Vom Trauermarsch zum Liebesbrief bei Mahlers Symphony No 5
IV. Adagietto

Symphony No. 5 in C-sharp minor

Mahler präsentiert einen Hörführer zu IV. Adagietto aus Symphony No 5
Ich bin Gustav Mahler, und das IV. Adagietto aus meiner Symphony No 5 erkläre ich dir jetzt. Du hörst, wie Streicher und Harfe allein das Stück aus der Stille heraus mit leisen, getragenen Tönen beginnen, und in rund zehn Minuten trägt dich dieser sehr langsame Satz in eine innige Ruhe. Wie du Stücke wie dieses beim Hören wiedererkennst, zeigen dir meine Komponistenkollegen und ich auf dieser Seite, und wenn du Lust hast, kannst du es gleich  im Trainer versuchen .
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Nur Streicher und eine Harfe, der Rest darf Pause machen

Für das IV. Adagietto in meiner Symphony No 5 brauchst du nur Streicher und Harfe, denn Holzbläser und Blech lasse ich bewusst draußen. Hör zuerst auf die Streicher, die fast wie eine einzige große Stimme singen, und dann auf die Harfe, die dazwischen einzelne Töne wie Tropfen in die Stille setzt. Vorkenntnisse brauchst du keine, du musst dich nur auf den Anfang einlassen, der aus der Stille kommt, mit leisen, lang gehaltenen Streichertönen. In einer üblichen Aufführung dauert das etwa zehn Minuten, also genau so lange, wie man für eine Tasse Tee braucht, wenn man sie wirklich in Ruhe trinkt.

Warum ich so klein anfange und so groß ankomme

Das Wort Adagietto ist die Verkleinerungsform von Adagio, und ein Adagio ist ein langsames Tempo. Über die Noten habe ich allerdings „Sehr langsam“ geschrieben, und das ist meine eigentliche Anweisung an die Musiker. Gewidmet habe ich den Satz Alma, die ich 1902 geheiratet habe, und die Geschichte erzählt, er sei meine Liebeserklärung an sie gewesen, begleitet von einem Gedicht, das ich ihr hinterlassen habe. Ob das wirklich so war, weiß niemand sicher, denn es beruht allein auf Almas eigenem Bericht in ihrem Briefwechsel mit Willem Mengelberg.

Ein langer Atemzug

Bei der Form wollte ich etwas, das sich anhört wie ein Lied ohne Worte. Man kann es sich als einen einzigen großen Bogen vorstellen, der leise beginnt, sich aufschwingt und wieder zur Ruhe kommt. Ich teile ihn dir deshalb in drei Abschnitte auf, die ineinander übergehen und sich kaum voneinander trennen lassen. Wir nehmen sie jetzt der Reihe nach vor, und du wirst merken, dass jeder einen eigenen Gesichtsausdruck hat.

Abschnitt 1: Der Anfang, bei dem sogar das Husten wegbleibt

Der Satz steht in F-Dur und beginnt aus der Stille, mit weichen, lang ausgehaltenen Tönen der Streicher. Die Harfe ist von Anfang an dabei und tupft ihre Töne dazu, ganz ohne Eile, so wie es mein „Sehr langsam“ verlangt. Die Stimmung ist zart und ein wenig schwebend, als würde jemand vorsichtig ein Fenster öffnen, um die Nacht nicht zu stören. Hier musst du noch nichts verstehen, du darfst einfach merken, wie ruhig dein Atem wird.

Abschnitt 2: Das Herz wird lauter

In der Mitte wächst die Musik, die Melodie der Streicher wird breiter, wärmer und sehnsüchtiger, und sie drängt dabei nie nach vorn, sondern dehnt die Zeit. Ich habe über diese Stelle „mit innigster Empfindung“ geschrieben, und genau diese Innigkeit soll man hören, ohne dass jemand laut wird. Beim Tempo gehen die Meinungen auseinander: Mengelberg und ich sollen den Satz in etwa sieben Minuten gespielt haben, heutige Aufführungen dauern zwischen etwa 7 und 15 Minuten. Gerade diese Freiheit macht den Satz so lebendig, denn jedes Orchester findet seine eigene Art, die Sehnsucht zu atmen.

Abschnitt 3: Der Abschied, der gar keiner ist

Zum Schluss lässt die Spannung nach, und die Musik sinkt langsam in die Ruhe zurück, aus der sie gekommen ist. Es fühlt sich an wie ein langer Blick zurück, nach dem man weiß, dass etwas Schönes zu Ende geht und trotzdem bleibt. Der Satz eröffnet den dritten Teil der Symphonie, und im Rondo-Finale kommt Material aus ihm wieder, nun aber in fröhlichem D-Dur. Ich habe das Adagietto später auch einzeln dirigiert, weil er für sich allein bestehen kann, auch wenn er im Ganzen noch mehr bedeutet.

Drück auf Play und lass den Alltag draußen

Jetzt bist du dran: Drück auf Play und lass dich von meinem Adagietto einfach tragen. Wenn du magst, denk beim Hören an das, was wir besprochen haben, an die Stille am Anfang, die Harfe zwischen den Streichern und den großen Bogen bis zum Schluss. Du musst nichts richtig machen, es genügt, wenn du zuhörst und die Musik mit dir macht, was sie will. Ich hoffe, dass dich die Reise durch diesen Satz so bewegt, wie sie mich beim Komponieren bewegt hat.
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Ich hoffe, es hat dir Freude gemacht, das Adagietto aus meiner Symphony No 5 auf diese Weise kennenzulernen. Vielleicht hörst du es jetzt noch einmal mit anderen Ohren, denn so ein leiser Satz verrät oft erst beim zweiten Mal, wie viel in ihm steckt. Zehn Minuten nur für Streicher und Harfe, und doch bleibt am Ende etwas in der Stille hängen, das man nicht gleich abschütteln will. Ich habe diesen Satz einst Alma gewidmet, und ob du darin einen Brief voller Zärtlichkeit hörst, darfst du ganz allein entscheiden. Meine Fünfte hat aber noch viel mehr zu bieten als diesen einen Satz. Da ist der Trauermarsch mit der einsamen Trompete, da ist das Scherzo mit seinen Ländlern und Walzern, und da ist das Rondo-Finale, in dem das Adagietto in hellem D-Dur wiederkehrt. Wenn du Lust hast, weiterzustöbern, klick einfach auf die Links hier auf der Seite. Dort kannst du noch tiefer in meine Symphony No 5 eintauchen und entdecken, wie alle fünf Sätze zusammengehören.