Säbelrasseln bei Khachaturians Gayane
Die Handlung in Kürze
Gayane, ballet in four acts (1942)

Ich bin Aram Khachaturian, und hier fasse ich dir die Handlung meines Balletts Gayane zusammen. Du erfährst, wie Gayane im ursprünglichen Libretto auf einer Kolchose den Verrat ihres Mannes Giko entdeckt und die Geschichte trotzdem mit einem großen Hochzeitsfest endet. Sobald du die Handlung kennst, kannst du dich im Trainer testen , denn dort lernst du von mir und meinen Komponistenkollegen, unsere Stücke zu erkennen, wenn sie erklingen.
---
Gayane entschlüsselt: Eine Kolchose, ein Verräter und drei Hochzeiten
Stell dir eine Kolchose vor, auf der Baumwolle geerntet wird, und mittendrin eine Frau, die mit dem falschen Mann verheiratet ist. Daraus habe ich mein Ballett Gayane gemacht, vier Akte voller Verrat, Mut und Liebe, die am Ende in gleich drei Hochzeiten münden. Entstanden ist es aus meinem früheren Ballett Happiness, und uraufgeführt wurde es im Dezember 1942 in Perm, das damals Molotov hieß und wohin das Kirov-Ballett wegen des Krieges ausgewichen war. Ich führe dich jetzt Akt für Akt durch die Geschichte, und du wirst sehen, wie viel passieren kann, obwohl in einem Ballett kein einziges Wort gesungen wird.Die Besetzung: Heldin, Halunke und der Mann fürs Happy End
Gayane, die Heldin: Sie ist mit Giko unglücklich verheiratet, und diese Last trägt sie durch das ganze Ballett. Als sie entdeckt, dass ihr Mann das Land verrät, geraten ihre patriotischen Überzeugungen mit ihren Gefühlen in Streit. Dieser Zwiespalt treibt die Handlung an, und bei der Uraufführung tanzte Natalia Dudinskaya diese Rolle.Giko, der Unruhestifter: In der ursprünglichen Fassung des Librettos ist er Trinker, Brandstifter und Schmuggler von öffentlichem Geld. Faul ist er außerdem, und schon bei der Baumwollernte sorgt er für Ärger. Er ist der Bösewicht des Balletts, und alles, was Gayane belastet, geht von ihm aus. Mitleid verdient er kaum.
Kazakov, der Mann mit dem richtigen Timing: Kazakov ist kein Schurke, sondern in der ursprünglichen Fassung des Librettos der Mann, der die Schmuggler festnimmt. Er tritt im dritten Akt auf, als es höchste Zeit ist, und im vierten Akt heiratet er Gayane. Er ist sozusagen die Ruhe nach dem Sturm.
Armen, der Bruder: Armen ist Gayanes Bruder und steht im dritten Akt im Mittelpunkt, als es in den Bergen gefährlich wird. Am Ende heiratet er die kurdische Aishe. Bei der Uraufführung tanzte ihn Konstantin Sergeyev, und seine Variation hat es später in meine Konzertsuiten geschafft.
Die zweite Reihe: Verehrer, Nebenfiguren und ein ganzes Orchester
Aishe und Izmail, ein Mädchen und ihr Verehrer: Der dritte Akt führt in die Berge, in die Nähe einer kurdischen Siedlung, und dort begegnen wir dem kurdischen Mädchen Aishe und ihrem Verehrer Izmail. Am Ende heiratet Aishe jedoch Armen. Ihr Tanz, Ayesha's Dance, hat es in meine Konzertsuiten geschafft, und zwar mit Recht.Karen und Nune, das dritte Paar: Die beiden gehören zu den Nebenfiguren, doch sie machen die Schlussfeier erst vollständig. Im vierten Akt heiratet Karen Nune, neben Gayane und Kazakov sowie Armen und Aishe. So kommen drei Brautpaare zusammen, und das ist mehr Romantik, als man von einer Kolchose erwartet.
