Quellensuche mit Smetanas The Moldau
Der Hörführer

Vltava, JB 1:112/2

Smetana präsentiert einen Hörführer zu The Moldau
Ich bin Bedřich Smetana, und das hier ist der Hörführer zu meiner Moldau. Du hörst, wie mein Fluss aus zwei winzigen Quellen entsteht und bis nach Vyšehrad immer breiter wird, eine Reise, die du mit jedem Takt vor dir siehst. Unsere Stücke zu erkennen, sobald sie erklingen, lernst du hier ebenfalls bei meinen Komponistenkollegen und mir, und am besten  versuchst du dich im Trainer  gleich selbst.
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Gebrauchsanweisung für einen Fluss ohne Wasser

Setz dich bequem hin und stell dir vor, du sitzt in einem Boot, das ich langsam flussabwärts treiben lasse. Achte zuerst auf die Flöten und Klarinetten, denn sie sind das Wasser selbst, das sich in kleinen Wellen kräuselt und glitzert. Die Streicher tragen die große Melodie, die immer wiederkehrt, die Hörner rufen aus dem Wald, und Trompeten, Posaunen und Pauken übernehmen, sobald das Wasser wild wird. Dazwischen streut die Harfe ihr Funkeln über die Oberfläche, und du musst keine Noten lesen können, es genügt, wenn du die Melodie jedes Mal wiedererkennst, sobald sie auftaucht.

Warum der Fluss auf dem Titelblatt steht

Ich habe das Stück nach dem Fluss benannt, weil er der eigentliche Held der Geschichte ist und kein Fürst und keine Schlacht. Der Titel verrät dir sofort, dass wir gemeinsam eine Reise von den Quellen bis weit hinaus unternehmen, und mehr Programmheft brauchst du dafür nicht. Ich dachte die Moldau als eigenständiges Stück, und ein Fluss, der durch Prag fließt, ist ein Bild, das in meinem Land jeder auf Anhieb versteht. In jener Zeit war ich schwer niedergeschlagen, und vielleicht erklärt das, warum mir ausgerechnet ein Wasser gefiel, das unbeirrt weiterfließt.

Weder Sonate noch Rondo, sondern Flussform

Bei der Form habe ich lange überlegt, aber eine Sonate und ein Rondo hätten den Fluss in ein Korsett gesteckt, und das wollte ich ihm nicht antun. Also folgt die Musik einfach seinem Lauf, so wie es in einer Tondichtung üblich ist, und jede Station der Reise bekommt ihren eigenen Charakter. Zusammengehalten wird das Ganze von der Hauptmelodie, die immer wieder auftaucht und sich dabei jedes Mal ein wenig verwandelt, ungefähr so, wie ein Fluss an jeder Biegung anders aussieht und doch derselbe bleibt. Ich unterscheide sieben Abschnitte, nämlich die Quellen, das Hauptthema, den Wald, das Fest, die Nacht mit den Wassernixen, die Stromschnellen und das breite Ende bei Vyšehrad, und durch jeden führe ich dich jetzt einzeln.

Abschnitt 1: Der Wasserhahn ist noch nicht ganz aufgedreht

Ich beginne ganz leise, und mein Tempo "Allegro commodo non agitato" bedeutet etwa: zügig, aber bequem und ohne Aufregung. Zwei Quellen, die Kalte und die Warme Moldau, sind hier zu hören, und ihre feinen, rieselnden Figuren wandern zwischen Flöten und Klarinetten hin und her. Die Streicher begleiten so sacht, dass man sie eher ahnt als hört, und über allem liegt die Stimmung eines frühen Morgens. Noch ist nichts Dramatisches geschehen, aber die Bewegung ist bereits da, und sie lässt dich nicht mehr los.

Abschnitt 2: Der Fluss bekommt sein Gesicht

Jetzt vereinigen sich die Quellen, und die Violinen und Oboen stimmen die Hauptmelodie in e-Moll an. Sie klingt zugleich wehmütig und weit, als schaute jemand von einer Anhöhe auf sein Land und wüsste nicht recht, ob er lachen oder seufzen soll. Das Tempo bleibt ruhig und gleichmäßig, damit die Melodie Platz hat, sich auszubreiten und dir in Erinnerung zu bleiben. Merk sie dir gut, denn sie ist dein Erkennungszeichen für den ganzen Rest der Reise.

