenen Gedanken machen. Auch über die Zeit nach der Uraufführung gibt es einiges zu erzählen, denn auf Karlsruhe folgten bald Mannheim, München und Wien. Wenn du neugierig geworden bist, klick einfach auf die Links hier in der Nähe. Dort kannst du weiter in meine Symphonie Nr. 1 eintauchen und selbst entdecken, was dich daran am meisten berührt. Ich freue mich, wenn du bald wieder zuhörst.
