Säbelrasseln bei Khachaturians Gayane
Die Hintergründe

Gayane, ballet in four acts (1942)

Khachaturian erzählt die Hintergründe zu Gayane
Ich bin Aram Khachaturian, und das hier ist die Vorgeschichte zu meinem Ballett Gayane. Du erfährst, wie das Kirov-Ballett Gayane im Dezember 1942 mitten im Krieg in Perm uraufgeführt hat, und danach nimmst du die Musik ganz anders wahr. Wenn du magst, kannst du gleich  den Trainer ausprobieren , denn hier zeige ich dir zusammen mit meinen Komponistenkollegen, wie du unsere Stücke erkennst, sobald sie erklingen.
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Ein Ballett mit Namenswechsel

Ich habe Gayane nicht unter diesem Namen begonnen, denn mein Ballett hieß zuerst Happiness. Das war 1939, und wie so oft bei mir blieb es nicht bei der ersten Fassung. Ich habe die Musik umgearbeitet, bis ein neues Stück daraus wurde, und das trägt nun den Namen Gayane. Von 1939 bis 1942 hat mich diese Arbeit begleitet, länger als manche Ehe in einem Ballett hält.

Hausaufgaben in Armenien

Im Jahr 1939 war ich lange in Armenien unterwegs, um die dortigen Volkstraditionen zu erforschen. Das fühlte sich für mich ein bisschen nach Heimreise an, auch wenn ich streng genommen gar nicht dort geboren bin. Ich bin Armenier, aber 1903 kam ich bei Tiflis in Georgien zur Welt. In Armenien habe ich zugehört wie ein Schüler, und was ich dort gehört habe, steckt bis heute in meinen Tänzen.

Kein Sonnenurlaub

Wer glaubt, ich hätte Gayane gemütlich in einer sonnigen Sommerfrische geschrieben, den muss ich enttäuschen. Die Fassung von 1941 bis 1942 entstand mitten im Krieg, mit einem Libretto von Konstantin Derzhavin und einer Choreografie von Nina Anisimova. Ein Ballett braucht eigentlich Zeit, Platz und viel Geduld, und von allem war damals nur wenig da. Wir haben trotzdem weitergearbeitet, weil die Musik nun einmal fertig werden wollte.

Uraufführung auf der Durchreise

Uraufgeführt wurde das Ballett im Dezember 1942 in Perm, und zwar vom Kirov-Ballett, das wegen des Krieges dorthin ausgewichen war. Die Stadt hieß damals übrigens Molotov, wer sie heute auf einer alten Karte sucht, braucht also etwas Geduld. Natalia Dudinskaya tanzte die Gayane, und Konstantin Sergeyev war ihr Bruder Armen. Für die Bühne und die Kostüme sorgten Nathan Altman und Tatyana Bruni, sodass das Ganze auch in schweren Zeiten gut aussah.

Ein Hof mit Geheimnissen

Die Geschichte spielt auf einer Kolchose, also auf einem großen gemeinsamen Bauernbetrieb, wie es sie in der Sowjetunion gab. Wo genau dieser Hof liegt, darüber gehen die Meinungen auseinander: Die eine Quelle nennt die georgische Grenze, die andere Sowjetarmenien. Sicher ist nur, dass Gayane in ihrer Ehe nicht glücklich ist. Mehr verrate ich nicht, aber auf diesem Hof bleibt ein Geheimnis nicht lange ein Geheimnis.

Ein Tanz in Rekordzeit

Zum Sabre Dance gibt es eine Geschichte, die man sich gern erzählt: Der Direktor des Kirov wollte noch einen letzten Tanz haben. Ich soll ihn in elf Stunden geschrieben haben, und innerhalb von zwei Tagen sei er orchestriert, einstudiert und auf der Bühne gewesen. Das ist eine Überlieferung, ob es wirklich so war, weiß niemand genau, und ich lasse sie einfach stehen. Der Name hat übrigens nichts mit einem Schwertkampf zu tun, denn in diesem Tanz zeigen die Tänzer ihr Geschick mit dem Säbel.

Der Orchesterapparat

Für Gayane habe ich ein großes Orchester gebraucht, mit dreifachen Holzbläsern, Saxophon, Celesta und gleich zwei Harfen. Dazu kommen die armenischen Schlaginstrumente doli und daira, die dem Klang seine Heimat geben. Wenn so viele Musiker zugleich loslegen, hat das Orchester Farben, die ein einzelnes Klavier nie zusammenbrächte. Gerade deshalb klingen die Tänze, als würde ein ganzes Dorf mit ins Konzert kommen.

Preise, Rügen und neue Fassungen

1943 bekam ich für Gayane den Stalinpreis erster Klasse, und das war eine große Ehre. Fünf Jahre später, 1948, kritisierten mich die sowjetischen Behörden als formalistischen Komponisten, und ich schwor dem Formalismus ab. Mein Ballett habe ich 1952 und noch einmal 1957 überarbeitet. Dabei haben sich Figuren und Handlung verändert, deshalb erzähle ich dir alles nur so, wie es im ursprünglichen Libretto stand.

Ruhe zwischen den Säbeln

Wer nur den wilden Teil von Gayane kennt, sollte unbedingt das Adagio hören. Es ist nur für Streicher geschrieben und klingt ganz weit und ruhig. 1968 hat Stanley Kubrick es in seinem Film 2001: A Space Odyssey verwendet. Ich hatte beim Komponieren eher einen Bauernhof als den Weltraum im Kopf, aber die Musik scheint sich in beiden Welten wohlzufühlen.

Mein lautes Lieblingskind

Im Jahr 1963 habe ich den Sabre Dance ein ungezogenes, lärmendes Kind in meiner musikalischen Familie genannt. Ich habe sogar gesagt, ich hätte ihn nicht geschrieben, wenn ich gewusst hätte, wie berühmt er wird. Und es wurde noch bunter, denn 1968 kam eine Rockversion von Love Sculpture bis auf Platz 5 der britischen Charts. So hat ein Tanz aus einem Ballett, das ich mitten im Krieg fertigstellte, am Ende sogar die Popmusik erobert.
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Ich hoffe, die Geschichte hinter Gayane hat dir gefallen. Hast du gern erfahren, wie aus Happiness mitten im Krieg ein Ballett wurde, das in Perm zum ersten Mal auf der Bühne stand? Mich freut es immer, wenn jemand beim nächsten Hören von Gayane ein wenig mehr hinter den Noten entdeckt. Dabei gibt es noch vieles, das wir nicht angeschaut haben, etwa die Handlung auf der Kolchose, die Instrumente mit ihrem armenischen Klang oder die Frage, wie meine Musik in ganz andere Welten gewandert ist. Der Sabre Dance zum Beispiel hat später sogar als Rockversion die Hitparade erobert, und das hätte ich damals ganz bestimmt nicht gedacht. Wenn du neugierig geworden bist, klick dich doch durch die Links unten und hör dich weiter in Gayane hinein. Ich freue mich, wenn du bald wiederkommst.