Die Kolchose, der Schauplatz: Die Handlung spielt auf einer Kolchose, also einem Landwirtschaftsbetrieb, den die Bauern gemeinsam bewirtschaften. Wo sie genau liegt, darüber sind sich die Quellen uneins: Die einen nennen die georgische Grenze, die anderen Sowjetarmenien. Dort wird Baumwolle geerntet, dort steht das Lagerhaus, und dort feiert man am Ende gleich drei Hochzeiten.
Das Orchester, der unsichtbare Mitspieler: Auch das Orchester spielt mit. Ich habe für Gayane ein großes Orchester mit Saxophon, Celesta und zwei Harfen aufgeboten, dazu die armenischen Schlaginstrumente doli und daira. So klingt das Ballett gleichzeitig nach Volksfest und Sinfonieorchester, und die Musik erzählt dort weiter, wo die Tänzer aufhören.
Akt 1: Baumwolle, Ärger und ein Mann, der lieber liegen bleibt
Die Ernte beginnt: Der erste Akt führt uns mitten in die Baumwollernte auf der Kolchose. Die Menschen packen gemeinsam an, und die Musik soll sich anfühlen wie ein Arbeitstag, an dem die Laune trotzdem gut bleibt. Ich habe dafür die Volkstraditionen genutzt, die ich 1939 in Armenien erforscht hatte.Giko macht Ärger: Gayanes fauler Ehemann Giko sorgt für Ärger, und zwar nicht zum letzten Mal. In der ursprünglichen Fassung des Librettos trinkt er und ist zu weit Schlimmerem fähig, als nur die Arbeit zu scheuen. Schon hier spürt man, dass diese Ehe unglücklich ist und die Geschichte nicht heiter bleiben wird.
Der Vorhang hebt sich: Als das Ballett in Perm zum ersten Mal erklang, hatten Konstantin Derzhavin das Libretto und Nina Anisimova die Choreografie geliefert. Nathan Altman schuf das Bühnenbild und Tatyana Bruni die Kostüme, die schon im ersten Akt das Dorfleben zum Leben erweckten. Mitten im Krieg ein Fest für die Augen.
Die Weichen sind gestellt: Nach dem ersten Akt weiß man, woran man ist: Gayane ist unglücklich verheiratet, Giko ist kein Mann, dem man traut, und die Gemeinschaft hält zusammen. Das reicht, damit der zweite Akt ernst machen kann, und genau das tut er. Man ahnt: Das wird kein ruhiger Tag auf der Kolchose.
Akt 2: Ein Geheimnis, das nach Rauch riecht
Gayane entdeckt den Plan: Im zweiten Akt findet Gayane heraus, dass Giko mit Schmugglern gemeinsame Sache macht. Sie wollen Geld veruntreuen und das Lagerhaus anzünden. Ab diesem Moment ist aus einer unglücklichen Ehe ein Fall von Verrat geworden. Das ist der Wendepunkt der ganzen Geschichte.Herz gegen Überzeugung: Jetzt prallen in Gayane zwei Dinge aufeinander: ihre patriotische Überzeugung und ihre Gefühle für den Mann, mit dem sie verheiratet ist. Im Ballett sagt niemand ein Wort, deshalb muss die Musik diesen Zwiespalt allein ausdrücken. Wer Gayane zusieht, spürt, wie schwer ihr diese Erkenntnis fällt.
Eine kleine Anmerkung zur Fassung: Die Handlung, die ich dir erzähle, folgt der ursprünglichen Fassung des Librettos. Das Ballett wurde 1952 und noch einmal 1957 überarbeitet, und dabei unterscheiden sich Figuren und Handlung von Fassung zu Fassung. Wer also anderswo eine andere Version sieht, hat sich nicht getäuscht.
Was nun?: Am Ende des zweiten Akts weiß Gayane etwas, das sie nicht mehr vergessen kann. Der Plan ist gefährlich, denn das Lagerhaus ist in Gefahr. Die Spannung, die sich jetzt aufgebaut hat, entlädt sich im dritten Akt, der uns in die Berge führt.
