Auf Nymphenjagd bei Delibes' Sylvia
Die Hintergründe

Sylvia, ou La nymphe de Diane, ballet in three acts (1876)

Delibes erzählt die Hintergründe zu Sylvia
Ich bin Delibes, und hier erzähle ich dir die Vorgeschichte meines Balletts Sylvia. Du erfährst, dass Sylvia 1876 an der Pariser Oper zunächst nur mäßigen Erfolg hatte, und gerade dieser stille Start macht die Geschichte dahinter so lohnend. Hier auf der Seite bringen wir Komponisten dir übrigens auch bei, unsere Stücke zu erkennen, und wenn du magst, versuchst du es gleich  mit dem Trainer .
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Kein Opernabend, auch wenn alle das denken

Sylvia ist ein Ballett in drei Akten, und trotzdem hält mich manch einer für den Komponisten einer Oper, weil ich auch welche geschrieben habe. Der vollständige Titel lautet Sylvia, ou La nymphe de Diane, und er verrät schon, dass hier eine Nymphe im Dienst der Göttin Diana im Mittelpunkt steht. Auf der Bühne wird nicht gesungen, sondern getanzt, die Geschichte erzählt sich also allein durch Bewegung und Musik. Das ist eine hübsche Aufgabe für einen Komponisten, denn wenn die Tänzer schweigen, muss das Orchester für alle mitreden.

Der Schüler vom Schöpfer der Giselle

Ich wurde 1836 geboren und lernte am Pariser Conservatoire bei Adolphe Adam, der selbst das berühmte Ballett Giselle geschrieben hat. Später arbeitete ich als Chorleiter an der Pariser Oper, ich kannte das Haus also von innen, lange bevor dort ein Stück von mir auf dem Programm stand. Dabei habe ich viel darüber gelernt, wie Tänzer atmen, wann sie Schwung brauchen und wann eine Pause. Dieses Wissen steckt in jedem Takt von Sylvia, auch wenn man es der Musik nicht sofort anhört.

Der zweite Streich nach Coppélia

Mit Coppélia hatte ich 1870 schon ein Ballett herausgebracht. Danach lag die Latte natürlich hoch, und ich wollte nicht einfach noch einmal dasselbe schreiben. Mit ihrer Geschichte aus der antiken Götterwelt ist Sylvia ein ganz anderes Werk geworden. Sechs Jahre nach Coppélia war es dann so weit, und ich konnte mein neues Werk dem Pariser Publikum zeigen.

Ein Sommerabend im Palais Garnier

Die Uraufführung fand am 14. Juni 1876 an der Pariser Oper im Palais Garnier statt, in einem Saal, der selbst schon aussieht wie eine goldene Torte. Die Choreografie stammte von Louis Mérante, der außerdem selbst den Schäfer Aminta tanzte. Die Titelrolle übernahm Rita Sangalli, und sie musste den ganzen Abend zwischen Jagdlust und Verwirrung der Gefühle hin- und herwechseln. Wie es ihr dabei erging, will ich noch nicht verraten, aber an Aufregung hat es an diesem Abend nicht gefehlt.

Ein Schäfer, ein Dichter und zwei Textschreiber

Die Vorlage für das Ganze ist ein altes Schäferspiel mit dem Titel Aminta von Torquato Tasso. Daraus machten Jules Barbier und Baron de Reinach das Libretto, also die Handlung, auf der die Tänzer ihre Schritte aufbauen. Es geht um eine Nymphe, die von der Liebe nichts wissen will, und um einen Schäfer, der sich ausgerechnet in sie verguckt hat. Was der Gott der Liebe von solcher Sturheit hält, behalte ich lieber für mich, denn sonst verderbe ich dir den Abend.

