Zwei Jahrzehnte Anlauf mit Brahms' Symphony No 1
Die Hintergründe
Symphony No. 1 in C minor, Op. 68

Ich bin Johannes Brahms, und hier erzähle ich dir die Vorgeschichte meiner Symphonie Nr. 1. Du erfährst, warum ich so lange mit diesem Werk gerungen habe, bis es im November 1876 in Karlsruhe zum ersten Mal erklang. Wenn du magst, lernst du hier bei mir und meinen Kollegen, unsere Stücke schon nach wenigen Takten zu erkennen, und du kannst es gleich selbst ausprobieren .
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Ein Stück, das sich zwanzig Jahre Zeit ließ
Von den ersten Skizzen bis zur fertigen Partitur sind bei mir gut einundzwanzig Jahre vergangen, wenn man 1855 als Anfang nimmt. Ganz einig sind sich die Fachleute beim Anfang nicht, manche rechnen ein, zwei Jahre anders. Ich habe in dieser Zeit viele andere Werke geschrieben, aber die Symphonie hat mich nie ganz losgelassen. Wer so lange an einem einzigen Werk arbeitet, hat vermutlich ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie es klingen soll.Schritte im Nacken
Der Grund für das Zögern hatte einen großen Namen, nämlich Beethoven. Ich habe einmal geschrieben: „Du weißt nicht, wie es einem zumute ist, wenn man ständig seine Schritte hinter sich hört.“ Nach ihm eine Symphonie zu veröffentlichen, fühlte sich an, als sollte ich nach einem Weltmeister zum Wettlauf antreten. Ich wollte also lieber warten, bis ich wirklich etwas Eigenes zu sagen hatte.Fertig mit 43
Im September 1876 habe ich die Symphonie endlich abgeschlossen, da war ich 43 Jahre alt. Für einen Komponisten, der schon so viel geschrieben hatte, war das ein spätes Debüt in dieser Gattung. Ich war erleichtert, aber auch nervös, denn nun musste das Stück vor Publikum bestehen. Zum Glück musste ich nicht lange auf die erste Gelegenheit warten.Premiere in Karlsruhe
Am 4. November 1876 wurde die Symphonie in Karlsruhe zum ersten Mal gespielt. Am Pult stand Felix Otto Dessoff, und es spielte das Badische Hoforchester. Den Taktstock habe ich bei dieser ersten Aufführung also einem anderen überlassen. Dass die Uraufführung nicht in einer der ganz großen Metropolen stattfand, hat dem Stück jedenfalls nicht geschadet.Vier Gänge für den Abend
Eine Symphonie besteht aus Sätzen, und die kannst du dir wie die Gänge eines Menüs vorstellen: Jeder hat seinen eigenen Charakter, und erst alle zusammen ergeben den Abend. Der erste Satz beginnt mit einer langsamen Einleitung und geht dann in ein bewegtes Allegro in c-Moll über, er ist der dramatische, schwere Hauptgang vorweg. Der zweite Satz, ein Andante sostenuto in E-Dur, ist ein zarter Zwischengang zum Durchatmen, und der dritte, ein leichtes Un poco allegretto e grazioso in As-Dur, ist das luftige Dessert zwischendurch. Das Finale beginnt wieder in c-Moll, langsam und düster, und arbeitet sich dann über ein Allegro non troppo, ma con brio zu einem strahlenden C-Dur durch.Die Posaunen müssen warten
Eine Besonderheit lernst du nur, wenn du genau hinschaust: Die Posaunen spielen erst im Finale mit. Drei Sätze lang sitzen die Posaunisten still da und warten, bis ihr großer Moment kommt. Dann setzen sie mit einem feierlichen Choral ein, und man merkt sofort, dass sie lange darauf gewartet haben. Ich fand, ein solcher Auftritt wirkt umso stärker, je länger man ihn aufspart.Das Geheimnis der fallenden Terzen
Die ganze Symphonie ist aus einer Kette von fallenden Terzen gebaut, das sind Schritte nach unten, die gar nicht weit auseinanderliegen. Diese kleine Figur gilt als so etwas wie meine musikalische Handschrift. Du musst nichts davon wissen, um das Stück zu genießen, aber wenn du es einmal gehört hast, tauchen diese Schritte überall auf. Es ist ein bisschen wie bei einem Gesicht, das du erst nach dem zweiten Treffen wiedererkennst.Beethovens Zehnte?
Schon 1877 nannte der Dirigent Hans von Bülow meine Symphonie „Beethovens Zehnte“. Das war als Kompliment gemeint, aber mir war es ehrlich gesagt nicht ganz angenehm. Die Hauptmelodie im Finale erinnert nämlich an die Ode an die Freude aus Beethovens Neunter, und auf diesen Vergleich habe ich eher unwirsch reagiert. Man erzählt sich, ich hätte geantwortet, das sehe doch jeder Esel, aber den genauen Wortlaut kennt niemand sicher.Eine Reise durch Städte und Konzertsäle
Nach Karlsruhe ging es für die Symphonie schnell weiter, zuerst nach Mannheim und München, wo ich selbst am Pult stand, und dann nach Wien. Bald danach reiste sie über den Atlantik, und am 15. Dezember 1877 dirigierte Leopold Damrosch sie in der Steinway Hall in New York. Die ganze Symphonie dauert etwa 45 Minuten, das ist genug Zeit, um von der dunklen Stimmung des Anfangs bis zum hellen Schluss mitzugehen. Wenn du dir diese Zeit nimmst, wirst du verstehen, warum ich so lange an diesem Stück gearbeitet habe.---
Ich hoffe, du hast die Geschichte meiner Symphonie Nr. 1 gern verfolgt, und vielleicht hörst du sie jetzt ein wenig anders. Am Ende hat sich das lange Warten gelohnt, denn das Finale führt aus dem dunklen c-Moll in ein strahlendes C-Dur. Ich würde mir wünschen, dass du beim nächsten Hören diesen Weg von den ersten Paukenschlägen bis zum Schluss selbst verfolgst. Du kannst dabei auch darauf achten, dass die Posaunen erst im letzten Satz erklingen, und dieser späte Einsatz hat für mich etwas ganz Besonderes. Über diese Symphonie gibt es noch viel mehr zu entdecken, etwa die einzelnen Sätze, ihre Themen und die Art, wie sie zusammenhängen. Hat dir der Blick hinter die Kulissen gefallen? Wenn du neugierig geworden bist, klick einfach auf die Links hier, und tauch tiefer in meine Symphonie Nr. 1 ein.
