Auf sanften Wellen mit Bachs Cello Suite No 1 in G Major Prelude
Die Hintergründe
Cello Suite No. 1 in G major, BWV 1007: I. Prélude

Ich bin Johann Sebastian Bach, und das hier ist die Vorgeschichte zum Prelude der Cello Suite No 1 in G Major. Du erfährst, warum von meiner eigenen Handschrift keine Zeile erhalten ist und wie die Abschrift meiner Frau Anna Magdalena dieses Prelude für dich gerettet hat. Sobald ein Stück erklingt, sollst du es erkennen – das bringen dir hier meine Komponistenkollegen und ich bei, also öffne den Trainer und versuch es.
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Eine Nummer statt eines Namens
Wenn du in einem Verzeichnis nach dem Stück suchst, findest du es unter BWV 1007. Das sind keine Autokennzeichen, sondern die Nummern, mit denen man meine Werke ordnet, und die sechs Cellosuiten reichen von BWV 1007 bis BWV 1012. Dieses Prelude steht ganz vorn in der ersten der sechs. Förmlich heißt es Cello Suite No. 1 in G major, BWV 1007: I. Prélude, aber ich bleibe lieber beim einfachen Prelude.Kein Klavier, kein Orchester, kein Netz
Dieses Stück ist für ein einziges Cello geschrieben, und zwar ohne jede Begleitung. Wer es auf dem Klavier spielen hört, hört eine Bearbeitung, denn ich habe es nicht für Klaviertasten gedacht. Bei einem Soloinstrument ist jeder Ton ganz allein auf sich gestellt, und das macht die Sache für die Spielerin oder den Spieler spannend. Du hörst dabei eine Musik, die Gesellschaft vortäuscht, obwohl da nur ein einziges Instrument sitzt.Die Tür zu sechs Sätzen
Das Prelude ist nur der Anfang, denn die Suite hat insgesamt sechs Sätze. Nach dem Prelude folgen Allemande, Courante und Sarabande, danach zwei Menuette und zum Schluss eine Gigue. Das sind lauter Tanzformen, aber das Prelude tanzt nicht, es lässt dich erst einmal im Raum ankommen. Es ist ein bisschen wie der Flur in einem Haus, durch den du gehst, bevor du die Zimmer betrittst.Meine eigene Handschrift fehlt
Jetzt kommt etwas, das mich selbst ein wenig wurmt: Von den Cellosuiten ist keine Handschrift von mir erhalten. Es gibt also kein Original in meiner Schrift, das du dir im Museum ansehen könntest. Ob eine verlorene Handschrift von mir existiert hat, von der später abgeschrieben wurde, weiß heute niemand sicher. Die Musik ist trotzdem zu dir gekommen, nur eben auf Umwegen.Anna Magdalena hält den Federkiel
Die wichtigste Quelle ist eine Abschrift von meiner zweiten Frau Anna Magdalena, die ich im Dezember 1721 geheiratet habe. Ihre Kopie stammt etwa aus den Jahren 1727 bis 1731, und für die erste Suite führt die Niederländische Bachgesellschaft sie als einzige Handschriftenquelle auf. Wenn du heute das Prelude spielst oder hörst, verdankst du das also zu einem großen Teil ihrer sauberen Schrift. Ich sage das gern laut, denn in einer Familie, in der ständig jemand Noten abschreibt, sollte man das nicht vergessen.Cello oder doch etwas ganz anderes?
Auch die Frage, auf welchem Instrument ich das Stück gespielt wissen wollte, ist nicht endgültig geklärt. Man denkt selbstverständlich an ein normales Cello, das zwischen den Knien steht. Neuere Forschung hält es allerdings für möglich, dass ich ein Instrument meinte, das man an der Schulter hält, ein sogenanntes Violoncello da spalla. Sicher ist das nicht, und deshalb erzähle ich es dir nur so, wie es die Forscher heute vermuten.Ein Fund im Laden in Barcelona
Eine wichtige Entdeckung machte ein Junge in Barcelona. Pablo Casals fand mit 13 Jahren in einem Geschäft eine Ausgabe von Friedrich Grützmacher. Er hat die Suiten damals nicht gleich auf die Bühne gebracht, sondern hielt zunächst nur ein gedrucktes Heft in der Hand. Dass aus diesem Heft einmal etwas so Großes werden sollte, konnte in dem Laden niemand ahnen.Casals lässt sich Zeit
Erst Jahrzehnte später nahm Casals alle sechs Suiten auf, als erster überhaupt. Das geschah zwischen 1936 und 1939, und er hatte dabei bereits seinen sechzigsten Geburtstag erreicht. Mit dem Prelude beginnt die Reise durch diese Aufnahme, und gerade dieser Satz ist wie gemacht für den ruhigen Atem eines reifen Musikers. Vielleicht braucht es manchmal eben ein ganzes Leben, bis ein Stück reif für die Welt ist.Eine Aufnahme kommt ins Archiv
Diese Einspielung von Casals ist inzwischen selbst ein Stück Geschichte geworden. Im Jahr 2019 wählte die Library of Congress sie für das National Recording Registry aus. Das ist so etwas wie ein Ehrenplatz für Aufnahmen, die man für die Nachwelt bewahren möchte. Ich hätte mir zu meiner Zeit nicht vorstellen können, dass jemand meine Noten einmal auf diese Weise aufhebt.Von Eisenach in dein Wohnzimmer
Geboren wurde ich 1685 in Eisenach, und gestorben bin ich 1750 in Leipzig. Dazwischen liegt ein langes Leben voller Noten, von denen dieses Prelude nur wenige Takte beisteuert. Dass es mehr als zwei Jahrhunderte nach meinem Tod noch so viele Menschen berührt, freut mich sehr. Wenn du es das nächste Mal hörst, achte einmal darauf, wie ein einzelnes Cello mit nichts als gebrochenen Akkorden einen ganzen Raum füllt.---
Ich hoffe, die Geschichte hinter dem Prelude aus der Cello Suite No 1 in G Major hat dir gefallen. Wenn ich heute daran denke, dass von meiner eigenen Handschrift nichts erhalten ist und wir das Stück vor allem durch die Abschrift meiner zweiten Frau Anna Magdalena kennen, dann stimmt mich das ein wenig nachdenklich. Und doch ist die Musik durch alle Jahrhunderte zu dir gekommen, und du kannst sie noch immer hören, als wäre sie gestern entstanden. Es gibt noch viel mehr zu entdecken, denn die fünf weiteren Sätze der Suite warten darauf, dass du sie kennenlernst, und auch die Geschichte von Pablo Casals, der als Dreizehnjähriger in Barcelona eine Ausgabe der Suiten fand, ist längst nicht auserzählt. Wenn du Lust hast, weiter einzutauchen, dann klick auf die Links unten und geh dem Prelude noch ein Stück weiter nach.