Nicht gleich der große Jubel

Wer glaubt, Sylvia sei sofort ein Triumph gewesen, den muss ich enttäuschen, denn der Erfolg war zunächst nur mäßig. Wie kühl oder wie warm die Kritiker wirklich waren, darüber gehen die Berichte bis heute auseinander. Ich nehme das gelassen, denn manche Musik braucht eben ein bisschen länger, bis sie ihre Zuhörer gefunden hat. Und gefunden hat sie sie, das darf ich dir versichern.

Ein Lob aus Russland

Im Jahr 1877 schrieb Tchaikovsky, Sylvia sei das erste Ballett, in dem die Musik nicht nur die Hauptsache, sondern das einzige Interesse sei. Das ist ein Kompliment, das man als Komponist gerne einrahmt, auch wenn es die Tänzer vielleicht ein wenig kränken könnte. Es heißt außerdem, er habe sich geärgert, mein Ballett nicht früher gekannt zu haben, bevor er Schwanensee schrieb, aber ob er das wirklich so gesagt hat, weiß niemand genau. Schön finde ich die Geschichte trotzdem, denn sie zeigt, wie aufmerksam ein Kollege damals zugehört hat.

Was alles im Orchestergraben sitzt

Für Sylvia habe ich ein volles Orchester aufgeboten, mit Holzbläsern, Blechbläsern, Schlagwerk, Harfe und Streichern. Gerade die Harfe gibt dem Ganzen ein feines Funkeln, das man sofort mit Wäldern, Quellen und Göttinnen verbindet. Gedruckt wurde die Partitur in Paris beim Verlag Heugel. Ich hoffte darauf, dass meine Musik auch außerhalb des Tanzsaals ein Zuhause findet.

Vier Stücke für den Konzertsaal

Diese Hoffnung hat sich erfüllt, denn 1880 entstand aus dem Ballett eine Orchestersuite mit vier Nummern. Sie enthält das Prélude mit den Jägerinnen, das Intermezzo mit der Valse lente, die Pizzicati und zum Schluss den Cortège de Bacchus. Dieser Festzug stammt aus dem dritten Akt und bildet den glanzvollen Abschluss, bei dem das ganze Orchester noch einmal aufdreht. Wer ihn hört, versteht sofort, dass hier gefeiert wird, auch wenn er keine Ahnung hat, wem das Fest eigentlich gilt.

Das Ballett kommt nach England

Im Jahr 1952 schuf Frederick Ashton für das Royal Ballet eine neue Sylvia, die am 3. September im Royal Opera House Premiere hatte. Getanzt wurde sie von Margot Fonteyn und Michael Somes, zwei Namen, die für das englische Ballett fast so etwas wie Gütesiegel waren. So kam mein Werk lange nach meinem Tod, ich starb 1891, noch einmal zu großen Ehren. Ob die stolze Nymphe am Ende wirklich bei ihrem Schäfer landet, hörst und siehst du am besten selbst.
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Damit sind wir am Ende meiner Geschichte über Sylvia angekommen, und ich schaue gern noch einmal darauf zurück. Hat dir der Blick hinter die Kulissen von Sylvia gefallen? Als ich das Ballett 1876 in Paris auf die Bühne brachte, war der Erfolg zunächst nur mäßig, und ich habe damals nicht geahnt, wie lange diese Musik die Menschen begleiten würde. Ein Jahr später lobte Tchaikovsky sie auf eine Weise, die mir viel bedeutet hat, weil er die Musik darin so hoch schätzte. Und doch habe ich dir längst nicht alles erzählt, denn an Sylvia gibt es noch vieles zu entdecken. Man kann der Handlung von Akt zu Akt folgen, man kann jedes Stück einzeln hören und darauf achten, wie das Orchester die Geschichte erzählt, oder man kann sich einfach treiben lassen, wie bei einem Spaziergang durch den heiligen Wald, in dem hinter jeder Biegung eine neue Melodie wartet. Wenn du neugierig geworden bist, klick gern auf die Links unten, dort findest du weitere Wege zu meiner Sylvia. Ich würde mich freuen, wenn du danach auch beim nächsten Hören etwas Neues in dieser Musik entdeckst.