Quellensuche mit Smetanas The Moldau
Die Hintergründe

Vltava, JB 1:112/2

Smetana erzählt die Hintergründe zu The Moldau
Ich bin Bedřich Smetana, und hier erzähle ich dir die Vorgeschichte meiner Moldau. Du erfährst, dass das Hauptthema dieses Stücks eine Vorfahrin hat, deren früheste bekannte Fassung schon im Jahr 1600 gedruckt wurde, lange vor meiner Zeit. Mit meinen Komponistenkollegen bringe ich dir auf dieser Seite bei, unsere Stücke beim Hören zu erkennen, und das darfst du gleich  im Trainer üben .
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Ein Fluss mit zwei Namen

In Prag heißt der Fluss Vltava, und die Deutschen sagen Moldau dazu. Ich habe gegen keinen der beiden Namen etwas einzuwenden. Mein Stück ist das zweite von sechs Tondichtungen, die zusammen Má vlast heißen, auf Deutsch "Mein Vaterland". Eine Tondichtung erzählt eine Landschaft oder eine Geschichte ganz ohne Worte, und ich stehe damit in der Tradition von Franz Liszt.

Sechs Stücke, ein Fahrplan

Als Erstes hatte ich am 18. November 1874 das Stück Vyšehrad fertig, den Burgfelsen über dem Fluss. Nur zwei Tage später, am 20. November, setzte ich mich an die Moldau. Ich dachte sie als eigenständiges Stück, so wie man eine Folge einer Serie auch dann versteht, wenn man die anderen nicht kennt. Heute spielt man die sechs Teile oft hintereinander als ein großes Werk, die Moldau aber gern auch allein.

Als es um mich still wurde

Schon im Juli 1874 hörte ich merkwürdige Geräusche in den Ohren, die nicht von draußen kamen. Anfang Oktober verlor ich das Gehör auf der rechten Seite, und am 20. Oktober war auch links nichts mehr zu hören. Dazu kam eine tiefe Niedergeschlagenheit, die mich in dieser Zeit nicht mehr losließ. Umso erstaunlicher finde ich selbst, dass mir gerade in diesem Winter ein Stück gelang, das so voller Bewegung ist.

Neunzehn Tage am Schreibtisch

Ich schrieb die Moldau in Prag, und nach neunzehn Tagen war sie fertig. Ob ich am 8. oder am 10. Dezember 1874 den letzten Strich gemacht habe, darüber streiten sich die Quellen bis heute. Ich lasse sie streiten, denn für den Fluss macht ein Tag mehr oder weniger keinen Unterschied. Ohne Gehör musste ich mich ganz auf mein inneres Ohr verlassen, und das hat mich zum Glück nie im Stich gelassen.

Ein Abend im Žofín

Zum ersten Mal erklang die Moldau am 4. April 1875 im Žofín in Prag, und Adolf Čech stand am Pult. Das Publikum war begeistert, es wurde ein Erfolg auf der ganzen Linie. Wichtig ist mir dabei: Die Moldau erklang damals ganz allein und nicht als Teil des Zyklus. Den kompletten Zyklus hörte Prag erst am 5. November 1882, wieder im Žofín und wieder unter Adolf Čech.

Eine Melodie mit alten Verwandten

Das große Hauptthema habe ich nicht aus dem Nichts gezogen, es geht auf eine alte Melodie namens "La Mantovana" zurück. Man schreibt sie dem italienischen Tenor Giuseppe Cenci zu, der auch Giuseppino del Biado hieß und 1616 starb, und gedruckt kennt man sie aus seinem Madrigalbuch von 1600. Eine rumänische Spielart derselben Melodie wurde später zur Hatikvah, der Nationalhymne Israels. Meine Moldau und die Hatikvah sind also Cousinen, auch wenn die eine nicht von mir stammt und die andere erst recht nicht.

Wer hat's erfunden?

Manche behaupten, ich hätte das Thema aus dem tschechischen Kinderlied "Kočka leze dírou" gemacht und es einfach in Moll gesetzt. Das ist reine Vermutung, bewiesen ist daran nichts, aber die Vorstellung, dass eine Katze durch ein Loch kriecht und daraus ein Strom wird, gefällt mir. Von mir selbst heißt es außerdem, ich hätte ein schwedisches Volkslied als Anregung genannt. Ob das so war, weiß heute niemand sicher, und ich verrate es nicht.

Was alles im Orchester sitzt

Die Moldau steht in e-Moll und trägt die Anweisung "Allegro commodo non agitato", also schnell, aber bequem und ohne Aufregung. Dafür brauche ich vom Piccolo bis zur Tuba fast das ganze Orchester, dazu Harfe, Triangel und Becken. Wenn der Fluss an Vyšehrad vorbeikommt, taucht das vierstimmige Motiv aus meinem ersten Stück wieder auf, wie ein bekanntes Gesicht am Ufer. Danach fließt er weiter in Richtung Elbe und verliert sich allmählich in der Ferne.

Der Fluss verlässt das Land

Außerhalb von Österreich-Ungarn erklang die Moldau erstmals 1878 in Chemnitz, dirigiert von Hans Sitt, gemeinsam mit Vyšehrad. 1879 schloss ich einen Vertrag mit dem Verleger F. A. Urbánek, im Dezember erschien die Fassung für Klavier zu vier Händen, und in der ersten Hälfte von 1880 folgten Partitur und Stimmen. In dieser Ausgabe haben sich leider einige Druckfehler eingeschlichen. Hugh Macdonald hat sie 2014 für den Bärenreiter-Verlag bereinigt und sich dabei auf mein Original gestützt, das im Smetana-Museum in Prag liegt.

Der Fluss fließt weiter

Seit 1952 eröffnet Má vlast jedes Jahr das Musikfestival Prager Frühling, und zwar am 12. Mai, an meinem Todestag. Meine Melodie hat sich auch in anderen Stücken wiedergefunden, etwa bei Stan Getz in "Dear Old Stockholm" und bei Horst Jankowski in "A Walk in the Black Forest". Im Kino läuft sie in Terrence Malicks Film The Tree of Life von 2011, und das Stück begleitet auch Don Hertzfeldts Everything Will Be OK von 2006. Ein tauber Komponist am Schreibtisch in Prag hätte sich das wohl nie träumen lassen, aber der Fluss hat offenbar mehr Wege gefunden, als ich ihm eingezeichnet habe.
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Ich hoffe, es hat dir Freude gemacht, etwas über die Entstehung meiner Moldau zu erfahren. Wenn ich heute an diese Wochen im Winter 1874 zurückdenke, staune ich noch immer darüber, dass ein Fluss, den ich nie wieder rauschen hören konnte, so deutlich in meiner Musik weiterfließt. Die Uraufführung am 4. April 1875 in Prag wurde ein sofortiger Triumph, und seitdem ist die Moldau das bekannteste Stück meines Zyklus geworden. Mich freut besonders, dass sie auch allein im Konzertsaal bestehen kann, so wie ich sie ursprünglich gedacht hatte. Dabei gibt es an dieser Musik noch vieles zu entdecken. Das Hauptthema hat zum Beispiel eine Vorgeschichte, die viel weiter zurückreicht als bis zu mir, und es ist seither in ganz anderen Melodien wieder aufgetaucht. Auch in Filmen kannst du meinem Fluss heute begegnen. Klick dich einfach durch die Links hier auf der Seite, dann kannst du die Moldau noch ein Stück weiter flussabwärts begleiten. Und wenn du sie das nächste Mal hörst, denk daran, dass ich sie nur in meinem Kopf gehört habe und dass du sie jetzt für mich mit den eigenen Ohren hörst.