Bilderrahmen und Rundgang bei Mussorgskys Pictures at an Exhibition
Die Hintergründe
Pictures at an Exhibition

Ich bin Modest Mussorgsky, und hier erzähle ich dir die Vorgeschichte meiner Pictures at an Exhibition. Du erfährst, wie aus meiner Trauer um einen verstorbenen Freund im Juni 1874 in nur wenigen Wochen eine ganze Suite für Klavier wurde, und danach hörst du jeden Satz mit anderen Augen. Auf dieser Seite lernst du außerdem von meinen Komponistenkollegen und mir, unsere Stücke zu erkennen, und im Trainer kannst du das ausprobieren .
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Ein Freund, der zu früh ging
Viktor Hartmann war Maler, und als er am 4. August 1873 starb, war er gerade einmal 39 Jahre alt. Ein Aneurysma hat ihn mitten aus dem Leben gerissen. Solche Nachrichten lassen einen nicht mehr los, und bei mir ist daraus mit der Zeit Musik geworden. Andere hätten einen Nachruf geschrieben, aber ich bin nun einmal Komponist und setze mich dann eben ans Klavier.Vierhundert Bilder und ein Rundgang
Unser gemeinsamer Freund, der Kritiker Vladimir Stasov, hat im Februar und März 1874 eine Gedächtnisausstellung für Hartmann auf die Beine gestellt. Sie fand in der Kaiserlichen Akademie der Künste in Sankt Petersburg statt und zeigte mehr als 400 Werke. Zwei der Bilder an den Wänden hatte ich selbst als Leihgabe beigesteuert. Ich bin natürlich auch hingegangen, und was ich dort gesehen habe, hat mich lange beschäftigt.Ganz oben und trotzdem allein
Im Januar 1874 wurde meine Oper Boris Godunov auf die Bühne gebracht, und beruflich war das der Höhepunkt meines Lebens. Trotzdem ging es mir nicht besonders gut, denn zum Mächtigen Häuflein, also dem Kreis meiner Komponistenkollegen, hatte ich inzwischen Abstand. Dazu kamen Kritiker, die mir nicht wohlgesonnen waren und bei denen ich mich ständig überschattet fühlte. Umso mehr hat es mir bedeutet, dass mir die Erinnerung an einen Freund und seine Bilder wieder einen klaren Gedanken geschenkt hat.Drei Wochen im Juni
Geschrieben habe ich das Ganze im Juni 1874, und zwar erstaunlich schnell, nach den Angaben von IMSLP zwischen dem 2. und dem 22. Juni. Fünf Tage nach der Fertigstellung habe ich eine Widmung an Stasov niedergeschrieben, denn ihm ist die Suite gewidmet. Einen Monat später habe ich angedeutet, dass ich das Werk auch veröffentlichen möchte. Für gut 35 Minuten Musik ist das eine Arbeitszeit, bei der heute mancher schon beim Wäschewaschen länger braucht.Zehn Räume und ein langer Flur
Ein Satz ist ein in sich abgeschlossener Abschnitt eines größeren Werks, ungefähr wie ein Raum in einem Museum, den du durchquerst, bevor du den nächsten betrittst, und meine Suite für Klavier allein hat zehn solcher Räume. Dazwischen taucht immer wieder die Promenade auf, der Flur, auf dem du von Raum zu Raum gehst, und die Räume selbst heißen zuerst Gnomus, dann Il vecchio castello, Tuileries, Bydlo und Ballet of the Unhatched Chicks. Danach folgen Samuel Goldenberg and Schmuyle, Limoges, dann Catacombae mit dem anschließenden Abschnitt Cum mortuis in lingua mortua und schließlich The Hut on Fowl's Legs, besser bekannt als Baba Yaga. Den letzten Raum bildet The Great Gate of Kiev, ein Tor, das Hartmann für einen Wettbewerb entworfen hat und das zwar gewann, aber nie gebaut wurde.Ein Museumsführer ohne Museum