Abschnitt 3: Im Wald hallt es zurück

Nun fließt der Fluss durch dichte Wälder, und die Stimmung hellt sich spürbar auf. Die Hörner übernehmen das Wort, und ihr Klang kommt mal näher, mal ferner, als würde er zwischen den Bäumen hin- und hergeworfen. Die Bewegung wird lebhafter, und unter den Rufen der Hörner läuft das Wasser unverdrossen weiter. Hier hörst du am deutlichsten, wie ich mit Instrumenten eine Landschaft malen kann, ganz ohne Pinsel.

Abschnitt 4: Alle tanzen, der Fluss schaut zu

Am Ufer wird gefeiert, und die Musik wechselt in einen derben, fröhlichen Tanzrhythmus. Die Farben sind jetzt hell und kräftig, der Klang ist offen und heiter, und die Melancholie der Hauptmelodie ist für eine Weile vergessen. Das Fließen des Wassers bleibt trotzdem hörbar, doch es tritt zurück und überlässt den Menschen die Bühne. Zum Schluss wird der Tanz leiser und entfernt sich, so wie man ein Fest verlässt und noch eine Weile die Musik im Rücken hört.

Abschnitt 5: Nachtschicht für Wassergeister

Dann kommt die Nacht, und alles wird weich, still und ein wenig geheimnisvoll. Flöten und Harfe glitzern wie Mondlicht auf dem Wasser, und hohe Streicher legen sich wie ein feiner Nebel darüber. Die Harmonien beginnen zu schweben, als hätte der Boden unter der Musik nachgegeben, und genau so soll sich der Zauber der Wassernixen anfühlen. Mitten darin kehrt die Hauptmelodie zurück, aber verträumt und gedämpft, als erinnere sich der Fluss im Schlaf an sich selbst.

Abschnitt 6: Der Fluss findet einen sehr engen Flur

Plötzlich ändert sich alles, denn nun beginnen die Stromschnellen, und die Musik wird unruhig und drängend. Trompeten, Posaunen, Pauken und Becken steigern die Spannung, während die Streicher in schnellen Wellen gegen die Felsen anlaufen. Die Hauptmelodie kehrt wieder, aber sie klingt jetzt aufgewühlt und kämpft sich durch das Getöse. Wenn der Höhepunkt vorbei ist, löst sich die Anspannung, und du spürst fast körperlich, wie das Wasser wieder ruhiger wird.

Abschnitt 7: Vorbei an Vyšehrad, die Elbe wartet schon

Jetzt wird der Fluss breit und mächtig, und die Hauptmelodie erscheint in einem helleren, offeneren Klang. Dazu taucht das vierstufige Motiv von Vyšehrad wieder auf, als würde der Fluss an der alten Burg vorbeiziehen und ihr im Vorbeigehen zunicken. Dann entfernt sich die Musik immer weiter, die Moldau strömt der Elbe entgegen, und mit einem knappen Schlussakkord ist sie aus meinem Blickfeld verschwunden. Bei der Uraufführung am 4. April 1875 in Prag, unter der Leitung von Adolf Čech, war der Jubel des Publikums groß.

Und jetzt: Bitte einsteigen, Abfahrt ist sofort

Jetzt bist du an der Reihe, die Moldau selbst zu erleben. Drück auf Play und lass dich von der Musik einfach tragen, ohne etwas leisten zu müssen. Wenn du magst, denk beim Zuhören an das, was wir besprochen haben, an die Quellen, die Hauptmelodie und die Stromschnellen. Ich hoffe, du erlebst diese Reise so mitreißend, wie ich sie beim Komponieren erlebt habe.
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Jetzt bist du mit mir den ganzen Fluss entlanggefahren, von den beiden Quellen bis dahin, wo die Moldau weiterzieht. Hat dir dieser Hörführer zu meiner Moldau gefallen? Ich hoffe, du hörst das Stück beim nächsten Mal mit anderen Ohren und entdeckst Stellen, die dir vorher gar nicht aufgefallen sind. Dass ich es vollkommen taub geschrieben habe, ist für mich noch immer das Erstaunlichste daran, denn die Musik klingt, als hätte ich jedes Plätschern und Glitzern mit eigenen Ohren gehört. Dabei gibt es an meiner Moldau noch viel mehr zu entdecken, als in diesen Zeilen Platz hatte. Es lohnt sich zum Beispiel, einmal zu verfolgen, wie die Melodie weitergewandert ist und in ganz anderen Stücken wieder auftaucht. Auch die Frage, wie das Stück in Filmen und Konzertsälen weiterlebt, ist spannend. Wenn du neugierig geworden bist, klick auf die Links, die du hier findest, und geh der Moldau noch ein Stück weiter nach. Und wenn du das nächste Mal ein Orchester hörst, das einen Fluss fließen lässt, dann denk an mich.