Bilderrahmen und Rundgang bei Mussorgskys Pictures at an Exhibition
IX. The Hut on Fowl's Legs (Baba Yaga)
Pictures at an Exhibition

Ich bin Modest Mussorgsky, und jetzt erkläre ich dir den neunten Satz, IX. The Hut on Fowl's Legs (Baba Yaga). Du hörst zuerst Glockenschläge wie von einer großen Uhr, dann jagt die Hexe in ihrem Mörser durch die Luft, und genau dieses Bild bleibt dir danach im Gedächtnis. Von meinen Komponistenkollegen und mir kannst du hier lernen, unsere Stücke beim Hören zu erkennen, und im Trainer probierst du es aus .
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Ein Klavier gegen eine Hexe
Auch für dieses Stück brauchst du nur ein einziges Instrument, nämlich das Klavier, denn die ganze Suite habe ich für Klavier allein geschrieben. Die rechten Töne springen und hämmern wie schwere Schritte, während tief unten in der linken Hand etwas grollt. Achte darauf, dass das Klavier hier kaum singen will, sondern klopft, poltert und scheppert, fast wie ein Schlagzeug mit Tasten. Wenn du also auf Schläge, Wirbel und plötzliche Pausen horchst statt auf eine schöne Melodie, bist du schon mittendrin.Warum bloß eine Hütte auf Hühnerbeinen?
Der Titel geht auf einen Entwurf meines Freundes Viktor Hartmann zurück, nämlich auf eine Uhr in Gestalt jener Hütte, in der die Hexe Baba Yaga wohnt. Diese Hütte steht auf Hühnerbeinen, und genau das macht sie so unheimlich, weil man ihr zutraut, dass sie jederzeit aufsteht und davonstakst. Die Hexe selbst habe ich selbst dazugegeben, denn in meiner Musik jagt sie in einem Mörser durch die Luft. So wird aus einer Uhr eine Verfolgungsjagd, und bei diesem Stück möchte man lieber gar nicht wissen, was die Stunde geschlagen hat.Drei Teile und ein Nachschlag
Die Form war bei diesem Stück schnell gefunden, und sie ist weder eine Sonate noch ein Rondo, sondern ein dreiteiliges Stück mit einem Anhang, den man Coda nennt. Zuerst kommt ein wilder Teil, dann ein ruhigerer und geheimnisvollerer, und danach kehrt der wilde Teil zurück, was Musiker eine ABA-Form nennen. Zum Schluss hänge ich die Coda an, die das Ganze noch einmal zuspitzt, bevor die Suite mit The Great Gate of Kiev weitergeht. Ich führe dich jetzt der Reihe nach durch diese vier Stationen, und du musst dafür nichts über Tonarten wissen, sondern nur zuhören.Abschnitt 1: Die Jagd beginnt
Gleich zu Beginn geht es im Zweivierteltakt los, also mit einem harten, immer wieder vorwärtsdrängenden Zweierschritt, der dir keine Zeit zum Einrichten lässt. Dazwischen hörst du Töne, die an die Glocken einer großen Uhr erinnern, und darunter wirbelt etwas, das sich wie ein Wind hinter dir anfühlt. Die Stimmung ist von der ersten Sekunde an bedrohlich, denn es gibt keine Atempause und keine freundliche Melodie, an der du dich festhalten könntest. Du erlebst hier, wie die Hexe aufbricht, und die Musik treibt sie mit fast mechanischer Wucht voran.Abschnitt 2: Ein Blick in die Hexenstube
Im Mittelteil verlässt mich der Lärm, und die Musik wird leiser, langsamer und viel geheimnisvoller. Jetzt klingt es, als würde sich jemand auf Zehenspitzen durch ein dunkles Haus bewegen, in dem man nicht erwischt werden möchte. Die Klänge hängen unheimlich in der Luft, und gerade diese Stille ist beunruhigender als der Krach davor. Die Stimmung kippt also von der offenen Jagd in eine dunkle Märchenstimmung, und du ahnst, dass die Hexe nur Atem holt.Abschnitt 3: Alles auf Anfang, nur schlimmer
Dann kehrt der wilde Teil zurück, und du erkennst die schweren Schläge und die Glockenmotive sofort wieder. Das ist der Moment, in dem die Ruhe aus dem Mittelteil platzt wie eine Seifenblase, und der Zweiertakt packt dich erneut am Kragen. Weil du die Musik nun schon kennst, hörst du genauer hin und merkst, wie der Druck noch einmal steigt. Die Verfolgung läuft jetzt auf einen Höhepunkt zu, bei dem die Hexe in ihrem Mörser kaum noch zu bremsen ist.Abschnitt 4: Die Coda mit Vollgas
In der Coda werfe ich noch einmal alles auf die Tasten, was das Klavier an Wucht hergibt. Die Töne rasen nach oben und unten, die Schläge werden dichter, und die Energie des ganzen Stückes entlädt sich auf einen Schlag. Hier endet die Jagd mit einem Knall, nicht mit einem sanften Ausklingen, und die Stimmung bleibt bis zum letzten Ton gefährlich. Wenn der Lärm verklungen ist, ist die Bühne frei für das große Tor von Kiev, das nach all dem Gepolter fast wie eine Erlösung wirkt.Jetzt bist du dran
Jetzt lade ich dich ein, Baba Yaga selbst zu erleben, und du musst dafür nur auf die Play-Taste drücken. Lass dich einfach von der Musik mitreißen und denk beim Zuhören an das, was wir besprochen haben, an die Glocken, die Stille in der Mitte und den Knall am Ende. Du musst nichts Besonderes können und nichts Besonderes wissen, denn die Hexe findet dich auch so. Ich hoffe, dass dich die Reise durch meine Hütte auf Hühnerbeinen so packt, wie sie mich beim Komponieren gepackt hat.---
Ich hoffe, dir hat dieser Streifzug durch die Baba Yaga, also durch IX. The Hut on Fowl's Legs (Baba Yaga) aus Pictures at an Exhibition, gefallen. Wenn die Hexe in ihrem Mörser davongebraust ist, bleibt die Frage, was du als Nächstes hören möchtest, denn von hier aus führt der Weg direkt weiter zu The Great Gate of Kiev. Ich habe dir längst nicht alles über Pictures at an Exhibition erzählt, und gerade bei den Bildern, die Viktor Hartmann gemalt hat und von denen die meisten verloren sind, bleibt noch manches zu entdecken. Auch die Frage, wie dieselbe Suite klingt, wenn Maurice Ravel sie 1922 für Orchester einrichtet oder wenn andere sie in ganz neue Klangfarben kleiden, ist einen Umweg wert. Klick dich also gern durch die Links hier auf der Seite und entdecke weitere Seiten zu Pictures at an Exhibition, damit du die Suite beim nächsten Hören noch besser wiedererkennst.