Akt 3: Berge, Banditen und ein Auftritt im letzten Moment
Auf in die Berge: Der dritte Akt spielt in den Bergen, in der Nähe einer kurdischen Siedlung. Dort treffen wir Gayanes Bruder Armen, das Mädchen Aishe und ihren Verehrer Izmail. Die Musik bekommt hier einen anderen Klang als auf der Kolchose, weil eine andere Welt beginnt.Der Überfall: Dann greifen Giko und seine Bande an. Wen Giko dabei angreift, darüber gehen die Berichte auseinander: Nach der einen Quelle will er Armen töten, nach der anderen sticht er Gayane nieder. Sicher ist nur, dass hier das Unheil ausbricht, das sich seit dem zweiten Akt angekündigt hat.
Kazakov kommt rechtzeitig: Im letzten Augenblick erscheint Kazakov und nimmt die Schmuggler fest. Damit ist Gikos Treiben beendet, und die Last, die auf Gayane liegt, wird leichter. Als Zuschauer darf man hier endlich ausatmen, so wie nach einem langen Gewitter. Das ist die Wende dieses Akts.
Der Weg zum guten Ende: Mit der Festnahme liegt der Weg zu einem guten Ende offen. Der Ehemann, der Gayane so lange belastet hat, ist aus dem Spiel, und die jungen Leute dürfen wieder an die Zukunft denken. Bis zur Feier vergeht allerdings noch ein Jahr, denn der vierte Akt spielt erst danach.
Akt 4: Hochzeitsglocken, Säbel und ein neues Lagerhaus
Ein Jahr später: Der vierte Akt springt ein Jahr weiter und führt uns zurück auf die Kolchose. Das wiederaufgebaute Lagerhaus wird feierlich eingeweiht, und die Gemeinschaft hat das Unheil hinter sich gelassen. Das Ballett endet nicht in Trauer, sondern in einem Fest, und das hört man sofort.Drei Paare, drei Hochzeiten: Gleich drei Paare heiraten: Gayane und Kazakov, Armen und Aishe sowie Karen und Nune. Für Gayane bedeutet das ein neues Glück nach der unglücklichen Ehe mit Giko. Dass die Heldin am Ende den Mann heiratet, der die Schmuggler festgenommen hat, ist die Pointe dieser Geschichte.
Ein Tanz in letzter Minute: Zur Hochzeitsfeier gehören Volkstänze mehrerer Völker, und mittendrin steht der Sabre Dance. Die Geschichte geht so: Der Direktor des Kirov-Balletts wollte noch einen Tanz, und ich soll ihn in elf Stunden geschrieben haben. Innerhalb von zwei Tagen sei er instrumentiert, einstudiert und geprobt gewesen, heißt es, doch bestätigen kann das heute niemand.
Vom Preis zum Welterfolg: Für Gayane bekam ich 1943 den Stalinpreis erster Klasse. Der Sabre Dance wurde später sogar ein Hit, als Love Sculpture ihn 1968 in einer Rockversion auf Platz 5 der britischen Charts brachte. Im selben Jahr erklang mein Adagio, ein Stück nur für Streicher, in Stanley Kubricks Film 2001: A Space Odyssey.
---
Am Ende meines Balletts steht keine Anklage, sondern ein Fest. Giko hat sein Spiel verloren, die Kolchose steht wieder, und drei Paare feiern gemeinsam Hochzeit. Ich habe mir immer gewünscht, dass man nach dem letzten Ton nicht an den Verrat denkt, sondern an die Tänze, mit denen alles zusammenfindet. Hat dir die Handlung von Gayane gefallen? Ich hoffe, du hast jetzt ein Bild im Kopf, wenn du die Musik hörst, und kannst dir vorstellen, wer da gerade tanzt und warum. Mit der Geschichte ist aber längst nicht alles erzählt. Es gibt noch viel mehr an Gayane zu entdecken, zum Beispiel die Tänze aus den Suiten, die sich einzeln anhören lassen, oder das Adagio nur für Streicher, das 1968 in Stanley Kubricks Film 2001: A Space Odyssey zu hören war. Wenn du neugierig geworden bist, klick einfach auf die Links hier in der Nähe. Dort kannst du weiterstöbern, und ich freue mich, wenn du dabei etwas findest, das du so schnell nicht wieder vergisst.
