Jazz im Konzertsaal bei Gershwins Rhapsody in Blue
Der Hörführer
Rhapsody in Blue

Ich bin George Gershwin, und willkommen bei deinem Hörführer durch meine Rhapsody in Blue. Hier zeige ich dir, woran du dich in diesem Stück festhalten kannst, damit die vielen wechselnden Melodien wie eine einzige Reise wirken, die am Ende wieder dort ankommt, wo sie begonnen hat. Auf dieser Seite bringen dir übrigens meine Komponistenkollegen und ich bei, unsere Stücke zu erkennen, sobald sie erklingen, und das probierst du am besten gleich im Trainer aus .
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Hör zu, aber bitte ohne Spickzettel
Du brauchst kein Vorwissen für mein Stück, nur zwei offene Ohren und ein wenig Neugier. Achte zuerst auf das Klavier, denn es ist die Hauptperson, und bei der Uraufführung habe ich es selbst gespielt. Dann hör dem Orchester zu, das in der Fassung von 1924 aus Klarinetten, Saxofonen, Trompeten, Posaunen, Banjo und einer kleinen Gruppe Geigen besteht, und Ferde Grofé hat meine Noten für diese Besetzung eingerichtet. Du musst nichts erkennen oder einordnen, frag dich einfach immer wieder, wer gerade das Wort hat: das Klavier, die Klarinette oder die ganze Band.Ein Name, der nach Farbe klingt
Mein Stück hieß ursprünglich American Rhapsody, was ein wenig nach einem Reiseprospekt klingt. Ira Gershwin schlug dann den Titel Rhapsody in Blue vor, nachdem er in einer Galerie Bilder von Whistler gesehen hatte. Der Gedanke dahinter gefiel mir sofort: So wie ein Maler mit Farbtönen Stimmungen erzeugt, sollte meine Musik mit Klangfarben malen. Eine Rhapsodie darf außerdem frei erzählen, ohne sich an feste Regeln zu halten, und das „Blue“ im Titel gibt ihr eine Farbe, die man beim Hören fast vor sich sieht.Eine Form, die in keine Schublade passt
Die Form zu wählen war ein Abenteuer für sich, denn mein Stück ist weder eine Sonate noch ein Rondo, sondern eine Rhapsodie in einem einzigen Satz für Klavier und Orchester. Man nennt es oft ein Jazzkonzert, und Kritiker haben die Form häufig locker genannt, was ich ihnen gar nicht übelnehme. Später habe ich erzählt, der Plan sei mir im Zug nach Boston eingefallen, doch das weiß man nur von mir selbst, und bestätigt hat es nie jemand. Ich zeige dir das Stück jetzt Abschnitt für Abschnitt, und du wirst merken, wie es in B-Dur beginnt, in der Mitte um C-Dur kreist und am Ende nach B-Dur zurückfindet.Abschnitt 1: Die Stadt wacht auf
Wir beginnen in B-Dur, und die Musik startet gemächlich und etwas verschlafen, bevor sie Schwung holt. Dann übernehmen Trompeten und Saxofone und spielen Themen mit einem federnden, leicht schiefen Rhythmus, bei dem man unwillkürlich mit dem Fuß wippt. Das Tempo zieht an, ohne je zu hetzen, und die Stimmung ist selbstbewusst und neugierig, so als schaute jemand morgens aus dem Fenster auf eine große Straße. Merk dir diese frechen Melodien, denn sie kommen später in anderem Gewand noch einmal zurück.Abschnitt 2: Das Klavier bekommt das Wort
Jetzt tritt das Klavier in den Vordergrund, und es darf zeigen, was es kann: schnelle Läufe, kräftige Akkorde und plötzliche Wechsel zwischen Übermut und Nachdenklichkeit. Das Tempo schiebt und bremst abwechselnd, und das Orchester antwortet mal leise, mal mit einem Aufschrei der Bläser. Ich hatte meinen Part bei der Uraufführung nicht vollständig aufgeschrieben und habe einiges spontan gespielt, weshalb niemand genau weiß, wie jener Abend wirklich geklungen hat. Die Stimmung bleibt dabei hell und unternehmungslustig, wie ein Gespräch, in dem jeder noch etwas Wichtiges loswerden möchte.Abschnitt 3: Eine Pause mit Gefühl
In der Mitte, um C-Dur herum, wird alles ruhiger, und das Tempo gönnt sich Zeit. Eine breite, singende Melodie breitet sich aus, und in der Fassung von 1924 tragen sie nur acht Geigen, die dadurch fast kammermusikalisch warm klingen. Die Stimmung wird sehnsüchtig und ein bisschen wehmütig, und man hat das Gefühl, nach einem langen Tag noch einmal in Ruhe durch die Straßen zu gehen. Der Wechsel der Tonart von B-Dur nach C-Dur wirkt dabei wie ein Fensterwechsel, durch den plötzlich anderes Licht in den Raum fällt.Abschnitt 4: Heimkehr mit Pauken und Trompeten
Zum Schluss kehrt die Musik nach B-Dur zurück, und die frechen Themen vom Anfang melden sich wieder, nun mit mehr Wucht und Selbstvertrauen. Das Tempo steigert sich, das Klavier und die Pauken treiben das Orchester voran, und die Stimmung kippt von Wehmut in einen strahlenden Jubel. Dann folgt ein großer, entschlossener Schluss, bei dem alle zusammen noch einmal alles geben. Im Programm der Uraufführung kam danach nur noch der Pomp and Circumstance March No. 1 von Elgar, und zwar als Nummer von insgesamt 26, sodass mein Stück den Abend fast beschloss.Vorhang auf, Musik ab
Jetzt bist du an der Reihe: Drück auf Play und lass dich einfach von der Musik tragen. Denk beim Hören ruhig an das, was wir besprochen haben, an das Klavier als Hauptperson, an die Farben des Orchesters und an den Weg von B-Dur über die Mitte um C-Dur wieder nach Hause. Wenn du einen Moment nicht weißt, wo du gerade bist, ist das kein Problem, denn bei einer Rhapsodie darf man sich auch einmal treiben lassen. Ich hoffe, dass dich die Reise durch meine Rhapsody in Blue genauso mitreißt, wie sie mich beim Schreiben mitgerissen hat.---
Hat dir die Reise durch meine Rhapsody in Blue gefallen? Ich hoffe, du hörst das Stück jetzt ein wenig anders als vorher und entdeckst bei jedem Mal etwas Neues darin. Denn das war längst noch nicht alles, was sich über dieses Stück erzählen lässt. Da gibt es noch die Fassungen, die Ferde Grofé später für andere Besetzungen eingerichtet hat, und die Frage, wie mein Klavierpart bei der Uraufführung im Februar 1924 wirklich geklungen hat, ist bis heute offen. Vielleicht liegt gerade darin der Reiz, denn ein Stück, das sich nie ganz festhalten lässt, bleibt lebendig. Wenn du neugierig geworden bist, klick dich gern durch die Links hier auf der Seite und stöbere weiter. Ich freue mich, wenn du dabei noch ein paar Überraschungen findest.
