Vom Trauermarsch zum Liebesbrief bei Mahlers Symphony No 5
V. Rondo-Finale
Symphony No. 5 in C-sharp minor

Ich bin Gustav Mahler, und das V. Rondo-Finale meiner Symphony No 5 erkläre ich dir jetzt. Du hörst, wie ich in diesem Satz Themen aus dem Adagietto und den D-Dur-Choral des zweiten Satzes zurückkehren lasse und sie in rund 15 Minuten zu einem lebhaften Miteinander der Stimmen verwebe. Hier auf der Seite bringen dir meine Komponistenkollegen und ich bei, unsere Stücke zu erkennen, und ob dir das schon gelingt, zeigt dir ein Versuch im Trainer .
---
Hier reden alle gleichzeitig
Worauf du beim V. Rondo-Finale achten kannst, sage ich dir gleich vorweg: auf Stimmen, die einander ins Wort fallen und sich trotzdem vertragen. Das nennt man Kontrapunkt, also mehrere Melodien, die gleichzeitig laufen, und ich hatte in dieser Zeit mein Interesse an Bach und seiner Kunst neu entdeckt. Du musst nichts davon benennen können, es genügt, wenn du dir eine Melodie herauspickst und ihr eine Weile folgst, bis sich eine andere dazwischendrängt. Es ist ein bisschen wie bei einem Familienessen, bei dem alle erzählen, nur dass bei mir am Ende tatsächlich jeder zu Wort kommt.Was auf dem Etikett steht
Den Namen Rondo-Finale habe ich gewählt, weil er zwei Dinge verspricht: Finale heißt Schluss, und Rondo heißt, dass ein Gedanke immer wieder zurückkehrt. Nach dem Adagietto, mit dem der dritte Teil der Symphonie beginnt, wollte ich keinen schweren Abschied, sondern einen Satz, der in D-Dur die Fenster aufmacht. Darum habe ich ihn mit „Allegro giocoso“ und „Frisch“ überschrieben, also lebhaft, spielerisch und frisch. Rund 15 Minuten lang darf sich dieser Gedanke dann immer wieder melden, und er wird dabei nicht müde, sondern eher übermütiger.Eine Form mit Doppelleben
Bei der Form hatte ich die Qual der Wahl, denn ich wollte weder ein reines Rondo noch eine reine Sonate schreiben. Herausgekommen ist ein Rondo-Sonaten-Satz: Das Rondo lässt Gedanken wiederkehren, die Sonate verarbeitet und verwandelt sie. Ich teile den Satz für dich in fünf Abschnitte ein, nämlich das Allegro, das Allegro giocoso, das „Frisch“, die Rückkehr des Adagietto-Materials und die Rückkehr des Chorals. In den nächsten Absätzen gehen wir sie einzeln durch, und ich verspreche dir, dass keiner länger dauert als nötig.Abschnitt 1: Allegro, alle auf ihre Plätze
Der Satz beginnt mit der Angabe „Allegro“, und damit ist nach der Ruhe des Adagietto Schluss. Aus dem F-Dur des vierten Satzes wechsle ich nach D-Dur, und schon dieser Tonartwechsel fühlt sich an, als würde jemand einen Vorhang zur Seite ziehen. Die Stimmung wandelt sich von innig und leise zu wach und erwartungsvoll. Hör hier einfach zu, wie die Musik Schwung holt, bevor sie richtig loslegt.Abschnitt 2: Allegro giocoso, Spielfreude ohne Gebrauchsanweisung
Jetzt kommt die Überschrift „Allegro giocoso“, und das heißt lebhaft und mit Lust am Spielen. Das Tempo bleibt flott, und die Melodien jagen einander, ohne dass eine die andere einholt. Hier zeigt sich der Kontrapunkt am deutlichsten, denn die Stimmen laufen munter durcheinander und fügen sich doch zusammen. Wenn du dich ein wenig verläufst, ist das kein Fehler, sondern genau der Spaß an der Sache.Abschnitt 3: Frisch, einmal kräftig durchlüften
„Frisch“ habe ich über einen weiteren Teil geschrieben, und so klingt er auch: hell, klar und ohne jede Schwere. Die Tonart bleibt D-Dur, und die Stimmung bleibt heiter, aber der Ton wird jugendlicher und unbeschwerter. Nach der Verflechtung davor tut dieser Abschnitt gut, weil du zwischendurch etwas einfacher mitgehen kannst. Merk dir das Gefühl, denn die Musik kehrt noch oft zu dieser Leichtigkeit zurück.Abschnitt 4: Ein Gast aus dem vierten Satz
Hier lasse ich Material aus dem Adagietto zurückkehren, jenem Satz, den ich meiner Alma gewidmet habe. Es ist der Moment im Finale, in dem die Musik kurz innehält und an etwas erinnert, das du schon kennst. Die Wärme von damals ist wieder da, nun aber eingebettet in einen Satz, der sonst vor Lebensfreude sprüht. So erzählt die Musik, dass das Ruhige und das Ausgelassene in derselben Geschichte Platz haben.Abschnitt 5: Der Choral meldet sich zurück
Im zweiten Satz hatte ich einen strahlenden Choral in D-Dur, der sich dort wieder im tragischen Material verlor. Im Finale holt die Musik ihn zurück, und diesmal steht er in einem Satz, der ganz in D-Dur zu Hause ist. Er bekommt gewissermaßen eine zweite Chance, und du merkst, wie sich die Stimmung weitet und festlicher wird. Dass der Kontrapunkt dabei weiterläuft, hörst du daran, dass auch jetzt nie nur eine Stimme das Wort hat.Jetzt bist du dran
Nun lade ich dich ein, das V. Rondo-Finale selbst zu erleben. Drück auf Play und lass dich einfach von der Musik tragen. Vielleicht denkst du beim Hören an das, was wir besprochen haben, an die Stimmen, die sich ins Wort fallen, und an die Erinnerungen an Adagietto und Choral. Ich hoffe, die Reise durch mein Rondo-Finale begeistert dich so sehr, wie sie mich beim Komponieren begeistert hat.---
Ich bin Gustav Mahler, und damit endet unser gemeinsamer Gang durch das Rondo-Finale meiner Symphony No 5. Hat dir der Hörführer zum V. Rondo-Finale aus der Symphony No 5 gefallen? Nach den gut 15 Minuten dieses Satzes bleibt hoffentlich der Eindruck zurück, dass hier vieles zusammenkommt: der frische, heitere Ton in D-Dur, das kunstvolle Ineinander der Stimmen und die Erinnerung an das Adagietto und den Choral aus dem zweiten Satz. Das Finale blickt zurück und strahlt zugleich nach vorn, und vielleicht hörst du es beim nächsten Mal ganz anders als heute. Von meiner Symphony No 5 gibt es aber noch viel mehr zu entdecken. Du kannst die Vorgeschichte nachlesen, die anderen Sätze Stück für Stück kennenlernen oder dich fragen, wie das Ganze in drei Teile gegliedert ist und wie sich die Teile zueinander verhalten. Klick dich gern durch die Links, die ich dir hier bereitgestellt habe, und tauche weiter in meine Fünfte ein. Und wenn du das nächste Mal das Finale hörst, achte darauf, wie du die alten Bekannten wiedererkennst.