Die meisten von Hartmanns Bildern sind inzwischen verloren, und deshalb weiß man oft nicht genau, welches Werk ich vor Augen hatte. Alfred Frankenstein hat in einem Aufsatz in The Musical Quarterly 1939 immerhin sieben Bilder herausgefunden. Bei Gnomus nimmt man an, dass der Entwurf eine Nussknacker-Figur war, sicher ist das aber nicht. Wer also meine Gnome sucht, muss sich mit einer Vermutung und mit der Musik begnügen.Ein Karren und ein paar Kanarienvögel
In Bydlo rollt ein polnischer Karren auf riesigen Rädern heran, und in meiner Handschrift beginnt er laut und verklingt im dreifachen Piano, als würde er in der Ferne verschwinden. Rimsky-Korsakov hat das in seiner Ausgabe umgedreht, und Ravel ist ihm später darin gefolgt. Bei den Küken im Ballet of the Unhatched Chicks wiederum gibt es ein Missverständnis, denn Hartmann hat Kostüme für das Ballett Trilby entworfen, das 1871 in Sankt Petersburg aufgeführt wurde. Dort waren die kleinen Tänzer Kanarienvögel, was dem Stück aber nichts von seiner Leichtigkeit nimmt.Gedruckt, aber nicht ganz richtig
Zu meinen Lebzeiten ist die Suite nicht erschienen, die erste Ausgabe kam erst 1886 heraus, fünf Jahre nach meinem Tod. Rimsky-Korsakov hat sie herausgegeben, und der Verlag war V. Bessel & Co. in Sankt Petersburg. Leider haben sich dabei Fehler und Fehllesungen eingeschlichen, die Pavel Lamm 1931 mit seiner Ausgabe nach der Handschrift wieder korrigiert hat. Das Manuskript selbst wurde 1975 als Faksimile veröffentlicht, sodass heute jeder nachsehen kann, was ich wirklich aufgeschrieben habe.Ein Franzose zieht dem Klavier ein Orchester an
Dirigent Serge Koussevitzky hat 1922 Maurice Ravel beauftragt, meine Klavierstücke für Orchester zu setzen, und die Uraufführung dirigierte er am 19. Oktober 1922 in Paris. Ravels Fassung ist bis heute die beliebteste im Konzert und auf Platte, auch wenn sie die fünfte Promenade weglässt. Sie war keineswegs die erste, denn schon 1891 gab es eine von Tushmalov mit nur sieben Bildern, später kamen unter anderem Henry Wood 1915 und Stokowski 1939. Das Original bleibt aber die Fassung für Klavier allein, und wer sie einmal gehört hat, hört auch in jedem Orchester noch die Tasten mit.Vom Konzertsaal in den Verstärker
Später haben sich sogar Rockmusiker an meinen Bildern versucht, etwa Emerson, Lake & Palmer, und Isao Tomita hat daraus elektronische Musik gemacht. Die Band Mekong Delta hat die Suite sogar in eine Metal-Version verwandelt. Mein Freund Golenishchev-Kutuzov berichtet, dass meine Anhänger das Werk lobten, während andere Komponisten ratlos waren, auch wenn man seinen Worten vielleicht nicht ganz trauen darf. Dass die Musik heute trotzdem in so vielen Gestalten weiterlebt, hätte mich damals sehr gefreut.---
Wenn ich heute auf diese Geschichte zurückschaue, ist aus der Trauer um Viktor Hartmann ein ganzer Rundgang aus Klang geworden. Gewidmet habe ich ihn meinem Freund Stasov, der die Ausstellung erst möglich gemacht hat. Gedruckt wurde das Ganze allerdings erst 1886, fünf Jahre nach meinem Tod. Ich habe die Bilder für ein einziges Klavier geschrieben, und trotzdem hat Maurice Ravel ihnen 1922 ein ganzes Orchester an die Seite gestellt. Das zeigt mir, wie viel Raum in so einer Ausstellung steckt, wenn man sie nur von einer anderen Seite betrachtet. Hat dir der Blick hinter die Kulissen von Pictures at an Exhibition gefallen? Es gibt noch viel mehr zu entdecken, zum Beispiel die einzelnen Bilder mit ihren ganz eigenen Stimmungen und die vielen Bearbeitungen, die später entstanden sind. Klick dich gern durch die Links hier auf der Seite und geh noch ein Stück weiter durch die Ausstellung.
