Heimweh nach Böhmen mit Dvořáks Symphony No 9
Die Hintergründe
Symphony No. 9 in E minor, Op. 95 ("From the New World")

Ich bin Antonín Dvořák, und hier erzähle ich dir die Vorgeschichte meiner Sinfonie Nr. 9. Du erfährst, wie ich im Sommer 1893 in Spillville in Iowa lebte, einem Dorf, in dem man Tschechisch sprach, und warum mir dort nach New York so wohl zumute war. Unsere Stücke beim Hören zu erkennen, lernst du hier übrigens auch von mir und meinen Kollegen, und ein Versuch im Trainer lohnt sich gleich.
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Ein Komponist im Wolkenkratzer-Land
Als ich diese Sinfonie schrieb, war ich gar nicht zu Hause in Böhmen, sondern in New York, wo ich das National Conservatory of Music of America leitete. Das war eine ungewohnte Rolle für mich, denn plötzlich saß ich zwischen Konferenzen und Studenten statt zwischen Feldern und Teichen. Ende 1892 skizzierte ich die ersten Ideen, und am 24. Mai 1893 war das Werk fertig. Dass es später den Beinamen „Aus der Neuen Welt“ bekam, hat also ganz handfeste Gründe: Ich habe es mitten in dieser Neuen Welt geschrieben.Mein Student mit der wunderbaren Stimme
In New York hatte ich einen Studenten namens Harry T. Burleigh, einen schwarzen Sänger, der mir Spirituals vorgesungen hat. Ich war davon so berührt, dass ich im Mai 1893 amerikanischen Komponisten ausdrücklich geraten habe, sich auf afroamerikanische Melodien zu stützen. Die Musik dieses Landes, so sagte ich damals sinngemäß, müsse darauf gegründet sein. Das war damals eine deutliche Ansage an die amerikanischen Komponisten.Echt klingt nicht gleich echt
Immer wieder fragt man mich, ob ich in der Sinfonie echte Volksmelodien zitiere. Ich habe keine einzige Melodie der amerikanischen Ureinwohner übernommen, sondern eigene Themen erfunden, die etwas von deren Eigenart in sich tragen. Mir ist dabei aufgefallen, dass die Pentatonik, also eine Tonleiter mit nur fünf Tönen, in diesen Traditionen und sogar in der schottischen Musik vorkommt. Wenn du in meiner Sinfonie also etwas Vertrautes hörst, dann liegt das oft daran, dass diese fünf Töne in vielen Ländern zu Hause sind.Ein Sommer unter Landsleuten
Den Sommer 1893 habe ich in Spillville in Iowa verbracht, und dort fühlte ich mich überraschend wohl. Das Dorf hatte rund 350 Einwohner, die überwiegend Tschechisch sprachen, mit tschechischem Gottesdienst und eigener Schule. Ich habe damals geschrieben: „Es ist eine tschechische Siedlung.“ Mitten in Amerika konnte ich also morgens in meiner Muttersprache grüßen, und das hat dem Werk sicher nicht geschadet.Vier Gänge, ein Menü
Eine Sinfonie ist in mehrere Sätze unterteilt, und ein Satz ist ein in sich abgeschlossener Abschnitt mit eigenem Tempo und eigener Stimmung, ganz wie die Gänge eines Menüs. Den Anfang macht ein Adagio, das in ein Allegro molto übergeht, also erst ein ruhiges, ahnungsvolles Vorspiel und dann ein kräftiger Aufbruch; danach folgt das Largo, ein langsamer Satz zum Durchatmen. Als dritten Gang serviere ich ein Scherzo, Molto vivace, das schnell und tänzerisch ist, und zum Schluss kommt das Allegro con fuoco, das „feurig“ heißt und genau so gemeint ist. Weil jeder Gang anders schmeckt, bleibt es über die ganze Sinfonie spannend, und niemand muss am Ende nur Suppe essen.Hiawatha lässt grüßen
