Heimweh nach Böhmen mit Dvořáks Symphony No 9
II. Largo
Symphony No. 9 in E minor, Op. 95 ("From the New World")

Ich bin Antonín Dvořák, und nun erkläre ich dir den Satz II. Largo aus meiner Sinfonie Nr. 9. Du hörst, wie die ruhige Stimmung in Des-Dur im Mittelteil in cis-Moll dunkler wird und am Ende wiederkehrt, und genau dieser Bogen macht den Satz so berührend. Wie du solche Stücke beim Hören erkennst, lernst du bei meinen Komponistenkollegen und mir ebenfalls, und mit einem Versuch im Trainer kannst du gleich beginnen.
---
Hören mit offenen Ohren und bequemem Sessel
Mein Rat für dieses Largo: Lehn dich zurück und achte zuerst auf das Englischhorn, denn es trägt die berühmte Melodie. Es klingt dunkler und weicher als eine Oboe, und man hat den Eindruck, es erzähle dir etwas ganz Persönliches. Die Streicher legen dazu einen warmen Teppich aus, auf dem die Melodie ruhen kann, und die Tuba, die in der ganzen Sinfonie nur in diesem Satz spielt, gibt dem Klang etwas Tiefes. Hör also nicht nur auf die Melodie, sondern auch darauf, wer sie gerade begleitet, denn dort spielt sich die halbe Geschichte ab.Warum es Largo heißt und nicht Gemütlich
Largo bedeutet „breit“, und die Musik darf sich hier genau so viel Zeit nehmen, wie sie braucht. Nach dem lebhaften ersten Satz sollst du tief durchatmen können, so wie man nach einem langen Weg endlich auf einer Bank Platz nimmt. Ich habe diesen Satz übrigens einmal als Skizze oder Studie für ein späteres Werk nach Longfellows The Song of Hiawatha bezeichnet. Ob auch mein Heimweh nach Böhmen darin steckt, wie manche Programmhefte meinen, ist eine Deutung von anderen, und ich lasse sie gern offen.Eine Form wie ein belegtes Brot
Bei der Form habe ich überlegt, ob ich wie im ersten und im letzten Satz zur Sonatenform greife oder etwas anderes wähle. Am Ende fiel meine Wahl auf die dreiteilige Form: außen zwei verwandte Teile und in der Mitte ein Kontrast, ganz wie bei einem belegten Brot. Der Satz steht im Viervierteltakt und beginnt in Des-Dur, später wandert die Musik nach cis-Moll. Die drei Abschnitte schauen wir uns gleich einzeln an, und du wirst hören, wie sie zusammen eine kleine Geschichte erzählen.Abschnitt 1: Der Vorhang geht ganz leise auf
Der Satz beginnt langsam und getragen in Des-Dur, mit einer Stimmung, als würde sich ein großer Raum für die Stille öffnen. Dann setzt das Englischhorn mit seiner Melodie ein, und das Tempo bleibt so ruhig, dass jeder Ton ausklingen kann. Die Streicher begleiten es behutsam, und nichts drängt, nichts will etwas von dir. Wenn du hier einfach nur zuhörst, hast du den wichtigsten Teil des Satzes schon verstanden.Abschnitt 2: Der Himmel zieht sich zu
In der Mitte wechsle ich nach cis-Moll, und mit der Tonart ändert sich sofort die Farbe: Es wird ernster und unruhiger. Das Tempo bleibt zwar breit, doch die Musik wirkt jetzt, als gingen Gedanken im Kreis, die sich nicht gleich beruhigen lassen. Achte darauf, wie sich die Stimmung langsam steigert, bis man fast vergisst, wie friedlich der Anfang war. Genau dieser Gegensatz ist wichtig, denn erst durch ihn bekommt die Rückkehr der Ruhe ihr volles Gewicht.Abschnitt 3: Wiedersehen mit einem alten Bekannten
Im dritten Abschnitt kehrt der Anfang zurück, und die Melodie fühlt sich nun an wie ein vertrautes Gesicht nach einer langen Reise. Die Spannung löst sich, die Musik wird wieder weit und still, und der Satz klingt aus, als schlösse jemand leise eine Tür. Diese Melodie hat später ein Eigenleben bekommen: Mein Schüler William Arms Fisher hat 1922 Worte dazu geschrieben, und so entstand das Lied Goin' Home, das viele für ein altes Volkslied halten, obwohl die Melodie von mir ist. Und wenn du später das Finale hörst, wirst du dem Largo noch einmal begegnen, denn dort lasse ich Themen aus den früheren Sätzen wiederkehren.Jetzt bist du an der Reihe
Nun lade ich dich ein, dieses Largo selbst zu erleben. Drück auf Play und lass dich einfach von der Musik tragen. Vielleicht denkst du beim Hören an das, was wir besprochen haben, an das Englischhorn, an den dunklen Mittelteil und an die Rückkehr der Melodie. Ich hoffe, die Reise durch mein Largo bereitet dir so viel Freude, wie sie mir beim Schreiben bereitet hat.---
Ich hoffe, die Reise durch dieses Largo hat dir Freude gemacht, und du hast beim Lesen Lust bekommen, es gleich noch einmal zu hören. Vielleicht begleitet dich das Englischhorn mit seiner ruhigen Melodie nun ein Stück weit durch den Tag. Wenn du genau hinhörst, merkst du, wie viel in einem so stillen Satz steckt: die tiefen Klänge, die warme Begleitung und die Pausen, in denen die Musik fast stehen bleibt. Hat dir dieser Hörführer zum Largo aus meiner Sinfonie Nr. 9 gefallen? Dann bleibt noch einiges zu entdecken, denn meine Sinfonie hat neben diesem Satz weit mehr zu bieten. Das Scherzo etwa tanzt ganz anders als das Largo, und im Finale kehren Themen aus den früheren Sätzen wieder, sodass sich am Ende der Kreis schließt. Auch die Geschichte, wie das Werk in New York entstand und seinen Weg in die Konzertsäle fand, erzählt noch manches, das man beim Hören gern im Ohr hat. Klick einfach auf die Links hier auf der Seite, und lerne meine Sinfonie Nr. 9 Schritt für Schritt noch besser kennen. Ich freue mich, wenn du mich dabei weiter begleitest.
