Gondelfahrt durch Venedig mit Offenbachs Barcarolle
Die Hintergründe

Belle nuit, ô nuit d'amour

Offenbach erzählt die Hintergründe zu Barcarolle
Ich bin Jacques Offenbach, und hier erzähle ich dir die Entstehungsgeschichte meiner Barcarolle. Du erfährst gleich, warum meine berühmteste venezianische Gondelmelodie eigentlich lange vor Les contes d'Hoffmann in einem deutschen Elfenwald begann und ihre große Premiere 1881 leider ohne mich feiern musste. Übrigens zeigen meine Komponistenkollegen und ich dir auf dieser Seite auch, wie du unsere Musikstücke beim ersten Hören sicher erkennen kannst –  probier unseren Trainer einfach aus .
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Vom Elfenwald auf den Kanal

Wenn die Leute heute meine Barcarolle hören, denken alle sofort an eine romantische Nachtfahrt durch Venedig. Dabei hatte ich, als mir die Melodie 1863 einfiel, kein einziges Ruderboot im Kopf, sondern einen deutschen Wald voller Fabelwesen. Ich schrieb das Stück nämlich zuerst unter dem deutschen Text Komm' zu uns als Elfenlied für den dritten Akt meiner romantischen Oper Die Rheinnixen. So gesehen sind meine venezianischen Gondolieri also eigentlich umgeschulte Waldgeister, die nur ihren Arbeitsplatz aufs Wasser verlegt haben.

Ein Ausflug nach Wien

Damals hatte mir die Wiener Hofoper den Auftrag für Die Rheinnixen gegeben, und ich wollte dem Publikum dort etwas ganz Besonderes bieten. Am 4. Februar 1864 feierte das Werk im Theater am Kärntnertor in Wien schließlich seine Premiere. Das Lied der Elfen klang schon damals genauso sanft und einladend, wie man die Melodie heute kennt. Allerdings ahnte an diesem Winterabend noch niemand, dass ausgerechnet dieses Stück einmal meine berühmteste Melodie werden sollte.

Ein Wettlauf gegen die Gicht

Siebzehn Jahre später, im Jahr 1880, saß ich in Paris mit Hochdruck an meiner letzten Oper Les contes d'Hoffmann. Meine Gesundheit machte mir damals schwer zu schaffen, denn eine hartnäckige Gicht plagte mich so sehr, dass mir kaum noch ruhige Stunden blieben. Ich schrieb wie im Fieber an den Noten, weil ich spürte, dass mir die Zeit wie Sand durch die Finger rann. Am 5. Oktober 1880 machte mein Herz wegen dieser schweren Gicht tatsächlich schlapp, noch bevor ich die Instrumentierung für das Orchester ganz fertigstellen konnte.

Hilfe von einem guten Kollegen

Zum Glück ließ man mein unvollendetes Werk nicht einfach in einer verstaubten Schublade liegen, sondern holte meinen französischen Komponistenkollegen Ernest Guiraud zu Hilfe. Er übernahm nach meinem Tod die Aufgabe, die Orchestrierung von Les contes d'Hoffmann fertigzustellen und alles für die Bühne vorzubereiten. Dabei kam das alte Elfenlied aus Die Rheinnixen wieder zum Vorschein, bekam von Jules Barbier einen neuen französischen Text und wurde unter dem eigentlichen Titel Belle nuit, ô nuit d'amour zum Eröffnungsduett für den venezianischen Akt. Ob ich selbst noch geplant hatte, die Melodie dort einzubauen, oder ob Guiraud nach meinem Tod allein auf diese Idee kam, darüber streiten sich die Musikgelehrten bis heute, weil das Stück in meinen erhaltenen Handschriften für die Oper fehlt.