Ich hatte damals ein Gedicht im Kopf, nämlich Longfellows „The Song of Hiawatha“. Das Largo habe ich selbst als Skizze, als eine Art Studie für ein späteres Werk über diesen Stoff bezeichnet. Das Scherzo wiederum ist von der Festszene in diesem Gedicht angeregt, in der die Ureinwohner tanzen. Ob du dabei ein Tanzfest vor dir siehst oder einfach nur gute Laune hörst, überlasse ich ganz dir.Das Lied, das nur so tut, als wäre es alt
Aus dem Thema des Largo wurde später das Lied „Goin' Home“, zu dem mein Schüler William Arms Fisher 1922 Worte geschrieben hat. Es klingt so selbstverständlich, dass viele es für ein überliefertes Volkslied halten. Tatsächlich stammt die Melodie aber von mir, nur der Text kam später dazu. Dass ich das Englischhorn vielleicht wegen Burleighs Stimme für diese Melodie gewählt habe, wird erzählt, belegt ist es aber nicht.Am Ende kehrt alles zurück
Im Finale lasse ich Themen aus den früheren Sätzen wiederkehren, auch das aus dem ersten, und deshalb nennt man die Sinfonie zyklisch. Das ist ein bisschen so, als würden am Ende eines Abends alle Gäste noch einmal kurz an der Tür vorbeischauen. Die Becken spielen übrigens nur in diesem letzten Satz mit, sie haben ihren Auftritt also gut aufgespart. Und obwohl das Finale in e-Moll steht, schließt die Sinfonie in strahlendem E-Dur, als würde am Schluss die Sonne durchbrechen.Applaus nach jedem Satz
Die Uraufführung fand am 16. Dezember 1893 in der Carnegie Hall statt, und die New Yorker Philharmoniker spielten unter Anton Seidl. Das Publikum war sofort begeistert und hat nach jedem Satz applaudiert, sodass ich mich mehrmals erheben und verbeugen musste. Schon am 30. Dezember folgte die Aufführung in Boston mit dem Boston Symphony Orchestra unter Emil Paur. In Europa erklang das Werk erstmals am 21. Juni 1894 bei der London Philharmonic Society.Von der Nummer 5 bis zum Mond
Der Verlag Simrock hat die Partitur 1894 veröffentlicht, und zunächst wurde sie als meine fünfte Sinfonie gezählt, weshalb ältere Aufnahmen noch die Nummer 5 tragen. Heute heißt sie Sinfonie Nr. 9 in e-Moll, Opus 95, und eine übliche Aufführung dauert etwa 40 Minuten. Dass Neil Armstrong 1969 bei Apollo 11 eine Aufnahme davon mit zum Mond genommen hat, macht mich noch immer sprachlos. Eine Musik, die in New York und Iowa entstanden ist, hat es damit bis in den Weltraum geschafft.---
Damit sind wir am Ende meiner Geschichte angekommen, und ich hoffe, du hast beim Lesen ebenso viel Freude gehabt wie ich beim Erzählen. Hat es dir gefallen, die Entstehung meiner Sinfonie Nr. 9 einmal von innen kennenzulernen? Wenn ich heute daran denke, wie ich in New York Noten für eine Welt schrieb, die mir damals noch fremd war, staune ich, wie weit diese Musik seither gereist ist. Sie hat sogar den Mond erreicht, denn Neil Armstrong hatte 1969 bei Apollo 11 eine Aufnahme davon im Gepäck. Und doch ist das längst nicht alles, was sich über diese Sinfonie erzählen lässt. Es gibt noch vieles zu entdecken, zum Beispiel wie die vier Sätze miteinander verwoben sind und wie im Finale die Themen von früher noch einmal anklingen. Klick dazu einfach auf die Links hier unten und hör, lies und stöbere so lange, wie es dir Freude macht. Vielleicht klingt die Sinfonie danach ein wenig vertrauter, so als träfest du einen alten Bekannten wieder.
