Hexentanz bei Mussorgskys Night on Bald Mountain
Der Hörführer

Night on Bald Mountain

Mussorgsky präsentiert einen Hörführer zu Night on Bald Mountain
Ich bin Modest Mussorgsky, und ich heiße euch willkommen im Hörführer zu meiner Night on Bald Mountain. In gut zwölf Minuten zeige ich euch, worauf ihr achten könnt, während sich in der Johannisnacht bei Kiew die Hexen versammeln und der Spuk am Ende langsam verebbt. Wie ihr unsere Stücke schon nach wenigen Takten erkennt, bringen euch meine Komponistenkollegen und ich hier ebenfalls bei, und  ein Versuch im Trainer  lohnt sich gleich.
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Anschnallen, bitte, Notenkenntnisse nicht nötig

Ich sage es gleich vorweg: Um Night on Bald Mountain zu hören, braucht ihr kein Vorwissen, nur Neugier und gut zwölf Minuten Zeit. Achtet zuerst auf die Streicher, denn sie sind das Wetter dieses Stücks, mal ein leiser Windhauch, mal ein ausgewachsener Sturm. Die tiefen Blechbläser wie Posaunen und Tuba sind der Berg selbst, schwer und dunkel, während Piccolo und Flöten als kleine Funken darüber huschen. Und wartet am Ende auf die Glocke und die Harfe, denn die beiden sagen euch ohne ein einziges Wort, dass die Nacht vorbei ist.

Warum der Berg so kahl heißt und trotzdem so gut besucht ist

Der Kahle Berg, auf Russisch Lysa Hora, liegt in der Nähe von Kiew, und nach einer russischen Legende treffen sich dort in der Johannisnacht, vom 23. auf den 24. Juni, die Hexen. Mein erster Titel lautete deshalb St. John's Eve on Bald Mountain, denn genau diese eine Nacht wollte ich in Töne fassen. Passend dazu habe ich die Orchestrierung am 23. Juni 1867 abgeschlossen, also am Vorabend des Johannistags. Ein Titel, der einen Ort und eine Nacht nennt, schien mir ehrlicher als jede lange Erklärung, denn so weiß jeder sofort, wohin die Reise geht.

Weder Sonate noch Rondo, sondern eine Nachtwanderung

Die Form war ein Abenteuer für sich, denn ich wollte keine Sonate und kein Rondo schreiben, sondern eine Tondichtung, die einer Geschichte folgt. Meine Fassung von 1867 hat vier Teile, die wie Szenen nacheinander ablaufen: die Versammlung der Hexen, Satans Zug, die Schwarze Messe und den Sabbat. Die Fassung, die ihr heute meistens hört, hat nach meinem Tod 1886 Rimsky-Korsakov eingerichtet, und er hat ihr einen ruhigen Schluss gegeben. Ich gehe die Teile jetzt der Reihe nach mit euch durch, und es hilft, wenn ihr die Reihenfolge im Hinterkopf behaltet.

Abschnitt 1: Der Berg füllt sich

Ganz am Anfang steht ein dunkles Grollen in der Tiefe, und darüber jagen die Streicher in schnellen Läufen auf und ab, als würde etwas Unsichtbares in Windeseile näher kommen. Dazu mischen sich schrille Rufe der Holzbläser, die wie Pfiffe durch die Dunkelheit fahren. Die Stimmung ist hier noch nicht fröhlich oder traurig, sondern vor allem gespannt, und die Musik wird mit jedem Takt dichter und lauter. Wer an dieser Stelle schon ein wenig Gänsehaut bekommt, hat alles richtig gemacht.

Abschnitt 2: Ein Umzug mit schlechter Laune

Jetzt zieht Satans Gefolge heran, und die Musik wird deutlich wuchtiger und schreitet in schweren Schritten voran. Posaunen und Tuba tragen hier die Hauptlast, die Pauke setzt dunkle Schläge darunter, und die Streicher halten mit kräftigen, scharfen Figuren dagegen. Der Klang ist breiter und finsterer als zuvor, ungefähr so, als hätte jemand im Saal das Licht um einige Stufen heruntergedreht. Achtet darauf, wie bedrohlich die Musik wirkt, obwohl sie nicht einmal besonders schnell ist.

Abschnitt 3: Eine Feier, zu der man lieber nicht eingeladen ist

Mit der Schwarzen Messe wird es langsamer und eigentümlich feierlich, als würde hier eine Zeremonie mit umgekehrten Vorzeichen abgehalten. Die Melodien klingen ernst und gedämpft, und die tiefen Instrumente singen fast wie ein düsterer Choral. Hier merkt ihr besonders gut, dass Tempo nicht gleich Spannung ist, denn gerade das Ruhige macht diesen Teil so unheimlich. Unter der Oberfläche sammelt sich aber schon die Energie für das, was gleich losbricht.

Abschnitt 4: Tanzen, bis das Licht angeht

Dann bricht der Sabbat los, der wildeste Teil des Stücks, mit rasenden Streichern, schreienden Bläsern und Becken, die alles überstrahlen. Die Musik wird immer schneller und ausgelassener, bis man den Eindruck hat, dass sie sich selbst nicht mehr einholen kann. Und dann reißt der Tanz ab, die Glocke schlägt, und es wird leiser und sanfter, mit der Harfe und weichen Streichern, die den Morgen ankündigen. Diesen friedlichen Schluss hat Rimsky-Korsakov mit Musik aus einer Arie des Gritsko aus meiner Oper Sorochintsy Fair gestaltet, und ich finde, er passt erstaunlich gut.

Jetzt seid ihr dran

Nun lade ich euch ein, Night on Bald Mountain selbst zu erleben, also drückt auf Play und lasst euch einfach von der Musik mitnehmen. Wenn ihr hört, denkt gern daran, was wir besprochen haben: den Wind der Streicher, das Gewicht der tiefen Bläser und die Glocke am Schluss. Ich selbst durfte das Stück zu meinen Lebzeiten nie hören, ihr habt es also besser als ich. Ich hoffe, die Reise durch meine Nacht auf dem Kahlen Berg packt euch so sehr, wie sie mich beim Schreiben gepackt hat.
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Hat es euch Spaß gemacht, mehr über den Hörführer zu Night on Bald Mountain zu erfahren? Ich hoffe, ihr hört das Stück jetzt mit etwas anderen Ohren, wenn die Streicher aufwirbeln und am Ende die Glocke den Morgen ankündigt. Und dabei ist längst nicht alles erzählt, denn rund um Night on Bald Mountain gibt es noch viel mehr zu entdecken. Mich selbst hat dieses Stück über Jahre begleitet, und ich habe es immer wieder neu gefasst, ohne es je gehört zu haben. Klickt einfach auf die Links hier auf der Seite, um weiter in Night on Bald Mountain einzutauchen.