Umzug in letzter Minute

Als die Uraufführung am 10. Februar 1881 an der Pariser Opéra-Comique unter dem Dirigenten Jules Danbé näher rückte, gab es hinter den Kulissen noch ordentlich Aufregung. Bei den letzten Proben merkte man nämlich, dass der Abend viel zu lang wurde, und strich kurzerhand den gesamten Akt um die Kurtisane Giulietta in Venedig. Damit meine schöne Melodie bei der Premiere nicht unter den Tisch fiel, verfrachtete man die Barcarolle einfach vorübergehend in den Akt der Antonia. Das war zwar ein bisschen so, als würde man mitten im Wohnzimmer ein Ruderboot aufstellen, aber das Publikum schloss das Lied trotzdem sofort ins Herz.

Was der Name eigentlich verrät

Den Beinamen Barcarolle bekam das Duett übrigens nicht zum Spaß, sondern weil man so traditionell die Lieder der venezianischen Gondolieri nennt. Um dieses typische Gefühl einzufangen, habe ich das Stück in einem ruhigen Moderato gehalten, bei dem nichts gehetzt wirkt. Die Singstimmen von Giulietta als Sopran und Hoffmanns Begleiter Nicklausse als Mezzosopran werden dabei vom Chor und dem Orchester weich getragen. Man lehnt sich beim Zuhören fast automatisch zurück, als hätte man den Feierabend schon eine Stunde früher eingeläutet.

Ordnung im Notenschrank

Noch im Premierenjahr 1881 brachte der Pariser Verlag Choudens die Noten für Gesang und Orchester von Les contes d'Hoffmann heraus. Dort bekam das Duett im Klavierauszug die Nummer 13 und steht in der normalen Fassung in warmem D-Dur, wobei man auch gleich eine versetzte Version in F-Dur mit abdruckte. Eine eigene Opuszahl habe ich weder der Barcarolle noch der gesamten Oper jemals gegeben, denn für solche Buchhaltung fehlte mir am Ende schlicht die Geduld. Später haben dann aber die Forscher Michael Kaye und Jean-Christophe Keck kritische Ausgaben veröffentlicht, um in das bunte Notenpuzzle meiner letzten Oper wieder Ordnung zu bringen.

Ein schlichter Bauplan mit großer Wirkung

Vom Aufbau her habe ich es bei einer ganz einfachen dreiteiligen Liedform belassen, bei der auf den ersten Teil ein Mittelteil folgt und am Ende wieder der Anfang aufgegriffen wird. Eingerahmt wird das Ganze von einem instrumentalen Vorspiel und einem Nachspiel, die den Hörer sanft abholen und am Schluss wieder an Land setzen. Die beiden Solostimmen singen dabei fast durchgehend in parallelen Terzen und Sexten, was für das Ohr besonders harmonisch und rund klingt. Man muss eben keine hochkomplizierte Mathematik betreiben, wenn man einfach nur eine schöne Sommernacht in Töne fassen will.

Geschichten auf hoher See

Mit den Jahren wurde das Stück so bekannt, dass das Nachschlagewerk New Grove Dictionary of Opera es sogar als eine der beliebtesten Melodien der Welt und als die berühmteste Barcarolle überhaupt bezeichnete. Um ein so bekanntes Lied ranken sich natürlich irgendwann auch dramatische Geschichten. So berichten Überlebende, dass das Bordorchester im April 1912 beim Untergang der RMS Titanic meine Barcarolle gespielt haben soll. Ob das in jener Nacht auf dem eiskalten Atlantik wirklich erklang, weiß heute zwar niemand mit Sicherheit, aber der Gedanke berührt mich trotzdem.

Mein Ausflug nach Hollywood

Auch im Kino hat meine Melodie lange nach meiner Zeit noch eine erstaunliche Karriere hingelegt. Im Jahr 1960 borgte sich Elvis Presley meine Noten für sein Lied Tonight Is So Right for Love im Film G.I. Blues aus, was meinen alten Elfen sicher geschmeichelt hätte. Noch wichtiger wurde das Stück 1997 in Roberto Benignis Film Life Is Beautiful, der im Original La vita è bella heißt, wo es als zentrales musikalisches Motiv durch die Geschichte führt. Für ein Lied, das einmal im Wald begann und fast einer Streichung vor der Premiere zum Opfer gefallen wäre, ist das doch eine ganz ordentliche Reise.
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